Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 20 (20.5.1898)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1898-05-20
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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die Dinge des praktischen Lebens zeigte er keinerlei Verständnis. „Was wirst Du jetzt anfangen?" forschte der Student mitleidig. „Ich weiß es nicht!" erwiderte der Andere gleichmüthig. „Wie alt bist Du?" „Achtzehn Jahre!" „Mit achtzehn Jahren muss jedermann wissen, was er im Leben leisten will!" tadelte David streng. Der Blonde zuckte die Achseln. Es habe zu jeder Zeit Männer gegeben, denen die Erforschung des Jenseits das Wichtigste auf der Erde geschienen. „Aber unser Volk kennt keine müssigen Träumer!" rief der Mediciner. „Auch unser Volk zählt unter seinen Söhnen große Denker!" „Ja!" entgegnete David, „Denker und Wohlthäter der Menschheit — aber keine Heiligen und verrückten Hysteriker. Unser Glaube erlaubt uns Menschen zu bleiben — Menschen, die nicht nur die Liebe, sondern auch den Hass, nicht nur die Milde, sondern auch die Rache kennen!" „Und auf diesem Wege sind wir glücklich das geworden, was wir heute sind — eine Insel im Meere der Menschen!" Unverkennbar mit Hohn und Bitterkeit fielen die Worte von Raphael's Lippen. Eine peinliche Pause trat ein. „Das sagst Du? Der Sohn des Rabbiners!" fragte dann David betroffen. „Vielleicht eben — weil ich der Sohn des Rabbiners bin!" erwiderte der Blonde herb. Und dann begann er von dem Wesen Gottes, dem herrlichen Buche Sohar und seinen wunderbaren Verheißungen zu erzählen. David hörte dem Vetter aufmerksam zu. Aber was da im vollen Brusttöne der Ueberzeugung an sein Ohr schlug, war ihm fast unverständlich. Das eine jedoch glaubte er dieser Lehre entnehmen zu können — die Theilung der Person Gottes. Er legte daher die Hand auf den Arm des jungen Predigers und fragte sehr ernst: „Sag' — willst Du Christ werden?" Raphael schüttelte verneinend den Kopf. Sein Glaube sei der vieler tausend guter Juden in Polen, wenngleich auch der Lehre des Nazarener's verwandt. Ein kluger israelitischer Jüngling, Elieser, habe ihn darin in Krakau unterrichtet. Ob denn David nicht auch schon Zweifel an der starren Lehre der Buchstaben aufgestiegen seien? „Ich bin weder Rabbiner noch Theologe, sondern Mediciner!" erwiderte dieser einfach. „Und Du theilst den Glauben unserer Väter?" Statt aller Antwort erhob sich der Student von der Bank mit den Worten: „Komm — der Sabbath geht ein — lass' uns in die Synagoge gehen!" „Und Du theilst den Glauben unserer Väter?" fragte Raphael noch einmal dringend. Aber auch diesmal erhielt er keine Antwort. 2. Capitel. Es war in der That hohe Zeit, wollten die Jünglinge noch rechtzeitig zuur Gottesdienste eintreffen. Wie sie durch die enge Gasse schritten, die zur Synagoge führt, kam ihnen eine abenteuerliche kleine Gestalt in größter Eile entgegen. Es war ein verwachsenes, trotz des Sabbates äußerst ärmlich und unsauber gekleidetes Männchen, deffen krummen Beinen man eine so rasche Gangart gar nicht zugetraut hätte. Raphael blieb stehen und frug den Studenten: „Erkennst Du ihn?" „Es ist Onkel Nathan!" nickte David. „An ihm scheinen die Jahre spurlos vorüberzugehen!" Tann rief er laut den Eilenden an. Aber Nathan Goldschild wandte nicht einmal den Kopf nach ihm. Erst als Raphael ihm in den Weg trat und ihn lachend am Arme festhielt, blieb er stehen. Die krummen Beine jedoch schienen diesem plötzlichen Uebergange nicht gewachsen zu sein und zappelten unruhig wie die eines ungeduldig den Boden scharrenden Pferdes auf und nieder. „Was willst Du von mir?" herrschte er höchst ungnädig den Neffen an. „Hier ist jemand, der eine Plett *) für Dich hat!" entgegnete dieser mühsam seinen Ernst bewahrend. „Soll ich leben!" schrie das Männchen gellend auf, in heller Verzweiflung beide Arme zum Himmel hebend. „Der Schabbes ist schon lange gemacht und wir sind nicht eingerichtet ans einen Gast!" „Nun — dann kann der Fremde bei uns bleiben!" begütigte Raphael den Erregten. „Aber sieh' ihn Dir doch wenigstens an! Erkennst Du ihn denn nicht?" Es ist ja David! Dein leiblicher Neffe!" Aber der Alte hörte nicht auf, von einem Beine auf das andere zu springen, als ob er sich die Füße erwärmen wollte und begnügte sich d-imit, seinem Verwandten einen rasch prüfenden Blick ans den roth geränderten Augen zuzuwerfeu. „Schön", rief er aus, sichtlich froh, diesen blassen Burschen nicht an seinem Tische sättigen zu müssen. „Führe ihn nur zu Deinem Vater! Dort wird er es besser haben! Und nun gut Schabbes! Ich habe keine Zeit!" Damit wagte er einen Versuch, sich loszureißen. „Wohin willst Du denn?" mischte sich jetzt auch David in das Gespräch, über den kühlen Empfang mehr belustigt als gekränkt. „Der Sabbath wird ja gleich eingehen!" „Das ist es ja eben!" jammerte Nathan. „Ter Wenzel, der lange Knecht aus dem Brauhanfe, ist mir zwei Gulden schuldig, die heute verfallen! Aber er ist mit seinem Fuhrwerk noch immer nicht aus Lubenc zurück! Wer soll das schöne Geld eincassieren, wenn der Sabbath eingegangen! Ich will ihm noch rasch auf der Straße entgegeulaufen! Vielleicht begegne ich ihm, ehe die Sonne untergegangen!" Während der Rede war es ihm gelungen die Hand Raphaels von seinem Arme abznschütteln, und ohne weiteren Gruß lief er nun eilends davon. „Er ist also noch immer der Alte?" fragte der Student ihm nachblickend. „Gott und das Geld gleich leidenschaftlich liebend!" „Glaubst Du etwa, dass ein solches Leben dem Höchsten wohlgefällig sein könne?" entgegnete Raphael sehr ernst. Aber der Mediciner schien einem erneuten Gespräche über Religion ans dem Wege gehen zu wollen. „Was ist mit Jsak?" frag er ablenkend. Der Vetter zuckte die Achseln. „Was soll aus einem Knaben werden, dessen Vater die Leute mit Branntwein berauscht und ihnen das vertrunkene Geld zu Wucherzinsen stundet! Es ist schade um das Kind! Uebrigens wird er morgen zur Thora gerufen!" „Wie?" rief David erstaunt. „Der kleine Jsak ist schon Bar Mizwa?" Raphael bejahte. Und zwar sei der Knabe nicht nur dem mosaischen Gesetze gemäß, sondern auch in der That geistig reif. Er stehe dem Branntweinhändler an Klugheit und Verschlagenheit nicht nach. Inzwischen hatten sie das Hänschen des Rabbiners Rüben Goldschild erreicht und Raphael trat ein, um für den Vetter einen Talles zu holen. Dann überschritten sie gemeinschaftlich die Schwelle der gegenüberliegenden Synagoge. HI. Am folgenden Tage suchte David das Haus seines Oheims 'Nathan auf. Es lag auf der Lubencerstraße und war eines der größten und ansehnlichsten des Städtchens. Das erste Stockwerk wurde an Parteien vermiethet, da sich die Familie mit den zwei geräumigen Stuben, die im Erdgeschoße hinter der Brantweiuschänke lagen, begnügte. *) Plett Anweisung auf Sabbathkost in einer Familie.