Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 19 (13.5.1898)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1898-05-13
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16 Das Testament hatte daher den lauten Tadel aller Ver- - wandten erregt. Eine Jugend voller Entbehrungen stand dem armen Knaben bevor. Frühzeitig hatte er daran denken müssen, seine schmale Rente zu vermehren. Da er eine schöne Hand schrieb, gelang es ihm durch Copieren literarischer Arbeiten einen kleinen Zuschuss zu erwerben. Nachdem er in die höheren Classeu aufgerückt war, gestaltete sich seine Lage etwas besser. Die Professoren empfahlen den findigen, bescheidenen Burschen gerne minder begabten, aber mit Glücksgütern reichlicher gesegneten Mitschülern als Correpetitor. Diesem jungen Lehramte verdankte David nicht nur manchen blanken Gulden Honorar, sondern auch den Zutritt in bessere gesellschaftliche Kreise. Und letzteres war für den kleinen Juden von fast noch größerem Werte gewesen. Seine Klugheit erkannte rasch, dass es nicht genügt, ein reiches Wissen zu besitzen, sondern dass auch die Kunst, es formvollendet wiederzugeben, erlernt werden muss. Mit eisernem Willen war er daher bestrebt gewesen, sich zunächst eine klare, leicht faßliche Sprache und gefällige Umgangssormen anzueignen. Dass unter derart widrigen Verhältnissen seine Studienzeit einem erbitterten Kamps ums Dasein geglichen, ist schon aus dem Erwähnten leicht ersichtlich. Dazu kam noch, dass David Goldschild keineswegs leicht In den ersten Jahren hauptsächlich, wo das Gedächtnis ein wertvollerer Bundesgenosse ist, als der schärfste Verstand, war er mehr als einmal mit von Thränen gefüllten Augen vor seinen Büchern gesessen. Leidenschaftlich hatte er sich hinaus in Gottes fteie Welt gesehnt, um seine Kräfte zu bethätigen. Wie beneidenswert schienen ihm damals oft seine jungen Stammesgenossen, die schön gekleidet, mit bunten Halstiichern und lichten Beinkleidern, sich gewandt hinter den Tischen der glänzenden Geschäfte der Leopoldstadt bewegten. Jene Glückseligkeit wäre so leicht zu erreichen gewesen! Aber der alte Dorsgeher hatte besohlen, dass sein Kind studieren solle, und für David war das Testament des Vaters ebenso heilig wie jene Gebote, die in den Steintafeln des großen Moses gemeißelt stehen. Das Jahr 48 hatte den jungen Goldschild auf der Universität gefunden, wo er Medicin studierte. Mit Begeisterung warf sich der heißblütige Jüngling der revolutionären Bewegung in die Anne. Er agitierte, schrieb leidenschaftliche Artikel für den „Freimüthigen" oder den „Studenten-Courier" und schrie sich in ungezählten Versammlungen heiser. Das thaten gleich ihm damals viele hundert andere seiner Glaubensgenossen: Wir erinnern nur an Mahler, Isidor Heller, Karl Tausenau, Buchheim, Jelinek, Engländer. Aber kaum einer war sich so gut wie der böhmische Jude bewusst, dass es das siegreiche Princip des mosaischen Glaubens war, das der christlichen Gesellschaft wieder erobert werden musste. Dieses Princip lautet: Ein Recht für Alle. Unter den Völkern, die um das demokratische Panier mit den Regierungen rangen, war der Gedanke dieser Formel lebendig geworden. Die Israeliten, denen es zuerst Gesetz gewesen, zogen jetzt daraus schon Vortheil. Denn große Forderungen gestatten nicht kleinliche Klauseln Ganz ohne Widerspruch gieng es allerdings nicht ab. Während das Volk auf der einen Seite stürmisch die Gleichstellung der Juden forderte, leitete es auf der anderen erbitterte Verfolgungen gegen dieselben ein. Am deutlichsten trat dieser Zwiespalt auf dem Reichstage zu Kremsier, am blutigsten durch die wüsten Straßenscenen in Pressburg und Prag zutage. Är 19. David Goldschild war viel zu klug, um die Tragweite jener Ereignisse zu unterschätzen. Er athmete erst auf, als die Verfassung am 4. März 1849 die volle Emancipation der Juden aussprach. Nun wusste er, dass der Sieg für alle Zukunft an seine Fahne geheftet sei! Nicht, dass er etwa mit politischer Kurzsichtigkeit an die Lebenskraft der neuen Constitution geglaubt hätte! Die Absonderung Israels war jedoch ein Merkmal der alten Zeit, war „vormärzlich" geworden. Durch dieses Schlagwort wurde jeder dahinzielenden Bestrebung das Ohr der breiten Massen entzogen. Gleich einer farbenprächtigen Vision stieg die Erinnerung an die „große Zeit" vor dem Jünglinge aus, als der Anblick des böhmischen Landstädtchens ihm alle Qualen und Demüthigungen seiner Kindheit wieder vergegenwärtigte. Dass er in dem großen, siegreichen Kampfe hatte mitkämpfen dürfen — das schwellte jetzt seine schmale, eingefallene Brust mit Stolz! Unterdessen hatten sie die holperige, steinige Gasse erreicht, die — nur wenige Meter lang — auf den großen Ringplatz mündet, um aus der gegenüberliegenden Seite nach fast ebenso kurzem Laufe wieder in die grundlose Landstraße üderzugehen. Hinter einer erblindeten Fensterscheibe spähte das bleiche Gesicht einer alten Frau neugierig auf die Straße und auf dem Platze stand eine kleine Gruppe Bürger vor dem Hirschschen Geschäfte. Aber die Entfernung war zu groß, als dass Davids kurzsichtige Augen die einzelnen Gesichter hätten erkennen können. Da hielt der Wagen auch schon vor dem Gasthose. Der Student griff nach seinem Koffer und dankte dem Viehhändler für den geleisteten Dienst. Die Wirtschaft hatte den Besitzer gewechselt. Ein ftemder Mann wies David mürrisch ein kleines Stübchen im oberen Stockwerke an. Aber der junge Mediciner wurde kaum den unfreundlichen Empfang gewahr! So voll war sein Herz! Kaum dass er sich die Zeit nahm, einen frischen Kragen umzubinden, und die Kleider vom Staube zu reinigen. Dann eilte er ins Freie. Aber er bog nicht etwa nach rechts ein, wo die alte Brücke mit den schadhaften Steinbildern des heiligen Nepomuk und Sebastian nach dem Ringplatz führt, sondern er eilte aus einem ausgefahrenen Feldwege dem herrschaftlichen Parke zu. Dort, unter den verschwiegenen, rauschenden Kronen der alten Bäume hatte der junge Jude die schönsten Erinnerungen seiner freudenarmen Kindheit zu suchen. Es waren dies die Sabbatnachmittage, die er mit dein Vater hier Angebracht. Mit seinem besten Röckchen geschmückt, hatte er neben dem alten Dorsgeher auf der Bank sitzen und den Erzählungen aus dem welken, zahnlosen Munde lauschen dürfen. Ost war es auch der einzige Tag der Woche gewesen, an dem sich Vater und Sohn ordentlich satt gegessen hatten. Auch heute war Freitag. In wenigen Stunden brach der Sabbat au. In der Großstadt hatte David ihn zu heiligen verlernt. Aber hier in Chiesch — wo die Eltern gelebt und gehofft — wollte er's nicht anders halten, als sie es gethan. Langsam schlug er den Rückweg ein, um seine besten Kleider anzuziehen und in die Synagoge zu gehen. Wie er das Parkthor schon fast erreicht hatte, gewahrte er auf einer der weißgeftrichenen Bänke einen Jüngling, der ganz weltentrückt in die vom Abendwinde leise bewegte Baumkrone einer Linde starrte. Es war ein auffallend schöner Mensch, mit krausem, blonden Haar und lichten, seelenvollen Augen. Man hätte in ihm kaum den Semiten vermuthet. Wenigstens nicht den Semiten, wie wir uns ihn vorzustellen gewohnt sind. (Fortsetzung folgt.) Herausgeber: P. Nsptzaurr. Berantw. Red.: Dr.Siegrn.Werner. Buchdruckerei »Industrie" (S.Bergmann), VIIL, Schlösselg. H