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Die Welt · 1898-05-06 · 18 (6.5.1898) · p. 16

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
18 (6.5.1898)
Article
Mendele Lohengrin
Date
1898-05-06
Page
16 (sequence 3)
Language
German
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Seite 16 9it 18. Der iimgc Student hatte ihm mit Papierstreisen die Stellen bezeichnet, die vom Judenthum in der Musik handelten. Er las sie bedächtig. Zwei Sätze waren dick angestrichen. „Wir haben nns das unwillkürlich Abstoßende, welches die Persönlichkeit und das Wesen der Juden für uns hat, zu erklären, um diese instinktmäßige Abneigung zu rechtfertigen, von welcher wir doch deutlich erkennen, dass sie stärker und überwiegender ist, als unser bewusster Eifer, dieser Abneigung uns zu entschlagen." Das war ihm zu hoch. Er vermochte zwar, die Silben zusammenzuklauben, und jedes Wort auszufprechen, aber sowie er zwei Worte gelesen hatte, verlor er den Sinn und das Verständnis für das Gelesene. Die ineinander geschobenen Begriffe machten es ihm unmöglich, den Sinn des langen Satzes zu verstehen. Dann kam der zweite bezeichnete Satz. „Der Jude, der bekanntlich einen Gott ganz für sich hat, fällt uns im Leben zunächst durch feine äußere Erscheinung auf, die gleichviel, welcher europäischen Nationalität wir angehören, etwas dieser Nationalität unangenehm Fremdartiges haben. Wir wünschen unwillkürlich, mit einem so aussehenden Menschen nichts gemein zu haben." Das „Unwillkürlich" verstand er nicht, aber „wir wünschen mit einem so aussehenden Menschen nichts gemein zu haben", das war ihm wohl verständlich und gemeinmachen mit jemandem, „etwas gemein haben" das war auch der im Jargon übliche Wortgebrauch. Und doch, er hatte gemeint, in dem Buche einen Satz zu finden, die Juden seien alle Gauner, sowie er es oft in Frofchdorf und Wolksdorf gehört hatte, wenn er den Bauern etwas verkaufen wollte, oder die Juden müsse man erschlagen, was ihm auch oft von robusten Bauernburschen zugerufen wurde, wenn sie ihn allein aus der Straße trafen. Er wollte in feiner Noth jemanden befragen, der es besser verstehen müsste als er. Er dachte zunächst an den Rabbiner. Aber der würde ein deutsches Buch gar nicht in die Hand nehmen. Der Schames verstand nicht viel mehr deutsch als er selbst, sie würden auch in ihrer Empfindlichkeit gleich außer Rand und Band gerathen. So entschloss er sich denn, zum Advocaten zu gehen, zum christlichen Advocaten, der auf dem Marktplatze neben dem Bezirksgericht wohnte. Hätte der freundliche Rechtsanwalt gewusst, welches Unheil er stifte, er würde ihm wohl die richtige Auskunft verweigert haben. Aber er mar ein freundlicher Herr, der dem armen Juden gerne gefällig sein wollte. Da er sich selbst für Musik interessierte, las er diese ihm unbekannte Arbeit Wagners mit großem Interesse. Bald hatte er den Sinn der ganzen Schrift, namentlich aber den der angeführten Sätze verstanden und dem Juden ehrlich erklärt. Mendele saß erst eine Weile, ohne zu sprechen, dann erhob er sich und frug nach seiner Schuldigkeit. Der Advocat verzichtete lächelnd auf jedes Honorar. Mendele wollte, als Entschädigung für die verlorene Zeit, das Buch dortlaffen. Es wurde nicht angenommen. Ach, er hätte es so gerne dort liegen lassen, dieses Buch, das ihm den Glauben an den großen Propheten, die Zierde seiner einsamen Stunden und die Erquickung seines armen Daseins geraubt hatte. Er gieng traurig aus dem großen Hause, schlich am Bache entlang, der die Judengasse begrenzt, um über die Brücke nach Hause zu gehen. Unbewusst riss er mit feinen zuckenden Fingern ein Blatt um's andere aus dem Buche, zerstückelte es in kleine Theilchen, die den Boden besäten. Vom Marktplatz in die Judengasse führte dann eine seltsanre unregelmäßige Linie. Bei der Synagoge blieb Mendele stehen. Herausgeber: P. Aapchsuvr. Verantw. Red.: Dr. Siegm. We Er fasste das eiserne Gitter, sah stumpf nach dem kleinen Platz, auf dem die Trauungen stattfanden und schüttelte dann den Kopf. Nein, dort wird er nie mehr stehen können. Das öde ^Lchrum Schrum, cs soll ihn nicht mehr quälen, indem es die anderen begeistert — es ist zu hässlich, zu gemein. Wie arm wird nun das Leben sein. Keine Musik, kein Prophet, kein Wagner. Doch da drinnen bei feinem alten Gott, mit dem er schon so oft innig Zwiesprache gehalten hat, da wird er Ersatz finden, neue Lebenskraft. Wird er? — Wird er wirklich —? Hat nicht Wagner gesagt, dass der Gottesdienst der Juden würdelos ist, ein geistloses Babbeln. Wird er nach wie vor in Gott versunken, sein omon jehe sclieme rabu herausschmettern, um dem Cantor zu respondieren oder wird er lauschen, horchen, ob die Stimmen würdig und harmonisch klingen, wie es vielleicht Wagner hören mochte? Verstört und verdüstert zog er endlich weiter, seiner Wohnung zu, in feine Stube. Wie ärmlich, wie kahl das alles war. Der geborstene Tisch, die engen Betten, die schmucklosen zersprungenen Wände, der holperige Lehmboden. Er hatte es nie gesehen, nie so gesehen wie heute, denn bisher zählte er sich zu den glücklichsten Menschen. Ein Sohn des auserwählten Volkes, der mit seinem Vater mit feinem Gotte in schönster Harmonie lebte, dazu die Gabe der Musik, die sein Leben bereicherte, auch das tägliche Brot mangelte nicht, was fehlte ihm? Nun aber hatte er es erfahren, dass er hässlich und gering sei. — Wagner will nichts mit ihm gemein haben — sein Prophet, sein Erlöser verachtet ihn. Da stand er mit hungrigen Augen und leerer Hand vor feinem Bassetel. Das nahm er von der Wand, strich es zärtlich und entlockte ihm einige Pizziccatotöne, während dicke Thränen auf das Instrument fielen. Wieder hörte er die herrlichen Töne des Lohengrin- Vorspieles: und er saß zwischen dem jungen Manne, der die herrliche Musik nach allen Regeln der Kunst studiert, und der schönen, blonden Dame, er hörte das Lied an den Schwan, die düsteren Gesänge der Ortrud, das herrliche Brnutlied, das Duett, und das alles tanzte in seinem Hirn einen wirbelnden Reigen, so süß und so selig, so — so — Aber nein, er durfte nicht — Wagner hasst die Juden. Ach, wie fein armes Herz zuckte, wie es sich in tiefem Weh bäumte. . . „Ich versteh'", schrie es in ihm, „ich weiß, was du willst. Ich mag auch nicht das ganze lange Leben denselben Ländler, denselben Hopser, dieselbe Zepperlpolka spielen. Ich Hab' nur nichts gelernt, ich Hab' Brot gebraucht, ich Hab' keine Zeit gehabt. Wir müssen uns alle so schwer sorgen für das bisschen Leben, wir haben noch keine Zeit gehabt, wir in Martinsdorf. Zeit brauchen wir, lasst uns Zeit!" Hinter ihm reckte sich sein kleines, armseliges Dasein, sein enges, dumpfes Leben empor, das er zum erstenmale in seiner nackten Aermlichkeit sah — vor ihm stand die große Kunst — das Hohe, das Ersehnte, das er träumerisch ahnte, das ihn aber abstoßen will. Es war, als müsste er sein Leben aufrollen, es seinem Gegner zu weisen, als müsste er ihm — doch nein, Wagner ist gerecht, er kennt die Ursachen unserer Gebrechen, er ist kein blinder Hasser — er sieht auch einen Ausweg — unsere Auflösung — den Untergang, so _ steht es in dieser Schrift geschrieben. Mendele zitierte — den Untergang des auserwählten Volkes — hahaha Dann hob er mit beiden Armen etwas Großes hoch über sein Haupt empor, schleuderte es wild von sich-ein dumpfer Schlag, ein winselnder Laut — am Boden lagen die Trümmer des Bassettels von Mendele Klesmer. Und wenn man in Martinsdorf fragt, warum sie keine jüdische Musik mehr haben, dann lautet die Antwort: Da is Mendele Lohengrin Schuld daran, euer. Buchdruckerei »Industrie" (S. Bergmann), VIII.» Schlösselg. 11

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