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Die Welt · 1898-05-06 · 18 (6.5.1898) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
18 (6.5.1898)
Article
Mendele Lohengrin
Date
1898-05-06
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 18 Seite 15 Hochzeit gefeiert zu werden. Da war es denn wichtig, zu erfahren, ob Mendele noch immer halsstarrig seine Mitwirkung bei biefem feierlichen Acte verweigere. An den kleinen Musikanten selbst wagte sich niemand heran, man wollte sich nicht beleidigen lassen. Es wurde versucht, durch die Frau Mendele's zu erfahren, wie er über die nächste Hochzeit denke. Chaile Klesmertin war mit einemmale eine wichtige Persönlichkeit geworden. Beim Schabbes-Gottesdienst beeilten sich die reichsten Frauen, sie von der hintersten Bank an die Glaswand vorzuschieben, von der man in die Männerschul hinabsehen konnte, und die Frauen der größten Gottesgelehrten schlugen ihr am Pessach den Machser auf. Wenn sie am Freitag den Scholettopf zu Schimele Beck trug, dann gesellten sich die Frauen zu ihr, namentlich die Frauen aus der Familie der Verlobten und frugen sehr ausführlich über die Beschaffenheit ihres Samstaggerichtes, ob sie wohl Rauchfleisch hinuntertrage, oder eine Kugel bereitet habe, oder gar einen Nitschert mit einem Gänsekaren. Und so oft sie die Magerkeit ihres Samstaggerichtes besprochen hatte, tröstete man sie aus die nächste Hochzeit, bei der man gewiss sehr viel Geld einwersen werde. Sie schüttelte stets das Haupt und meinte mit einem tiefen Seufzer: „Leider wird mein Mann nix mehr spielen." Aber am zweiten Samstag nach dem Passahfeste hatte sie ihr Benehmen geändert. Sie war nach Schul zu Schimele Beck gegangen, um im Hose zu warten, bis der Ösen geöffnet werde. Am Freitag bringt jede Hausfrau ihre Töpfe voll jener Kostbarkeiten, die unter dem Gesammttitel „Scholet" weltberühmt geworden sind, zu Schimele Beck. Der Deckel ist durch eine Teigschichte an den Rand des Topfes festgeklebt, auf dem, in hebräischen Lettern mit Kreide geschrieben, der Name der Besitzerin prangt. Der ganze Backofen wird mit der Sabbathspeise angesüllt, dann geschlossen. Am Samstag, während die ersten Frauen aus der Schul lausen, öffnet man den Lfen. Mit gierigen Blicken schauen die Weiber nach jedem herausgereichten Gefäss, ob sie es an Form, Farbe oder an den halb verrußten Namenszügen als das ihre zu erkennen vermögen. Ein Schreien und Rufen: „Meine Kugel, meine Bondlach, meine Scholeteier", ein Protestieren, wenn man den falschen Topf ergriffen hat, ein Kichern und Lachen erfüllt dann den Hof. Man hat nur einen Gedanken, die richtigen Töpfe zu bekommen, um sobald als möglich nach Hause eilen zu können. Das war eine Aufgabe, die große Sorgfalt erforderte. Denn ach, mit Schmerz sei es verzeichnet, es gab in Martinsdorf böse Menschen, die nach dem Scholettopf des Nächsten Gelüste hatten, besonders wenn sie ahnten, dass er besseren Inhalt berge, als der ihre. Aber heute herrscht Ruhe in der sonst regen Menge. Man lässt ruhig einen Topf nach dem anderen herausreichen, der Hof füllt sich mit rauchenden Gefäßen, der Duft des durchgekochten Fleisches, der fetten Gansbrüste und gefüllten Hälsel, der echte und rechte Scholetduft steigt unbemerkt in die Lüfte, denn Chaile Klesmerten erklärte mit strahlendem Gesichte den hochaushorchenden Frauen, dass ihr Mann Lag Beomer bei der Hochzeit von Äwrohom Schürmachers Tochter spielen werde. Trotzdem die Balbatim ungewöhnlich lange gewartet hatten, bis die edle Sabbathspeise ihnen heimgebracht wurde, gab es doch in keinem Hause ernstlichen Zank. Die frohe Nachricht, dass Mendele nicht mehr böse sei, besänftigte die Aufregung selbst jener Männer, deren Frauen einen falschen Topf bekommen hatten und nur dürre Bohnen anstatt Bondlach mit Darrefleisch servierten. Wenn man Mendele frug, was ihn zu dieser Sinnesänderung veranlasst habe, so bekam man keine Antwort. Es wagte aber auch niemand, ihn irgendwie zu reizen. Denn als ein killebekannter Chuzbeponem ihn am nächsten Samstag beim Schulgehen mit „Gut Schabbes, Reb Wagner" ansprach, war ihm der kleine Mann mit solcher Wuth an den Hals gesprungen, dass die umstehenden Männer Mühe hatten, den Chillel haschem, diese Versündigung an dem Allerhöchsten, einen brutalen Streit am Sabbath zu verhindern. Man konnte es gar nicht begreifen, dass der sanfte Mendele, der kleine Musikschwärmer, sich zu solcher Gewaltsäußerung habe Hinreißen lassen; es war auch, als bereue er seine Heftigkeit, denn die nächsten Tagen verlebte er noch zurückgezogener als sonst. Er kam jetzt immer als letzter in die Synagoge, eilte als erster hinaus, um nur ja niemandem Rede stehen zu müssen. Er war wortkarg und mürrisch geworden und in seinen einsamen Dorsgängen blieb ihm der Trost bes Gesanges versagt. Er blickte immer starr vor sich hin, nur manchmal schrie er ganz wild hinaus: „Das is nix möglich, das is nix möglich". Und dann, wenn er so seiner Empfindung ein wenig Lust gemacht hatte, schwirrten ihm wieder die süßen Zaubertöne aus dem Lohengrinvorspiel durch die Sinne, schmeichelte sich der Sang an den Schwan in sein Ohr. Eine Weile gieng er, umwebt von diesen Tonbildern, ruhig vor sich hin, die Stirne faltenlos, das Auge freiblickend, wenn er dann den Mund öffnete, um die Töne, die in ihm lebten, vor sich hinzuschmettern, dann zuckte er zusammen und hörte im Geiste, was ihm Chaim Freunds Sohn erzählte. So kam der 33. Tag im Oimer. Man weinte und schluchzte nun im Hause von RebAwrohom Schürmacher. Das Decktuch fiel über ein jugendsrisches Mädchengesicht, das man zu einer jungen Frau missgestaltete. Mendele Klesmor marschierte wieder hinter den zwei Violinen, der Clarinette und Trompete und strich fleißig zum Hochzeitsmarsch. Und wieder war sein Sinn nicht bei dieser Verrichtung, sondern fern in der schönen Kaiserstadt, im kaiserlichen Opernhause. Niemand aber sollte es erfahren, wohin seine Gedanken eilen, wo seine Sehnsucht ihn hinzog, nicht einmal seine Frau hatte eine Ahnung, was er mit dem Gelde Vorhalte, das bei der Hochzeit reichlich eingeworfen wurde. Zwei Tage später erhielt der junge Herr Freund in Wien einen Brief in jüdischen Lettern mit einem einliegenden Papiergulden. Der Brief war von Mendele, der bat, ihm für diese Summe das Buch, er wisse schon welches, zu kaufen. Leider genügte dieser Betrag nicht, denn ein Band von Wagners gesammelten Schriften und Dichtungen kostete fl. 2*50. Mendele war durch diese Nachricht arg betroffen. Noch fl. 1*50. Er rechnete. Selbst wenn im Sommer noch eine Hochzeit stattfinden sollte, gienge es nicht; eine reiche konnte es nicht sein, denn solch' große Ereignisse werfen schon lange ihre Schatten voraus. Eine Mittelhochzeit aber trug höchstens 40 bis 60 Kreuzer. Blieb noch die Chewre Sude und der Simchasthoraball, und wenn die auch zusammen fl. l'50 einbringen sollten, das dauerte ja noch fünf Monate. Fünf Monate, solange musste er den Schmerz in sich verschließen, solange musste er schwanken zwischen Hoffnung und Verzagtheit und solange musste er noch an ihm zweifeln, an dem großen Propheten, an jenem Gottgesandten, der ihm berufen schien, dem Allerhöchsten selbst mit seiner Musik das Herz zu bewegen. Woche um Woche verließ er am Sonntag sein kleines Stübchen, um ohne Freude, ohne Erquickung, von Dorf zu Dorf, von Hof zu Hof, von Försterhaus zu Försterhaus zu wandern, durch Staub und Hitze, um den Lebensunterhalt für seine Frau und die Seinigen zu erwerben. Er wurde immer ernster, immer wortkarger, mürrisch und verdrossen, zerfallen mit sich und der Welt. Endlich besaß er auch den Rest des Geldes, er sandte es nach Wien und harrte der Erlösung. Als er das Buch in den Händen hielt, drückte er es erst an sich, am liebsten hätte er es zum Munde geführt, um es wie ein heiliges Werk vor der Benützung mit einem ehrfurchtsvollen Kuss zu begrüßen. „Gesammelte Schriften und Dichtungen von Richard Wagner", buchstabierte er Silbe um Silbe vom Deckblatt herunter.

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