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Die Welt · 1898-05-06 · 18 (6.5.1898) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
18 (6.5.1898)
Article
[Ohne Titel]
Date
1898-05-06
Page
4 (sequence 1)
Language
German
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Seite 4 Nr. 18 Mt Woche. Wien, 5. Mai 1898. Einem Wiener Volkssängerpaar wirft man vor, dass es antisemitisch gefärbte Couplets zum Bortrage bringe. In einer Zuschrift an die „Wr. Allg. Ztg." erklärt dann das Paar zu seiner Entschuldigung, das antisemitisch gefärbte Lied werde gesungen, „weil es vom Publicum verlangt wird — sowohl von Christen als auch von Juden". Als auch von Juden — das ist der springende Punkt. Mit unschuldigem, naivem Hohn erklären die beiden Volkssänger, dass Juden ein Vergnügen daran stnden, sich beleidigen zu lassen. Ja, die Juden bringen sogar Geldopfer, um dieses Vergnügens theilhaftig zu werden. Das ist so, wie wenn sich vor Gericht der Empfänger einer Ohrfeige noch außerdem bereit erklärt, die bei solchen Anlässen fälligen „fünf Gulden" zu zahlen. Es liegt eine unsägliche Erbärmlichkeit in diesem Applaus, den ein Jude der antisemitischen Zote spendet. Was die Barden des Tingl-tangls ihrem Publicum da vorführen, sind sogenannte „jüdische" Fehler in carikierter Uebertreibung, es sind Gebrechen, die der Bänkelsänger irgend einem bedauernswerten Juden abgelauscht hat und mittels der edlen Kunstform des Couplets verhöhnt. Und im Publicum sitzen Juden und schreien „Bravo!" Diese jüdischen Kreise, bei denen die Schamröthe zu den unbekannten Utensilien gehört, verfolgen in solchen Belustigungslocalen neben dem amüsanten Ziel der Selbstverhöhnung noch andere Ziele. Aus jener Zuschrift erfahren wir, dass auch Nichtjuden zu dem Publicum gehören. Diese Nichtjuden bilden offenbar einen mächtigen Anziehungspunkt für die Juden. Die Tingltangljuden fühlen sich hochgeehrt, dass es ihnen auf irgendeinem gesellschaftlichen Boden noch gestattet ist, in Frieden und Eintracht neben dem Nichtjuden zu sitzen. Wo sind die Narren, die von der gesellschaftlichen Boycottierung der Juden reden? Kann man sich ein innigeres Zusammenwirken von Juden und Nichtjuden denken, als es bei den diversen Bolkssängern zum Ausdruck kommt? Dieser harmonische Applaus bei antisemitischen Couplets! Wo ist die Boykottierung? In dieses Capitel gehört auch eine interessante Thatsache, die wir einem Zwischenruf des Abg. Verkauf entnehmen. Der Zwischenruf, der in der Reichsrathssitzuug vom 29. April an die Adreye des antisemitischen Abg. Wolf abgieng. hat den Wortlaut: „Sie, der Sie in Prag mit jüdischen Studenten herumgelaufen sind, die für Sie Abonnenten sammeln gehen, Sie sind ein verjirdeter Mensch, total verjudet!" Da haben wir also jüdische Studenten, die für ein antisemitisches Blatt Propaganda machen. Ihr Erbfeind stellt die Lehre auf, der Jude sei ehrlos, man müsse den Juden soviel als möglich aus allen gelehrten und ungelehrten Berufszweigen hinausdrängen, man müsse die jüdischen Existenzen so gründlich als möglich vernichten und diese sauberen Lehren werden in allen Varianten dem Druckbogen anvertraut, damit auch die weitesten Kreise in der Lage sind, nach einer festen, planmäßigen Ordre gegen die Juden vorzugehen — und jetzt kommen Juden, und rackern sich im Schweiße ihres Antlitzes ab, um den Vernichtungslehren ihres Feindes ein möglichst großes Absatzgebiet zu erschließen. Das ist ein Defect an den natürlichsten Jnstincten. Jeder simple Wiederkäuer weiß bekanntlich vermöge seines natürlichen Jnstinctes, welches Kraut ihm schadet und welches nicht. Die jüdischen Studenten, die sich ihrem Erbfeind gefällig erweisen wollen und sich eine Ehre daraus machen, mit ihm über die Straße zu gehen, haben diesen Jnstinct verloren. Eine Zeitung erzählte unlängst von einer merkwürdigen Erfindung eines amerikanischen Pädagogen. Der Jugendbildner bat einen Sessel construiert, an dem in geeigneter Weife mehrere fliegenklappenähnliche Instrumente angebracht sind. Diese Instrumente stehen mit einem elektrischen Strom in Verbindung. Wenn sich die pädagogische Nothwendigkeit ergibt, so wird der Zögling in jener Pose, die bei solchen Experimenten üblich ist, auf den Sessel gelegt, der Strom wird in Thätigkeit gesetzt, und die Instrumente beginnen die vom Schicksal für Züchtigungszwecke prädestinierten Körpertheile rythmisch zu bearbeiten. Als der erfinderische Pädagoge seinen Apparat in der Schule aufstellte, da ergab sich ein eigenartiges Resultat. Jeder Schüler wollte die neue Maschine erproben, jeder wollte mit dem intereffanten Sessel Bekanntschaft machen, jeder wollte gezüchtigt werden, eine förmliche Epidemie war ausgebrochen. So machen es die geschilderten Juden. . In Hellen Haufen drängen sie sich in Situationen, wo es Züchtigungen absetzt. Dabei sind aber die Schulkinder den Juden an Logik weit überlegen. Wenn sich die Kleinen freiwillig prügeln lassen, so können sie einen halbwegs plausiblen Grund anführen — den Reiz der Neuheit. Aber die Juden?! Züchtigungen, die rund zwei Jahrtausende alt sind, dürfen doch nicht den Reiz der Neuheit für sich beanspruchen. Es ist nur bei der ganzen Geschichte ein Trost, dass die Juden, die auf dem Gebiete der Logik mit den Schulkindern so unglücklich cvncurrieren, nur einen Bruchtheil der Gesammtjudenheit ausmachen. In dieser Zeit der Erfindungen und Entdeckungen, in der die Schullehrer die merkwürdigsten Maschinen construieren, stellt sich auch Prinz Alois Liechtenstein mit einer großartigen Entdeckung ein. Sie fällt in das Gebiet der Ethnologie. Im Abgeordnetenhanse hat der hochgeborene Politiker und Ethnologe das Resultat langjähriger, anstrengender Studien in einem Fundamentalsatz zusammengefasst und mit diesem die Debatte über die Sprachenfrage am 28. 2lpril eröffnet. Der Satz lautet: „Es ist eine Krise ausgebrochen, welche die Schadenfreude des Auslandes erweckt. Ter Urgrund dieser betrübenden Erscheinung liegt weder in der Natur des Landes, noch in dem Character der Völker, welche zu den fleißigsten, begabtesten und auch zu den verträglich st en gehören, welche die Erde trägt." — Da haben wir es. Die Völker gehören zu den verträglichsten, welche die Erde trägt. In lapidarer Forni, die jeden Widerspruch von vorneherein ausschließt, hat Prinz Liechtenstein das Ergebnis seiner ethnologischen Forschungen einer großen Oeffentlichkeit zur Verfügung gestellt, und dieses Ergebnis wird gewiss von jedem aufmerksamen Zeitungsleser, der die anziehenden Berichte über die Excesse in Prag, Schodnica, Chodorow, Wieliczka rc. gelesen hat, mit dankbarem Kopfnicken acceptiert werden. Erfreulich ist nur, dass der hochgeborene Ethnologe in seinem Gutachten jede kleinliche Parteilichkeit beiseite gelassen bat. Es ist doch sicher, dass die czechifche, die deutschnationale, die christlichsociale Faust beim Einwerfen der Fensterscheiben gewisse Geschicklichkeitsunterschiede aufweist, — der coulante Kritiker übersieht das, er zeichnet nicht die eigene Partei aus Kosten der anderen aus, und reicht allen mit gleicher Zuvorkommenheit die Palme der Verträglichkeit, was nicht genug anerkannt werden kann. Es ist übrigens ein großes Unglück für die Weltliteratur, dass Ibsen, bevor er die „Stützen der Gesellschaft" schrieb, es verabsäumte, die in jeder Hinsicht angenehme Bekanntschaft des Prinzen Liechtenstein und seiner engeren Gesinnungsgenossen zu machen, oder wenigstens einer Versammlung beizuwohnen, die jüngst vom Verein „Christliche Presse" in Wien einberufen wurde. Hier sagte nämlich der Abgeordnete Gessmann folgendes: „Was unsere christliche Partei anbelangt, so sage ich: „Entweder dringt unsere Partei durch und wird ein staatserhaltender Factor, mit dem die Regierung entschieden zu rechnen hat, oder Oesterreich wird überhaupt nicht sein, und die Gesellschaft geht zugrunde." — Was mancher schon lange geahnt hat, das ist in diesem majestätischen Satze klipp und klar ausgesprochen: Die eigentlichen Stützen der Gesellschaft sind die Wiener christlichsvcialen Antisemiten. Wie viel hätte Ibsens Stück an innerer Wahrheit und Größe gewonnen, wenn es auf dieser Weltanschauung aufgebaut worden wäre! Ein großer, selbstbewusster Stolz athmet in den Worten Gessmann's. Aber auch eine finstere Tragik. Es ist die Tragödie des „Berkanntfeins". Die Gesellschaft will Gessmann's

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