Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 19 (13.5.1898)
- Article
- Der Zionismus und seine Gegner
- Date
- 1898-05-13
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite * jpit#w<r Nr. 19 Feindschaft entgegenzutreten; uns einen Rath zu geben, seid ihr so wenig berusen, wie etwa den Storthingsparteien in Christiania euern Rath anzubieten". Das antworten wir jenen Juden, deren Programm kurz lautet: „Verschwinden!" Und wir wollen ihnen auch ein Beispiel geben, um dessen Nachahmung wir bitten. Wir bekämpfen sie nicht, so lange sie uns zufrieden lassen. Wir suchen sie nicht von der Falschheit und Verwerflichkeit ihrer Richtung zu überzeugen. Wir wollen ihrem Abfall vom Judenthum kein Hindernis in den Weg legen. Und doch haben wir ein ungleich besseres Recht, uns xuii ihnen, als sie sich mit uns zu beschäftigen. Denn wir fühlen uns als Juden, was sie nicht thun und uns ist darum nichts Jüdisches gleichgiltig, während das bei ihnen wohl der Fall ist. Nicht als ob wir keine Meinung über ihr Programm hätten. O ja, wir haben eine Meinung darüber. Wir sind überzeugt, dass ihre Methode die Judenfrage nicht löst. Der Einzelne, der durch die Taufe oder in irgend einer anderen Form das Judentbum von sich schüttelt, erreicht vielleicht seinen Zweck des spurlosen Untergehens in der Menge der christlichen Volksgenosien. Ich sage: vielleicht, denn damit dies gelinge, sind eine ganze Anzahl Voraussetzungen erforderlich, die sich nicht allzuhäufig vereinigt finden. Der Flüchtling aus dem Judenthum darf nicht in einem kleinen Orte wohnen, wo die Nachbarschaft ihn und seine Familie seit Geschlechtsaltern kennt; denn in dieser Umgebung wird er, werden seine Nachkommen, wenigstens mehrere Menschenalter lang, immer die getauften Juden bleiben und von den ersten, vollwichtigen Ariern genau unterschieden werden. Er muss also entweder schon von den Eltern und Großeltern her ein Zugvogel sein oder selbst ein Zugvogel werden, er muss ein Flüchtling nicht nur aus seinem Stamme, sondern auch aus seiner gewohnten menschlichen Umgebung werden, sonst folgt ihm der Steckbrief des Judenthums auch in fein neues Dasein hinüber. Ferner muss er auf jeden persönlichen Ehrgeiz verzichten, er muss es sich streng versagen, aus irgend einem Gebiete menschlicher, bürgerlicher Thätigkeit nach Entfaltung seiner Fähigkeiten, nach Erfolg und Ruhm zu streben. Denn thut er sich im Geringsten hervor und erweckt dadurch den unvermeidlichen Neid überflügelter Mitstrebender, so kann er mit tödtlicher Sicherheit darauf rechnen, dass man ihm seine jüdische Herkunft zwischen die Beine werfen, und dass er darüber genau so straucheln wird, wie wenn er stolzer Bekenner feines Judenthums geblieben wäre, vielleicht nicht mehr, aber auch sicherlich nicht weniger. Also um nach der Methode des Verschwindens, des Untertauchens ein Adoplivarier werden zu können, muss der einzelne judenscheue Semite eine vollständig dunkle Persönlichkeit sein und mit eiserner Standhaftigkeit sein Leben lang auch bleiben. Er selbst kann nicht hoffen, zu seinen Lebzeiten den Vortheil einzuheimsen, den er sich von der Verleugnung feines Stammes und seiner selbst verspricht. Dieser Vortheil kommt höchstens seinen Kindern oder Kindeskindern zu gute, die Methode schließt also thatsächlich sehr viel Zukunftsmusik in sich, mindestens ebensoviel wie der Zionismus, wahrscheinlich erheblich mehr als dieser. Und bemerken Sie, geehrte Versammlung, dass Alles, was ich bisher gesagt habe, nur vom Einzelnen gilt. So wie man versucht, die Methode des Untergehens und Verschwindens im Großen anzuwenden, steht man vor einer baren Unmöglichkeit, die eigentlich gar nicht erörtert zu werden verdient. Einmal will die große Masse der Inden von ihrem Judenthum durchaus nicht lassen, und würde auch in dieser Zeit der Glaubenslauheit immer noch lieber Verfolgung und Tod erleiden, als von ihrem Glauben, ihren Ueberlieferungen, ihrem eigenartigen Volkstbum abfallen. Aber zweitens, »selbst wenn das Unglaubliche geschähe, wenn die Juden sich stoisch zu einem Volksselbstmord entschließen wollten, so würde ihnen diese äußerste Verzweiflungschat nichts nützen. Es würde sich Herausstellen, dass sie im Arierthum unlöslich sind. Sie würden nicht mehr Juden, aber sie würden Judenchristen sein, und der Antisemitismus würde sich gegen die als Christen verkleideten Juden genau so wenden, wie jetzt gegen die Juden in ehrlicher Eigentracht. Doch wir brauchen uns gar nicht bedingt und vermuthungsweise auszudrücken. Wir können uns auf greifbare geschichtliche Thatsachen berusen. Die Nachkommen der Anhänger Sabbatai Zewis, die vor 230 Jahren in Saloniki zum Islam übergetreten sind, bilden noch heute eine Gemeinde für sich, die von den Türken scharf geschieden ist. Die polnischen Frankisten, die vor mehr als vier Menschenaltern Katholiken wurden, haben bis heute ihre semitische Sonderphysiognomie bewahrt und kein Nationalpole verwechselt sie mit Sarmaten. Wo immer Juden in größerer Zahl sich gleichzeitig zu einem anderen Glauben bekehrten, da blieben sie eine besondere Gruppe, die inmitten ihrer neuen Glaubensgenossen so leicht und sicher kenntlich ist, wie das Wasser der großen südamerikanischen Ströme inmitten der Wasser des atlantischen Oceans. An den Rändern findet allmälig eine geringe Abbröckelung statt, die zur langsamen Verwischung der Scheidelinien führt. Die Mitte aber bleibt unabsehbar lang unverwischt. Erfahrungen dieser Art rechtfertigen die Behauptung, dass das Programm des Untergehens und Verschwindens unvergleichlich fabelhafter ist, als das des Zionismus. Das Judenvolk auf der festen Grundlage eigenen Grundbesitzes unter Bürgschaft der Großmächte zu staatlichem Dasein wiederzubeleben, mag schwierig sein, ist gewiss schwierig. Das Judenvolk aber bis zur Unwahrnehmbarkeit in den europäischen Völkern aufzulösen, ist unmöglich. Das ist also unsere Antwort an diejenigen Kritiker und Gegner des Zionismus, die das Verschwinden des Judenvolkes wünschen. Wir sagen ihnen: „Erstens ist eure Lösung unvergleichlich chimärischer als die zionistische, denn neun zehntel der Juden wollen Juden bleiben, und selbst wenn sie aushören wollten, Juden zu sein, würde der Antisemitismus sie hinter jeder Massenverkleidung erkennen und weiter verfolgen. Zweitens aber ist es wirklich zu freundlich von uns, dass wir uns aus eine Erörterung mit euch und aus eine Widerlegung eurer sonderbaren Ansichten einlassen. Euer Programm schließt euch aus dem Judenthum aus. Der Zionismus aber ist eine innere Frage der Judenheit. Also bitte, kümmern Sie sich um Ihre Angelegenheiten und überlassen Sie es gefälligst uns, die unsrigen selbst zu besorgen." Nun kommen wir zu jenen Gegnern des Zionismus, die wirklich oder angeblich die Erhaltung des Judenthums wünschen. Ihre Einwände lassen sich in diese drei Sätze abschwellender Heftigkeit zusammenfassen: Der Zionismus ist eine unausführbare Tollheit. Der Zionismus ist eine Gefahr für das Judenthum. Der Zionismus ist unnöthig und das Judenthum wird ohne ihn weiterbestehen, wie es achtzehn Jahrhunderte lang bestanden hat. Man hört wohl auch noch zwei andere Einwände, die ich die mystischen nennen möchte. Es heißt in die Pläne der Vorsehung eingreisen, wenn die Juden sich zur Selbsterlösung aufraffen, statt ergeben auf das Erscheinen des verheißenen Messias zu warten. Auf diese Kritik kann ich nicht antworten, weil sie eine Sprache spricht, die ich nicht verstehe und nicht spreche. Vielleicht finden sich Schriftgelehrte, die den salbungsvollen Frommen aus allerlei Capiteln und Versen beweisen können, dass sie die Verheißungen der Propheten falsch verstehen. Und wenn es nicht gelingt, sie zu überzeugen, so soll es uns auch recht sein. Denn ehrlich gesagt, diese demüthig Duldenden und Hoffenden, die die Hand in den Schoß legen und warten, bis eine Faust aus den Wolken sie am Wickel nimmt und durch die Luft in das Land der Verheißung trägt, sind keinwünschenswertes Element in einem Volke, das sich kräftig rühren muss, um mit entschloffener Selbsthilfe ein neues, lebensfähiges Gemeinwesen aufzubauen. Der zweite, mystischeEinwand ist, dass die Juden