Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 18 (6.5.1898)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1898-05-06
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- address
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315761--05692-3359443- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 18 JP*$wr Seite 5 Weltanschauung nicht anerkennen, das wurmt ihn bitter, und darum muss die Gesellschaft elendiglich zugrunde gehen. Das mahnt an Götterdämmerung. Nicht jeder wird den Pessimismus Gessmann's theilen. Die Gesellschaft scheint vielmehr das Programm Gessmann's, das im Maffacrieren der Juden gipfelt, dem unausweichlichen Untergange vorziehen zu wollen. Die Bulletins, die aus Algier, Rumänien, Paris, Persien :c. kamen, zeugen von einer recht frischen Lebenslust der menschlichen Gesellschaft. * * Während der Abg. Gessmann sich in seinen trübseligen Gedanken mit dem Leichenbegängnis der menschlichen Gesellschaft beschäftigt, geht in Wien ein Mann umher, der sein Augenmerk mehr auf die Wiege der menschlichen Gesellschaft gerichtet hat. Und deshalb hat er jüngst mit der Wiener antisemitischen Presie einige Unannehmlichkeiten gehabt. Es ist Professor Schenk. Ter Gelehrte hat bekanntlich vor einiger Zeit erklärt, er sei imstande, durch entsprechende Regulierung der Speisekarte die Kinder einer Familie ganz nach Belieben für eine Knaben¬ oder Mädchenvolksschule auszurüsten. Als nun jüngst Professor Schenk ein Buch erscheinen ließ, in dem der Zusammenhang der Speisekarte und der beiden Volksschulen näher erörtert wird, da stürzte sich die antisemitische Presse mit einem geradezu fanatischen Eifer auf die von Schenk Zusammengestellte Speisekarte, auf die ohnehin missliebige Institution der Volksschule, auf den von Schenk construierten Zusammenhang und erklärte alles zusammen sozusagen als Judenschwindel, der von den jüdischen Blättern dem „Volksgenossen" zuliebe unterstützt werde. Obwohl also die voraussichtlichen Folgen der Schenk'schen Entdeckung, nämlich eine coloffale Ueberfüllung der Knabenvolksschule und eine totale Verödung der Mädchenvolksschule, der von Gessmann in Aussicht genommenen Gesellschaftsdemolierung nur förderlich sein könnte, so wenden sich dennoch die Gesinnungsgenossen Gessmanns von dem Juden Schenk mit Hass und Verachtung ab. Tas Interessanteste an der ganzen Sache ist aber folgendes: Schenk war zwar einmal Jude, hat aber später die unbequeme Last der Gebetriemen abgeschüttelt und sich seitwärts in die Büsche geschlagen. Er hat, bevor er an die Lösung allgemein menschlicher Fragen gieng, die Lösung einer individuellen Frage vorgenommen. Und der Erfolg? Professor Schenk mag vielleicht imstande sein, aus einem Mädel einen Buben zu machen, aus einem Juden einen Nichtjuden zu machen, ist ihm nicht gelungen. Siehe die antisemitischen Blätter! Mblx Nordau in Berlin. Die Einladung der „Berliner Zionistischen Vereinigung" zu dem Vortrage des Herrn Dr. Max Nordau am Abend des 20. April hatte eine außerordentlich zahlreiche Schar von Gästen herbeigerufen. Dichtgedrängt füllten sie schon gegen SV2 Uhr den großen Saal der Victoria-Brauerei, der nicht einmal allen Erschienenen Raum bot, sodass noch Hunderte sich mit den Plätzen in den Nebensälen begnügen mussten. Gespannte Erwartung lag auf allen Mienen und lautlose Stille herrschte im Saale, als der Vorsitzende Dr. Loewe um 9 Uhr die Sitzung eröffnete. Er begrüßte die Erschienenen, welche sich um unseren Gast geschart haben, „der sich durch seine Werke einen Weltruf erworben und fein jüdisches Herz wieder entdeckt hat, um an der Wiedergeburt unseres Volkes zu arbeiten". Er ertheilte alsdann Herrn Dr. Nordau das Wort zu seinem Vortrage über „Die Gegner des Zionismus". Dr. Nordau führte etwa folgendes aus: Die Männer, mit deren Namen der neuere Zionismus verknüpft ist, haben persönlich keine Noth zu leiden. Sie stehen in selbftgeschaffener, gesicherter Stellung. Sie können durch den Zionismus nur verlieren, aber nicht gewinnen. Sie haben nur das Gute für ihre armen Glaubensgenossen im Sinne. Ihr Bestreben ist, die Reibungswiderstände zu beseitigen, die dem Zionismus, wie jedem neuen Gedanken, entgegenstehen. Die Vorkämpfer des Zionismus haben nur von jüdischer Seite Angriffe erfahren, und zwar Angriffe der schlimmsten Art. Sie mussten sich an ihre eigenen Vorkämpfer erinnern, um nicht an das antisemitische Wort von der Niedertracht der semitischen Rasse zu glauben. Jene Gegner sollen heute beiseite bleiben. Nur die ernsten Gegner seien berücksichtigt. In christlichen Kreisen hat der Zionismus keine Gegnerschaft. Wohl halten viele die Ziele des Zionismus für unausführbar. Grundsätzliche Gegner gibt cs aber unter ihnen nicht. Gegner des Zionismus gibt es nur unter den Juden. Die Juden zerfallen in zwei Gruppen. Die eine will, dass die Juden sich, so schnell, wie es nur geht, assimilieren und untergehen. Dieser Standpunkt ist verständlich. Aber wer so denkt, hat kein Recht, in Sachen des Zionismus mitzusyrechen. In die Sache des Zionismus darf er nicht eingreifen; auch Rath darf er den Zionisten nicht geben. Tie Zionisten bekämpfen diese Gruppe nicht, so lange sie die Zionisten nicht angreift. Tas Programm jener löst die Judenftage nicht. Der Einzelne geht vielleicht in der Maffe der christlichen Volksgenossenschaft auf. Oft bleibt er auf immer der „getaufte Jude". Er muss auf jeden persönlichen Ebrgeiz verzichten, sonst wird ihm im Kampfe seine jüdische Abkunft immer zum Vorwurfe gemacht. Der judenscheue Semit, der Adoptiv-Arier wird, muss im Dunkel bleiben. Bar unmöglich aber ist, dass die Maffe so untergehe, wie es. auch nur bisweilen, der Einzelne kann. Selbst wenn die Juden sich stoisch zum Volksselbstmord entschließen, würde nichts erreicht werden. Die Juden gehen nie in dem Arierthum auf. Sie würden nur Judenchristen werden. Tie Anhänger Sabatai Zewis, die polnisch-jüdischen Proselyten, heben sich von den Nationen, unter denen sie leben, noch heute ab. Tas Programm des Untergehens und Verschwindens ist utopistischer, als der Zionismus. Ueberhaupt wollen vier Fünftel der Juden Juden bleiben. Andere Gegner des Zionismus wollen, dass das Judenthum erhalten bleibe. Sie haben gegen den Zionismus diese Einwände: der Zionismus ist eine unausführbare Tollheit, er ist eine Gefahr für das Judenthum, er ist durchaus unnöthig. Ehrlichen Glauben nimmt der Zionismus bei allen Gegnern an. Die Gegner sagen, das Jndenthnm bedarf des Zionismus nicht; das Judenthum hat alten Bestand; die Verfolgungen werden nie die grausamen Formen auuehmen, die sie einst hatten. Darauf rechne man aber nicht. In Paris erhob man den Schrei: „Tod den Inden". In Algier wurde ein wehrloser Jude auf offener Straße ermordet. In Deutschland hat der Antisemitismus öffentlich abgenommen. Aber in aller Stille und höflich, aber planmäßig, sind die Juden zurückgedrängt worden. Als den Juden die Gleichberechtigung gewährt wurde, da waren sie eifrig dabei, in die Richterstellen, in die Hochschulen, die gelehrten Berufe einzudriugen. Durch einen kräftigen Druck wurden sie in ihre alte Stelle znrückgeschoben. Seither ist es von dem Antiseniirismus stille geworden. In Wirklichkeit lebt der Antisemitismus noch fort. Schon der Umstand der Gegensätzlichkeit der Mehrheit zu der besonders gekennzeichneten Minderheit in ihrer Mitte bewirkt dies. Dazu kommt des Juden historische Rolle, für allen Niedergang verantwortlich gemacht zu werden. Das wird noch lange andaueru. Das Judenthum kann nicht warten, bis sich dies ändert. Der Jude ist nicht mehr der Dulder, der er einst war. Er ist sich seines Menschenrechtes bewusst. Wie werden die Dinge sich gestalten? Der selbstbewusste westliche Jude muss zu seiner Bethätigung volle Freiheit haben. Diese findet er nur in der eigenen Gemeinschaft. Der westliche Jude hat nur einen geistigen Kampf gegen den Antisemitismus zu führen. Anders im Osten. Dort kämpft der Jude um Leib und Leben. Er leidet Hunger und ist zu Laster und Wahnsinn verurtheilt. Tort fiihrt der Antisemitismus einen planmäßigen Kampf gegen die Juden zu dem Endziele, sie zu vernichten. Leichter ist es, tausend Juden in Palästina anzusiedeln, als für die Juden in Russland etwas zu erreichen. Vielleicht wirft man ein, was geht der russische Jude uns, die westlichen Juden an? Dabei wird aber vergessen, dass die Juden in allen Ländern als etwas Gemeinsames gelten. Die Juden des Ostens werden leiblich und geistig zugrunde gehen. Dann wird eingeworfen, der Zionismus kann den nichtzionistischen Juden