Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 20 (20.5.1898)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1898-05-20
- Page
- 16 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 20. Dieses Geschäft bedeutete, so schmutzig und ärmlich es auch war, für den ganzen Bezirk eine Lebensfrage. Denn in der Lade des kleinen Pultes lag friedlich neben dem abgegriffenen Buche, in dem Frau Channe Goldschild die Haushaltungsrechnung in musterhafter Ordnung führte, ein anderes nicht minder abgegriffenes, in das ihr Gemahl die Namen seiner Schuldner eintrug. Diesen entsprechend schwankten die Ziffern, die dahinter standen, von einigen Kreuzern bis zu vielen hundert Gulden. Mancher adelige Gutsbesitzer hielt hier seit vielen Jahren mit einem kleinen Bauern gute Nachbarschaft. An Wochentagen thronten Nathan Goldschild und sein Weib Channe abwechselnd hinter dem Ladentische. Am Sabbath jedoch wurde das ganze Geschäft einer alten Frau — der Schabbes-goite — anvertraut. Denn der sonst nicht allzu gewiffenhafte Branntweinschänker hielt streng darauf, den Feiertag zu heiligen. Dieser Widerspruch in der Lebensführung des Oheims fiel David bei seinem Besuche so recht in's Auge. Während in der Schänke trotz der frühen Nachmittagsstunde bereits wüstes Treiben herrschte, empfieng ihn — sowie er die mit der Mesusa geschmückte Wohnungsthüre hinter sich geschloffen — feierliche Sabbaths-Ruhe. Er fand den größten Theil seiner in Chiesch lebenden Glaubensgenossen im zweiten Zimmer versammelt. Der Held des Tages war der Bar Mizwa gewordene kleine Jsak. Man kam ihn zu beglückwünschen und brachte allerlei kleine Geschenke mit. So hatte der Rabbiner Rüben eine Fedcrschachtel, Moritz Beer aus Luditz zwei Hemden gesandt. Selbst der feiste Viehhändler Aron Spitzer hatte gestern beim Borüberfahren angehalten und ein Päckchen Lebkuchen für den hoffnungsvollen Sprößling des Hauses abgegeben. Die Krone jedoch aller Geschenke bildete der von der Großmutter Sarah gespendete Stoff, von dem Frau Channe behauptete, er würde nicht nur zu einem ganzen Anzuge, sondern, bei einiger weiser Sparsamkeit, auch noch zu einem Mützchen reichen. Jsak — der glückliche Besitzer aller dieser Herrlichkeiten — war ein merkwürdiger kleiner Bursche. Da er vom Vater die starke Hackennase und die krummen Beine geerbt hatte, durfte er keinerlei gerechtfertigte Ansprüche auf elastische Schönheit erheben. Doch wurde man nicht leicht müde, den Dreizehnjährigen zu beobachten. Alles an ihm war Leben und Bewegung. Bon den stets zuckenden Muskeln des fahlen Gesichtes bis zu den Spitzen der äußerst dünnen, von Frostbeulen gerötheten Finger! Der ganze schmächtige Körper schien unter den zu großen, auf das Wachsen des Besitzers berechneten Kleidern zu siebent und zu Ohne jede Scheu war das Kind dem erwachsenen Vetter, an den sich erinnern zu können es fest und steif behauptete, entgegengetreten und überschüttete ihn mit einer wahren Sturmflut von neugierigen Fragen. Ueberhaupt schien der Mediciner ganz und gar das Herz des Kleinen erobert zu haben. Beim Abschiede gab er ihm sogar bis auf die Straße das Geleite und beschwor ihn in leidenschaftlichen Superlativen, sich Abends bei der Großmutter Sarah einznfinden. Diese alte, etwa achtzigjährige Frau spielte eine große Rolle in der Familie Goldschild. Sie hatte ihrem Manne drei Söhne geschenkt, Joseph den Dorfgeher, Rüben den Rabbiner und Nathan, den Branntweinverkäufer. Damit hatte sie nicht nur für das Seelenheil ihres verstorbenen Gatten gesorgt, sondern auch dem eigenen Alter eine feste Stütze verliehen. Denn Ehrfurcht und Achtung vor den Eltern waren in der Familie Goldschild von altersher Brauch und Sitte. Nichtsdestoweniger verblieb Sarah nach wie vor in ihrem Stübel und zeigte allen Bitten ihrer Kinder, zu einem von ihnen zu ziehen, taube Ohren. Und das hatte seinen guten Grund. Joseph, der Aelteste, hätte ihr nur trockenes Brot zu bieten vermocht. Sein Elend mit ihm zu theilen verspürte aber die alte Frau keine Lust. Bei Nathan wieder fürchtete sie für die Ruhe ihrer Nächte, da die betrunkenen Gäste und bedrängten Schuldner oft so häßliche Saiten autogen, dass sich der Branntweinschänker in seinem Zimmer wie in einer Burg verschanzen musste. Auch dies war nicht nach dem Geschmacke der Greisin. Es blieb also nur noch das Haus des Rabbiners in Betracht zu ziehen. Rüben war unstreitig das begabteste ihrer Kinder und seit jeher der Gegenstand ihres Stolzes. Sicherlich würde sie bei ihm ihr Leben beschloffen haben, hätte nicht der ftomme aber eigenwillige Mann von einer Reise in Galizien Mirjam — Raphaels Mutter — als Gattin heimgeführt. Mirjam war damals ein schönes, großes . und auch vermögendes Mädchen gewesen. Sie stammte aus einer angesehenen spanischen Familie, die der Kabbala im Laufe der Jahrhunderte eine lange Reihe Lehrer, Schüler, und Märtyrer geschenkt. Die Tradition erzählte, einer ihrer Vorfahren sei ein Schüler des Asriel gewesen. Darin freilich hätte selbst das Auge der streng gläubigen Sarah Goldschild nichts Berdammenswerthes entdecken können. Waren doch damals die anerkanntesten talmudischen Autoritäten mehr oder minder der Geheimlehre ergeben! Weit bedenklicher aber schien es, dass die Großeltern der jungen Frau, durch mancherlei Stürme und Verfolgungen über Kleinasien und die Türkei nach Galizien verschlagen, in den Reihen der Frankisten gekämpft hatten. Ja — einer ihres Stammes sollte sogar an der fluchwürdigen Disputation von 1757 theilgenommen haben. (Fortsetzung folgt). Bücherwett. Die Inden in Galizien van Leo .Herzberg-Fränkel. („Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild." Galizien. Heft 15 und 1«.) Wien 1898. Das vorliegende von weil. Erzherzog Rudolf begründete Werk wird nach Ländern und diese wieder nach Materien bearbeitet. Bei der Behandlung Galiziens, worüber die Publikationen soeben in die Oeffentlichkeit gelangen, wurden von der Redactions- Commission auch die Juden berücksichtigt. Zuerst wurde Herr Segel, dann aber Herr Herzberg-Fränkel mit dieser Arbeit betraut. Ter Verfaffer hat sich aus 25 Druckseiten seiner Aufgabe entledigt. Er betrachtet weder die politischen, noch die wirtschaftlichen, sondern nur die ethnologischen Verhältnisse der galizischen Juden. Er flizziert selbst den Zweck seines Aufsatzes folgendermaßen: „Unser Bild schildert die große Mehrheit der galizischen Juden, die zpie fossile Ueberbleibsel alter Zeiten, in streng religiös-nationaler Abgeschiedenheit, nach Väterweise und frommer Tradition leben und die von Zeit und Geschichte, deren ferne Brandung sie kaum hören, nicht berührt werden." Der Verfasser stellt auch die Juden nicht als einen lebendigen Organismus, sondern als „fossile Ueberbleibsel" dar. Er beschreibt die Verlobungen, Hochzeiten und Scheidungen, Beschneidungs¬ und Bar-Mizwah-Feste, Gebete und Feiertage: für die christliche Welt genug, um sich ein oberflächliches Bild des größeren Lebensganges der strenggläubigen Juden zu schassen.' Einige Holzschnitte sollen die Schilderungen besser veranschaulichen. Aber was all diesen Ceremonien an Poesie, Weltphilosophie und Zukunftsträumen zu Grunde liegt, das vermag wohl kaum jemand herauszulesen. Der Verfasser hat kurz und trefflich das Wesen der Karaiten charakterisiert; an den Chassidim aber ist er vorübergegangen, indem er sie als „wllde und fanatische Derwische" hinstellte. Damit ist das Wesen des Chassidismus nicht erklärt. Und gerade die Kreise, für welche diese Publication bestimmt ist, würde es gewiss interessieren, die Genesis dieser Secte und die Bestrebungen ihres Begründers kennen zu lernen, dem selbst Zangwill in feinem „Dreamers of the Ghetto“ eine besondere Abhandlung widmete: .The Master, of Ihe Name.“ L. Soeben ist im Verlage der Warschauer Anstalt „Tuschijah" eine Reihe «euer pädagogischer Schriften erschienen. Die Leistungen der „Tuschijah" speciell auf pädagogischem Gebiete haben wir bereits zu wiederholtenmalen gewürdigt und wir erwarten auch von der jetzt im Erscheinen begriffenen „Hebräischen Bibliothek" das Gediegenste und Beste. M. B. Herausgeber: P. Nafthaurr. Berantw. Red.: Dr.Sirgm.Werner. Buchdruckerei »Industrie" (S.Bergmann), VILL, Schlösselg. 11.