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Die Welt · 1898-05-06 · 18 (6.5.1898) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
18 (6.5.1898)
Article
Max Nordau in Berlin
Date
1898-05-06
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Sette 6 Nr. 18 schaden. Das ist selbstsüchtig. Das satte eine Fünftel will von den hungrigen übrigen vier Fünfteln in seinem Berdauungsprocesse nicht gestört werden. Nur der Gedankenlose kann den Zionismus für gefährlich halten. Der Zionismus soll den Juden, so wird behauptet, dem Borwurfe der Vaterlandslosigkeit aussetzen. Dieser Borwurf wird von Böswilligen auch ohne den Zionismus vorgeworfen werden. Er hört nicht aus, obwohl der Jude seinen Patriotismus stets aufs eifrigste bethätigt hat. Der deutsche Jude liebt fein Vaterland aufs innigste. Der deutsche Jude hat sich deutsches Geisteswesen voll zu eigen gemacht. Man vergesie nicht, dass deutsche Laute, wenn auch in verkümmerter Form, durch die Juden Polens und Russlands in alle Länder hinausgetragen werden. Die deutschen Juden haben von der Minnesängerzeit bis Heine am deutschen Dichten mitgewirkt. In Politik und Wisienschaft waren sie immer zur Stelle. Wenn der Tag des Zionismus kommt, wird es den deutschen Juden nicht leicht werden, von der Heimat zu scheiden, und die Erinnerungen an Deutschland werden in Zion sortleben. Aber sehr viele werden in Deutschland Zurückbleiben, und das sollen sie nach dem Willen der Zionisten. Nur den Bedrängten soll sich Zion erschließen; den andern soll ein jüdisches Gemeinwesen in Zion eine Stütze abgeben. Das Gemeinwesen in Zion soll allen Böllern Achtung gebieten. Schließlich heißt es, der Zionismus sei ein Hirngespinnst. Das kann man von jedem Plane sagen, der auf dem Papier steht. Die Zionisten hegen gute Hoffnung. Tausende warten auf den Ruf, nach Zion zu gehen. Die jüdischen Ackerbaucolonien zeigen, dass die Juden Ackerbau treiben können. Juden und Araber werden einträchtig mit einander leben, und die europäischen Staaten haben keinen Anlass, gegen den Zionismus zu sein. Der Zionismus ist eine reine Geldfrage. Wenn die reichen Juden Darlehen hergeben, kann das zionistische Gemeinwesen jeden Tag entstehen. Das Judenthum wird zionistisch sein oder cs wird nicht sein. (Sehr lebhafter Beifall.) Wiederholt von stürmischem Beifall unterbrochen, der ihn gleich bei Beginn begrüßte, sprach Herr Dr. Nord au mit seiner zündenden hinreißenden Beredsamkeit, die wohl auch auf den am fernsten Stehenden ihren Eindruck nicht verfehlte. Die ganze Versammlung lauschte wie unter einem Bann, der dann am Schluffe seiner eineinhalbstündigen, ebenso geistsprühenden und formvollendeten, wie warm empfundenen und tief überzeugenden Rede in endlosem Jubel sich löste. Nach einer kurzen Pause begann die Discuffion. Als erster Redner trat Herr M. A. Klausner auf, der es versuchte, Herrn Dr. Nordau in den einzelnen^Punkten seiner Ausführungen zu widerlegen. Ganz besonders bemühte er sich, jene mystischen Einwände bezüglich der Mission des Judenthums und des Wartens auf den Meffias zu vertheidigen und nannte Herrn Dr. Nordau insofern selbst einen Propheten, als er von den Juden im Osten gesagt habe, sie können dem ungeheueren Drucke nicht lange mehr widerstehen. Hiergegen prophezeit er, dass in absehbarer Zeit, die er selbst noch zu erleben hofft, jene einschneidenden Gesetze aufgehoben werden würden. Ebenso prophezeit er ein Aufhören des Antisemitismus und will nicht anerkennen, dass die Aufruhrscenen in Paris und der Mord in Algier von irgendwelcher Beweiskraft für das Gegentheil wären. Er glaubt auch nicht an den Abfall der westlichen Juden, wenigstens nicht in einem zu fürchtenden Maßstabe und benützt eine von dem Vortragenden angeführte Thatsache, dass die Juden die Fähigkeit besitzen, Sprachen leicht zu erlernen und sich schnell zu acclimatisieren, zu dem dialectischen Kunststückchen, hieraus allein ihre Widerstandsfähigkeit gegen alles drohende Ungemach abzuleiten und daran darzuthun, dass das Judenthum auch ohne den Zionismus fortbestehen könne. Im Uebrigen gibt er zum Schluffe zu: Der Zionismus ist nur ein Wiedererwachen des jüdischen Gefi'chls und erklärt sich nur als Gegner des politischen Zionismus, den er phantastisch nennt. Ihm erwiderte Herr Dr. Nordau ungefähr Folgendes: „Geehrte Versammlung: Ich glaube, Sie empfinden sicher nicht das Bedürfnis, meine Rede noch einmal zu hören, jedenfalls empfinde ich es nicht, sie noch einmal zu halten. Ich habe mit Interesse den theilweise recht geistreichen Ausführungen des Herrn Klausner zugehört und dabei wieder einmal so recht die Eitelkeit menschlichen Thuns empfunden. Er hat Einwände erhoben, die ich mit meiner Rede widerlegt zu haben glaubte. Ich kann darum nicht hoffen, sie jetzt zu widerlegen. Herr Klausner hat behauptet, dass er meiner Rede aufmerksam gefolgt sei, doch ist ihm ganz die halbe Stunde entgangen, in der ich mich bemüht habe, den Vorwurf, dass der Zionismus uunöthig sei, zu entkräften. Er hat mich einen Propheten genannt, obwohl ich von mystischen Dingen nichts verstehe; er selbst hat aber von Anfang bis zu Ende nichts gethan als prophezeit. Er hat prophezeit, dass den Juden im Osten die Einschnürung durch die Gesetze keinen Schaden thun würde, eine Behauptung, für die ich mich nicht getrauen würde, die Verantwortung zu übernehmen. — Wahrhaft erbaut hat mich sein Lächeln, mit dem er mir den einen Toten aus Algier hier auf den Tisch gelegt hat. Ich würde ihn bitten, mir doch die genaue Anzahl der Leichen anzugeben, die er braucht, um endlich an die Verfolgung zu glauben. Es ist sehr liebenswürdig von ihm, den Juden wegen ihrer Fähigkeit, Sprachen ohne Anstrengung zu lernen, die Laufbahn der Sprachlehrer anzuweisen, wenn alle Stricke reißen, um sich dadurch vor dem Untergange zu retten.-Sodann macht nns Herr Klausner den Sammelteller zum Vorwurf; ich persönlich würde mich nicht genieren, damit hernmzugehen, denn nicht für mich will ich einheimsen. Die Führer der Bewegung vermeiden es möglichst, sich direct mit dem financiellen Theil zu befaffen, und sobald das Unternehmen capitalskräftig geworden ist, werden es brave Leute übernehmen. Die Führer werden dann in der Versenkung verschwunden sein, und pran wird vergebens eine Spur von ihnen zu finden suchen. Im Uebrigen ist es recht leicht, vor einer Versammlung wie dieser, aus Leuten, die nach einem guten Souper wohl gekleidet, sorglos und in anmuthiger Fröhlichkeit beisammen sind, von der Lage unserer Brüder im Osten so zu sprechen. Ich würde nur wünschen, dass Herr Klausner vor einer Versammlung polnischer und ruffischer Juden seine Worte wiederholt. Die Wirkung, die er dann hervorgebracht haben würde, wäre eine genügende Antwort für ihn." (Lebh., stürmischer Beifall). Das Wort erhält Herr Dr. Brody, der sich, gestützt auf Bibel und Talmud, gegen die Vertheidigung der Miffion wendet und die irrige Auffassung, dass man nicht zur Selbsthilfe greifen dürfe, widerlegt. Gegen den letzten Punkt wendet sich auch Herr Dr. Warschauer in seinen mit viel Humor vorgetragenen Ausführungen, die mit großem Beifall ausgenommen werden. Herr W. Bambus bezeichnet die „Miffion" und den Antisemitismus als unsere schärfsten Gegner. Herr Dr. Löwe führt aus: „Ich will nicht zwischen dem mystischen und dem gegensätzlichen Standpunkte entscheiden. Wenn sich jedoch Herr Klausner auf die Prophetie beruft, so muss man den Grund aller Prophetie mit seinem Standpunkt heranzieheu. Mose, den die Bibel selbst den größten aller Propheten nennt, sieht in dem Exil nie eine Miffion oder eine Aufgabe des Judenthums, sondern lediglich eine Strafe. Das Judenvolk wird nach Mose sofort ins Judenland zurückkehren, wenn es nur zum Judenthume zurückgekehrt ist. Dieser jüdische Staatsgedanke geht wie ein rother Faden durch die gesammte biblische Culturentwicklung, und derselbe Prophet, der den Juden so eindringlich anbefiehlt, dem Staate im Goluth treu zu sein, hat am herrlichsten und wehmuthsvollsten Jerusalem beklagt und am herrlichsten die blühende Zeit der Zukunft in nahe Aussicht gestellt. Möge bald die Zeit kommen, wo Rahel nicht mehr um ihre Kinder weint!" Nunmehr ergreift Herr Klausner noch einmal das Worr und nach ihm Herr Spiewkowski, der sich gleichfalls einen Bekenner des idealen Zionismus nennt, im übrigen aber so verworren und unklar seine Meinung ausdrückt, dass er wohl von wenigen verstanden wurde, obgleich er es an physischer Anstrengung durchaus nicht fehlen ließ. Nun nahm noch Herr Dr. Holzmann das Wort zu einer kurzen Erwiderung; sodann schloss Herr Dr. Loewe die Sitzung mit von endlosem Beifall und stürmischem Jubel begleitetem Dank an unseren berühmten Gast. Der außerordentliche Erfolg lässt sich auch daran sehr wohl ermessen, dass unmittelbar nach dem Vortrage zahlreich

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