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Die Welt · 1898-05-06 · 18 (6.5.1898) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
18 (6.5.1898)
Article
Mr. Claude Montefiores Ansichten
Date
1898-05-06
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr 18 Seite 3 nicht wüssten, dass Mr. Montefiore ein wohlerzogener und wohlthätiger Herr ist, wir würden meinen, dass er über den Nothstand der Judenheit schnöde scherzt. Zu all' diesen sinnreichen Annahmen, die Mr. Montefiore im Behagen seiner Studierstube vor sich hin in die Lust bläst, fehlt uns die Geduld. Eine Erfahrung voll tiefster Bitterkeit hat uns moderne, „emancipierte" Juden gelehrt, dass der Antisemitismus nicht schwindet und nicht schwinden kann, weil seine Ursachen nicht behoben sind. Wir haben es oft gesagt. Jeder neue Tag liefert neue Beweise, ach, in aller Welt. Ein Abfluss der schwerbedrängten Judenmassen, die sich und ihrer Umgebung zur Last sind, würde von Christen und Juden mit einem dankbaren Ruf der Erleichterung begrüßt werden. Und wir wollen als ernste Menschen, die sich der großen Verantwortung wohlbewusst sind, dafür sorgen, dass dieser Abfluss in rechtlich sicherer Weise erfolge. Es fehlt uns die Leichtfertigkeit, mit der manche gnädige Gönner die armen jüdischen Auswanderer fortschaffen, irgendwohin über's Meer, nur recht weit weg. Die Wertlosigkeit dieser Versuche, auch wenn sie mit den größten Mitteln unternommen werden, zeigt sich ja immer deutlicher. Jeder Rechenschaftsbericht dieser „wohlthätigen" Vereinigungen enthält das mehr oder minder verhüllte Geständnis, dass die Bemühungen der Protectoren fruchtlos waren. So lange diese Herren von dem neuerwachten Volksbewusstsein Israels keine Ahnung hatten, waren ihre Philanthropieen nicht nur entschuldbar, sondern sogar löblich. Das hat sich allmählich geändert. Ist der Zionismus eine Nothwendigkeit? fragt Montefiore noch. Wer kein Schloss in England hat, wird daran nicht zweifeln. Aber ist der Zionismus nicht ein „Schloss in Spanien", ein Wolkengebilde, eine Utopie, geträumt von Träumern? Wir wollen darauf nicht mehr mit Vernunftgründen antworten, die ja doch nur den Vernünftigen, den unbeschränkten Geistern einleuchten. Unsere Zionisten in Bulgarien, in Südafrika geben eine stürmisch jauchzende Antwort. In Bulgarien haben sie gesehen, wie eine Staatsbildung in der Gegenwart sich gestaltet. In Südafrika haben sie im letzten Decennium das jähe Wachsthum einer Colonie mitgemacht. Die Zionisten vom Balkan, die Zionisten der „Chartered Company“ sind unsere besten Argumente. Ja, und alle Zeichen des Weltverkehrs, das Kabel im Meer, der Dampf der Locomobile, die Säe-, Mäh- und Dreschmaschinen, die indische Baumwolle, der amerikanische Weizen, die Kraftübertragung im dünnen Draht — kurz, die sämmtlichen Wunder, die in unserem Alltag blühen, sprechen sie nicht zum verschlossenen Sinne des gebildeten Mr. Claude Montefiore? Unsere Beweisgründe sind von heute, seine sind von gestern und vorvorgestern. Er citiert überlegen und selbstzufrieden den alten jüdischen Philosophen Philo. Wandelt den gelehrten Mr. Claude niemals der Gedanke an, dass die Alten nur aus ihrer Zeit heraus weise sein konnten, und dass andere Bedingungen des Lebens auch eine andere Weltweisheit Hervorrufen? Jede Zeit hat ihre Weisheit, ihre Weisen. Und kann sich Mr. Claude Montefiore nicht vorstellen, wie weit denen ums Herz wird, die nicht an ihr eigenes Behagen denken, sondern einer Idee dienen, einer Welt von Gegnern zum Trotz? Wir sind schon in der kurzen Zeit unseres Kampfes über größere Schwierigkeiten hinweggekommen, als es die mühsamen Dilemmata des Mister Montefiore sind. So einfach, wie dieser anglo-jüdische Denker sich die Dinge vorstellt, sind sie in Wahrheit nicht. „Traurige Nothwendigkeit" oder „glorreiches Ideal"? Run, es ist diesmnd jenes. Die Motive der Menschen sind so verschieden, wie sie selbst. Zusammen bilden sie das Dickicht der Nation. Wer aber keinen freien Ueberblick hat, der sieht, wie man zu fagen pflegt, den Wald vor lauter Bäumen nicht. Und ein Solcher möchte uns belehren? Nein, nein, wir danken. Wir sehen den Wald, wir glauben an den Wald. Und der Zionismus fegt als ein reinigender Sturm durch das ganze Judenthum. Die dürren Äeste werden geknickt, in den Wipfeln muss Raum sein für die ewig jungen Triebe, die hinauf wollen in das Sonnenlicht. Der zweite Baseler Congress. *5# Das Actionscomite wird den Colonisationsvereinen Vorschläge machen, wie die Thätigkeit dieser Vereine auf dem Boden des Baseler Programmes als Cooperation mit der zionistischen Leitung vor sich gehen könne. Als leitendes Princip wird empfohlen, die Colonisation auf die bereits in Palästina befindlichen Juden zu beschränken und die Thätigkeit in Palästina namentlich auch auf das culturelle und industrielle Gebiet auszudehnen. Der ganze Fragencomplex der Chaluka, die man nicht antasten darf, solange man nichts Besseres an ihre Stelle setzen kann, ist im Aufträge des Comites von competenten Persönlichkeiten untersucht worden. Auch diese Frage ist in den Vorconferenzen einer eingehenden Behandlung unterzogen worden. Der zweite Baseler Congress wird sich mit dieser Angelegenheit nur insoferne zu befassen haben, als sie bei Besprechung der Lage der palästinensischen Juden berührt werden wird. Die Ausstreuungen über das angeblich jüngst erfolgte Einwanderungsverbot der Pforte haben den Theilnehmern der Vorconferenzen Gelegenheit gegeben, zu constatieren, dass es sich um ein altes Verbot handle, das gerade infolge der „unauffällig" betriebenen Colonisationsthätigkeit^ der sogenannten Praktischen zustande kam. Dass der politische Zionismus mit solchen Repressalien nicht zu kämpfen haben wird, erhellt aus seinem Programme und seinem von der Oeffentlichkeit controlierten Vorgehen. Die Culturfragen des Judenthums in Bezug auf seine Sprache und Literatur, seine pädagogischen Organisationen und die Erhaltung seiner historischen Schätze werden auf dem zweiten Congresse eine eingehende Besprechung finden. Aus Johannesburg in Südafrika wird uns gemeldet, dass sich in den dortigen Finanzkreisen für die zu gründende jüdische Colonialbank das lebhafteste Interesse kund gibt. Die südafrikanischen Blätter verzeichnen die Fort schritte unserer Bewegung mit ausgesprochenem Wohlwollen und im Hinblick auf den zweiten Congress wurde ein Meeting der einflussreichsten Juden einberufen. In England wird die Subscription auf Shares der jüdischen Colonialbank von vorneherein in die breiten Schichten hinausgetragen. Die English Zionist Federation hat eine lebhafte Agitation eingeleitet, deren Zweck es ist, die jüdischen Trades Unions für diese Sache zu gewinnen. Dr. M. Bernstein und Mr. I. Cowen halten Versammlungen in den verschiedenen Bezirken ab. Ueberall ist die Wichtigkeit der jüdischen Colonialbank von unseren Gesinnungsgenossen vollständig begriffen worden, und nach allen einlaufenden Berichten unterliegt es keinem Zweifel mehr, dass diese Subscription in ihrer Art ein ebenso großer populärer Erfolg sein wird, wie es in anderer Hinsicht der erste Congress war. — Wir werden in nächster Zeit beginnen, die allmälig bekannt werdenden Subfcriptionsziffern zu veröffentlichen. &

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