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Die Welt · 1898-05-13 · 19 (13.5.1898) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
19 (13.5.1898)
Article
Die Goldschilds
Date
1898-05-13
Page
15 (sequence 1)
Language
German
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jfconrar Sekte 15 Nr. 19 Die Goidschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. E r st e s Buch. 1. Capitel. Man schrieb das Jahr 1850. An einem warmen Maiabende rollte das Wägelchen des reichen Viehhändlers Aron Spitzer aus der bergigen und staubigen Straße dahin, die die beiden böhmischen Städte Luditz und Chiesch verbindet. Auf dem Vordersitze hatte neben dem feisten Besitzer des Fuhrwerkes ein etwa zwanzigjähriger Jüngling Platz genommen, dessen Kleidung den Fremden verrieth, selbst wenn der kleine gelbe Handkoffer, den er ängstlich zwischen den Knien eingeklemmt hielt, nicht auf eine zurückgelegte Reise hätte schließen lasten. Sein bleiches, eingefallenes Gesicht zeigte jene scharfe Ausbildung der nicht unschönen Züge, die der semitischen Raffe eigen ist und ihrer Jugend frühzeitig den Anschein geistiger Reife verleiht. Die Reise schien den schwächlichen Burschen ermüdet zu haben. Bald nachdem sie der steilen Bergstadt Luditz den Rücken gekehrt hatten, war er trotz des unbequemen Sitzes eingeschlafen und erwachte erst aus seinem Schlummer, als der Viehhändler ihm mit dem Peitschenstiele auf das Knie klopfte und ermunternd zurief: „Wach auf, David! Wir sind in Chiesch!" Erschrocken fuhr der Jüngling auf und rieb sich die Augen. Ja — da lag sie vor ihm — seine kleine, böhmische Vaterstadt! In dieser Jahreszeit, wo ein weißer Kranz blühender Obstbäume sie umzog, bot sie mit dem imposanten Schlosse, der hochthürmigen herrschaftlichen Begräbniskirche und der mastigen Synagoge ein freundliches, einladendes Bild. Die müden Züge Davids klärten sich auf. Eine reine, heilige Freude strahlte aus seinen Augen. Er reckte sich gerade, rückte die Halsbinde zurecht und klopfte mit der flachen Hand den weißen Staub aus seinem fadenscheinigen Röckchen. Zehn volle Jahre hatte David Goldschild seinen Geburtsort nicht mehr betreten. Wie ungeheuer Vieles musste sich in dieser Zeit verändert haben! Waren es doch die Sturm- und Kampfjahre 48 und 49, die dazwischen lagen! Jahre, die den bis dahin politisch unfreien Massen unvergesslich bleiben müsten, für David's Glaubensgenossen aber vollends mit gutem Rechte wahre Erlösungsjahre genannt zu werden verdienen! Aus dem vielhundertjährigen Streite war Israel als Sieger hervorgegangen! Alle Beschränkungen, alle Ausnahmsgesetze, durch die sich die vormärzliche Gesellschaftsordnung vor der jüdischen Intelligenz schützen zu mästen gemeint hatte, waren gleich Spreu vor dem Winde verflogen. Fast über Nacht waren aus heimatlosen, jeder Willkür preisgegebenen Geschöpfen Vollbürger eines der größten europäischen Staaten geworden. Keiner hatte die hohe, sittliche Bedeutung dieser großen Zeit mit tieferem Ernste gewürdigt als David. Denn seine Kindheit war gar traurig gewesen. Als Sohn eines armen Dorfgehers — d. h. eines Mannes, der die ganze Woche das schwere Warenbündel auf dem Rücken, das Land durchzieht, um die Bauern und Häusler mit dem Nöthigsten zu versehen — hatte er Schwester Noth und oft auch Gevatter Hunger zu Spielgefährten gehabt. Die Mutter hatte er frühzeitig verloren. Der einzige Lichtpunkt in seinen Erinnerungen war das Bild des Vaters. Den sah er noch deutlich vor sich! Ein langer, hagerer Mann mit gekrümmtem Rücken und näselnder Stimme, der ein ohrenzerreißendes Kauderwelsch von böhmischen, polnischen, deutschen und hebräischen Worten sprach. Sein Beruf brachte es mit sich, dass der Vater sein Kind nur an einem Tage der Woche — am Sabbate — sah. Dafür war aber dieser für die zwei Menschen ein wahrer Festtag gewesen. Alle Freitag Abend war der kleine David dem alten Joseph auf der Landstraße entgegen gelaufen. Entweder in der Richtung nach Luditz bis zur steinernen Brücke, oder in der nach Lubenz bis zum Struhazer Wäldchen. Dort hatte das Kind dann geduldig geharrt, bis es der gebeugten Gestalt des Torfgehers ansichtig wurde und kehrte an der Hand des Vaters heim. David zählte kaum 10 Jahre als die Chevra Kadischa*) sich um das Lager des frühzeitig gealterten Joseph versammelte. Aber obgleich er nun bereits den zwanzigsten Geburtstag gefeiert hatte, erinnerte er sich noch ganz genau des entsetzlichen Augenblickes, wo die hagere Gestalt des Vaters sich auf dem kümmerlichen Lager streckte, und sein Röcheln plötzlich verstummte. Ja — selbst der Tonfall mit dem die frommen Brüder ihr „Gelobt sei der gerechte Richter" ausgerufen, war ihm unvergesslich geblieben. Dann hatte man dem Toten die verglasten Augen zugedrückl und Thonscherben darüber gelegt. Das kleine Spiegelchen an der Wand war umgedreht und alles Wasser im Hause ausgefchüttet worden. Der kleine David hatte alle Zeremonien der Bestattung über sich ergehen lassen. Nichts hatte er versäumt. Weder die drei Schollen in das offene Grab zu werfen noch auf dem Rückwege vom „guten Orte" Gras aus der Erde zu reißen. Gewisfenhaft hatte er dabei jedes einzelne Wort der üblichen Sprüche ausgesprochen, um ja Alles zu thun, was dem Vater die ewige Ruhe sichern konnte. Als er aber mit den Verwandten durch die Reihe der Trauergäste eilend, ihr „Gott tröste Dich, wie alle jene, die um Zion und Jerusalem trauern" vernommen, — da war ihm das kleine Herz so schwer geworden, dass er keinen Bissen der Linsen und Eier des Trauerschmauses zu verzehren imstande gewesen war. Nach den sieben Tagen der schweren Trauer schickte man ihn, dem letzten Willen des Vaters gemäß, nach Wien zu einem entfernten Verwandten. Dort sollte er „studieren". Die Mittel dazu hatten sich im Nachlasse des armen Dorfgängers gefunden. Allerdings waren es nur einige hundert Gulden. Aber es schien ihm ein Räthsel, wie es Joseph Goldschild gelungen war, bei einem so kargen Erwerb diese Summe zu ersparen. Jeder Heller des Geldes bedeutete eine Stunde des Hungers. Dass sich bei einem so geringen Vermögen nicht prusten ließ, war selbstverständlich. Noth und Elend hatten auch ferner das Geleite des kleinen Juden gebildet. Nun war der Schauplatz seines Jammers nicht mehr das böhmische Nest, sondern eine enge, finstere Gaste der Leopoldstadt in Wien. Selbst bei der größten Sparsamkeit hatte das Capital nicht ausgereicht, den Lebensunterhalt durch alle Studienjahre hindurch zu bestreiten. Wäre das Geld fruchtbringend angelegt worden, so hatte das Kind nach erlangter Mündigkeit genug besessen, um ein gutes Geschäft zu erwerben und einen eigenen Herd zu gründen. Der letzte Wille des alten Joseph aber forderte klar und bestimmt, sein Sohn müsse studieren. *) Fromme Bruderschaft zur Krankenpflege und Leichenbestattung.

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