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Die Welt · 1898-05-13 · 19 (13.5.1898) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
19 (13.5.1898)
Article
Der Zionismus und seine Gegner
Date
1898-05-13
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr l> jpit^wdtr Seite 3 ich weifs nicht welche Mission haben sollen. Vorbilder und Lehrer der übrigen Völker zu sein, und dass der Zionismus sie an der Erfüllung dieser Mission verhindert, da er sie von ihren Lehrstühlen und Modelltischen inmitten der Völker abberuft. Diesen Einwand zu widerlegen, verzichte ich vollständig. Ich könnte es wirklich nicht in parlamentarischen Ausdrücken thun. Ich überlasse es den Antisemiten, die größenwahnsinnige Selbstüberhebung der armen Teufel zu verspotten, die unter dem Gelächter und den Fußtritten der Völker sich mit Cotillonorden und Papierkronen herausputzen und dem johlenden Haufen zurufen: „Seht! Ich bin euer Lehrer und Vorbild!" Wir leiden nicht an einem derartigen Delirium. Wir wollen in aller Bescheidenheit vor allem leben und dann uns selbst zu einem Mustervolk erziehen. Wollen die anderen Völker das wiedergeborene Judenvolk sich später zum Beispiel nehmen, so wird uns das eine große Ehre sein, die zu verdienen wir alle Anstrengungen machen werden. Aber uns den Völkern, die von uns nichts wissen wollen, als Lehrer auszudrängen, das ist ein Gedanke, für den in unserem Kopfe kein Platz ist. Die beiden mystischen Einwände, dass der Zionismus der Vorsehung vorgreift und dass er die Mission der Juden stört, können wir also vernachlässigen. Nur die drei anderen Einwände: der Zionismus ist unausführbar, er ist eine Gefahr für das Judenthum, er ist unnöthig, dürfen den Anspruch erheben, dass wir uns ernst mit ihnen auseinandersetzen. (Schluss folgt.) K Der zweite Baseler Eongress. 2^ Was wir bereits vor einigen Wochen ankündigten, trifft jetzt buchstäblich ein. Die Einberufung des zweiten Zionistencongresses nach Basel hat wieder alle Gegner mobil gemacht. Sie nehmen sich aber Heuer noch weniger schreckhaft aus, als im vorigen Jahre. Man erinnere sich, was die Herren Gegner nun vor einem Jahre alles aufboten, um den Zionistencongress unmöglich zu machen. Nach München wollten wir den Eongress berufen — großes Wehgeschrei in der dortigen Eultusgemeinde! Daraufhin haben wir, dem Münchener Eultusvorstande zum ewigen Angedenken, den Eongress nach Basel verlegt. Die Baseler Juden, die vorher auch keine Zionsfreunde gewesen, können sagen, ob ihnen der Eongress Schande oder Verlegenheiten bereitet hat. Im vorigen Jahre erfolgte vor dem Eongress auch ein Protest einiger Rabbiner, die mit einer alterthümlichen Feuerspritze gegen den Zionismus ausrücken wollten. Sie erzielten einen starken Heiterkeitserfolg. Auch gab es eine Anzahl „praktischer" Zionisten, die gegen uns mit den fragwürdigsten Mitteln arbeiteten. Solange sie dies nur aus mangelnder Einsicht für die Nothwendigkeit eines öffentlichen Eongresses thaten, konnte man gegen sie Nachsicht üben. Aber wenn die Feindseligkeit wieder beginnt, wird man diese Leute definitiv aus der Bewegung ausschalten müssen. Zuerst wollten sie den Eongress vereiteln, dann, als dies misslang, wollten sie uns durch ihre Theilnahme schwächen. Wir signalisieren die neuerlich beginnenden Umtriebe unseren Gesinnungsgenossen. Auf Einzelheiten gehen wir nicht ein, noch weniger auf Widerlegungen der vorgebrachten „Gründe". Es wäre eine müßige Wiederholung oft gesagter Dinge, und wir können den Eongressgegnern wirklich nicht den Gefallen thun, ihre „Bedenken" ernst zu nehmen. Das provisorische Bankcomite in Köln, bestehend aus Herrn D. Wolffsohn (Obmann) und den Rechtsanwälten Dr. Bodenheimer und Dr. Schauer-Mainz hat sich bereits constituiert. Eine große Anzahl von Zuschriften ist bei Herrn D. Wolffsohn eingelangt. Die Anfragen werden oirect beantwortet. Das Bankcomitä wird demnächst einen Aufruf erlassen, worin Zweck und Umfang der Vorbereitungsarheiten bekanntgemacht werden. Herr Wolffsohn begibt sich in dieser Woche nach Frankfurt a. M. In Wien wie in anderen Städten haben die vorläufigen Subscriptionen auf Shares der Jüdischen Colonialbank begonnen. Als erster Zeichner hat ein Mitglied des Actionscomites tausend Shares für sich und tausend Shares für seine Kinder subscribiert. Zusammen also 2000 Pfund Sterling. Die Woche. Wien, 12. Mai 1898. In München werden antisemitische Frauenorgcmisationen ins Leben gerufen. Früher war für die europäische Damenwelt Paris in Modesachen tonangebend, jetzt macht sich daneben der Einfluss von Wien stark geltend. Nur erstreckt sich der Export der Wiener Firmen aus viel idealere Güter. Während sich Paris durch eine namhafte Erzeugung von Miedern, Handschuhen, Strumpfbändern, Hüten rc. haupffächlich um das leibliche Wohl der europäischen Weiblichkeit verdient macht, übt Wien seinen wohlthätigen Einfluss durch eine mustergiltige Production der antisemitischen Weltanschauung mehr auf das Seelenleben der Damen aus. So ist auch die Münchener antisemitische Frauenorganisatiou auf dem Wiener Programm aufgebaut. Es besteht im Grunde nur aus einem einzigen Gebot: Die Juden aushungern. Dieses Hineinziehen der Weiber in die antisemitische Bewegung ist eigentlich eine geniale Idee. Das zarte Frauengemüth eignet sich vorzüglich als Nährboden für die antisemirische Weltanschauung. Die Frauenseele hat ein gewisses Bedürfnis nach Hass, der das Recht der Schwächeren ist, und es ist ein zäher, solider Hass, der sich da einnistet. Ter Mann, der bekanntlich hinaus muss in's feindliche Leben und tagsüber verschiedene Sorgen hat, ist hie und da für ein Stündchen verhindert, an die Juden zu denken. Und da ist es gut, wenn im Hause ein Genius waltet, der den Judenhass sicher und innig bewahrt, gewissermaßen ein Reservoir, eine Kraftquelle von Antisemitismus, die den hie und da ermattenden Gatten mit frischer Energie versorgt, — eine Einrichtung, die sich besonders zu Zeiten der Wahlcampagne ausgezeichnet bewährt. Dann die Kindererziehung! Schon mit der Muttermilch sollen die kommenden Generationen den Antisemitismus einsaugen, schon aus dem Wiegenlied sollen sie die für den Lebensweg nöthigen Informationen über die Juden schöpfen. Die Hauptaufgabe des antisemitischen Weibes ist aber doch das Aushungern der Juden. Die Hausfrau, die für die Familie die Einkäufe besorgen geht, bekommt mit auf den Weg die Parole: „Kauft nicht bei Juden!" Als vor einigen Monaten in Wien der Zusammenbruch einer großen jüdischen Firma erfolgte, da bezeichneten die antisemitischen Blätter jubelnd die Katastrophe als glänzenden Erfolg der Wiener „christlichen" Frauenorganisationen. Das ist die Arbeitstheilung in der Familie. Jedem Familienmitgliede wird je nach seinen Fähigkeiten, je nach seinem Wirkungsfelde eine andere Aufgabe im Kampfe gegen die Juden zugewiesen. Die antisemitische Frau hat zudem noch das Gute an sich, dass sie die agitatorische Kleinarbeit, die Propaganda „von Mann zu Mann" sehr gewissenhaft besorgt. Die bekannte Institution der Kaffeekränzchen bietet dazu die schönste Gelegenheit. Interessant ist auch Folgendes. Gerade die Städte, die im besonderen Rufe der „Gemüthlichkeit" stehen, zeigen eine

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