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Die Welt · 1898-05-06 · 18 (6.5.1898) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
18 (6.5.1898)
Article
Mr. Claude Montefiores Ansichten
Date
1898-05-06
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite S jDk^wa: SK. 18 Disraeli, und in schicklichem Abstand von diesem Großen auch Claude Montefiore hervorgegangen. Was wollen diese Juden mit dem aus tiefster Brust aufquellenden Ruf nach Zion? Leben wir denn nicht schon in der besten aller denkbaren Welten? Spielen wir nicht mit den Söhnen berühmter englischer Familien Cricket? Tragen wir noch den gelben Fleck? Sitzen wir nicht im Unterhause als Whigs oder Tories? Ja, gelangen wir nicht sogar manchmal bis zur Peerage? Machen wir keine guten Geschäfte? Und wenn unser Sinn nicht aus den Erwerb irdischer Güter gerichtet ist, weil wir bedürfnislos oder wohlhabend enug sind, können wir uns nicht gelehrten Uebungen ingeben? Mr. Claude Montefiore ist ein gelehrter Herr. Er befasst sich, wie es scheint, vornehmlich mit jüdischer Wissenschaft, hält Vorträge zu seiner eigenen Befriedigung, und er hat vermuthlich niemals seine Hand durch Gelderwerb befleckt. Er ist auch ein wohlthätiger Mann — alten Stils. Man findet seinen Namen in allen Spendenausweisen, er steht an der Spitze verschiedener milder Unternehmungen, und wenn Lady Soundso ihm einen Sammelbogen schickt, zeichnet er sich gewiss mit dem höchsten Betrag ein. An alledem ist kein Tadel. Und das Zeugnis eines so vollkommenen Gentleman wird sicherlich in jeder Sache gelten — mit Ausnahme des Zionismus, wenn der Gentleman dagegen ist. Denn mit dem Zionismus hat es eine wunderliche Bewandtnis. Je höher Einer steht, je bester es ihm geht, desto weniger beweist seine Gegnerschaft. Während umgekehrt der Anschluss eines günstig Situierten an die Bewegung ein sehr starker Beweis ist. Wir können daraus heute schon einen Grundsatz formulieren: Beim Zionismus ist der Wert der Anhängerschaft oder Gegnerschaft im umgekehrten Verhältnis zur Vermögenslage des Betreffenden. Herr Montefiore fühlt sich wohl und wünscht keine Veränderung seines gegenwärtigen Zustandes? Das ist ja ganz charmant, und es sei ihm bestens vergönnt. Aber einem normal veranlagten Gehirn fällt es schwer, zu begreifen, welche Autorität er danach für sich in Anspruch nimmt, um über die Leiden und Bedürfnisse einer ungeheuren Menge abzuurtheilen, deren Nothstand so unleugbar ist, dass nicht einmal er ihn leugnet. Die subjectiven Auffüllungen von Mr. Claude G. Montefiore sind also nicht ausschlaggebend. Höchstens ist es bedauerlich, dass er eine Anzahl beschränkterer Geister durch sein Beispiel beeinflusst oder diejenigen Schwachmüthigen nach sich zieht, die gern in so guter Ge- _ sellschaft sind. Eine robuste Volksbewegung, wie die ' unserige, kann solche Verluste ertragen. Diese Verlorenen werden sich sämmtlich uns anschließen, bis wir erst Recht behalten haben, und wir werden sie dann mit einem Lächeln willkommen heißen. Wie steht es aber mit den objectiven Gründen Claude Montefiores? Er setzt recht klar auseinander, durch welche Ursachen man Zionist wird. Er gibt zu, dass sowohl orthodoxe, wie Reformjuden und Freidenker dem Zionismus angehören. Wir hingegen wollen bereitwillig zugeben, dass aus den gleichen Kategorien auch das gegnerische Lager sich recrutiert. Schon daraus erhellt, dass die religiösen Standpunkte vernünftigerweise reserviert bleiben sollen. Jeder glaubt und denkt auch als Zionist, was und wie es ihm beliebt. Die Gewissensfreiheit, die volle, gleiche, ist ein zu kostbares Gut der modernen Culturmenschheit, als dass wir sie in unserer Bewegung auch nur discutieren ließen. Die Betrachtungen Mr. Montefiores sind also müßig, wir gehen darauf gar nicht ein. Der Kern seiner Ausführungen ist der folgende: „Der Judenstaat, sagt man, sei die einzige Lösung der Judenfrage. Nehmen wir einen Augenblick an, dies wäre richtig, so scheint doch viel darauf anzukommen, in welcher Weise man auf diese Losung eingeht. Ist es eine traurige Lösung oder eine heitere? Ist es eine düstere Nothwendigkeit oder ein glorreiches Ideal?" Nachdem Mr. Montefiore sich die Frage in dieser dilemmatischen Form gestellt hat, beantwortet er sich sie befriedigt. Man kann sein Dilemma und seine zwingenden Antworten mit wachsender Fröhlichkeit lesen. Vor ein paar Jahren wurde in Frankreich viel gelacht über den damaligen Ministerpräsidenten Dupuy, der eines Tages den Socialisten zurief: „lls vous enterine cians un dilemme“ Aber die ins Dilemma seiner Logik Eingesperrten bewegten sich auch weiter noch ganz ungebunden und munter, und sie thun es noch, während Herr Dupuy längst aufgehört hat zu regieren und die Leute in Dilemmata einzusperren. Also das eine Horn von Montefiores Dilemma: „das glorreiche Ideal". Wenn Jemand Zion als solches ansieht, könne er nicht mehr Bürger seines jetzigen Staates sein. Du lieber Gott, warum nicht? Gibt es zwischen Gegenwart und Zukunst nur eine so dürre Option? Kann man nicht Rechte und Pflichten der Gegenwart ausüben und erfüllen, und zugleich bessere Tage anstreben und vorbereiten? Ja, wie ist denn die ganze Cultur der Menschen entstanden? Der Logiker Montefiore wird sagen — und auch beweisen, denn er beweist Alles — dass ein Mensch nicht in zwei Häusern wohnen könne. Wie wahr! Aber kann man nicht ein neues Haus bauen, während man noch im alten wohnt? Nein, wird er sagen, man darf nicht, denn er ist ein methodischer Geist, der solche Sprünge für unlogisch und gefährlich hält. Freilich würden die Menschen heute noch auf Pfahlbauten oder in Erdlöchern wohnen, wenn es nie andere Köpfe gegeben hätte, als es seiner ist. Aber Zion als „glorreiches Ideal" hat noch andere Fehler: es muss den Antisemitismus Hervorrufen. Nun, wir haben schon eine dreijährige Erfahrung in den verschiedensten Ländern hinter uns. Nirgends hat der Zionismus den Antisemitismus erregt oder vermehrt. Das Gegentheil ist richtig. Die ärgsten Antisemiten gestehen zu, dass diese ideale Richtung des neuen Judenthums Achtung verdiene. Wäre Mr. Montefiore nicht so ängstlich um sein jetziges Wohlbefinden besorgt, stünde er so draußen im Kampfe ums Dasein, wie die riesige Mehrzahl seiner Stammesbrüder, der Gedanke einer Verschlechterung der Lage käme ihm wohl nicht. Nein, das ist nicht zu befürchten; vielmehr ist klar vorherzusehen, dass in jedem Lande der Wert und das Ansehen der Juden steigen würde, wenn ihre Zahl abnähme. Und wenn schließlich nur die Assimilierten Zurückbleiben, wird man sie als die Rarität behandeln, die sie sind. Doch nehmen wir an, er hätte Recht, es erwüchsen dem Herrn Montefiore und Seinesgleichen Unannehmlichkeiten aus der zionistischen Bewegung — mit welchem Rechte fordert er von uns, dass wir, das jüdische Volk, auf unsere Wünsche nach Besserung verzichten, unseren Nothschrei unterdrücken, all den moralischen und materiellen Jammer, der uns plagt, verschweigen sollen? Diese Zumuthung ist grotesk. Wer sie vorzubringen wagt, stellt sich ein Armutszeugnis aus. Es gib: leider viele Menschen, die so denken, aber den Meisten verbietet es die Klugheit, so zu sprechen. Hierauf erörtert Mr. Claude das andere Horn: „die traurige Nothwendigkeit", und wieder „nimmt er etwas an." Was nimmt er an? „Dass der Antisemitismus morgen aufhörte, dass die Juden in Russland und Rumänien plötzlich und vollständig emancipiert würden, dass socialer Ostracismus und Hass, worunter die Juden in Oesterreich, Deutschland und (mlrabüe dictu) selbst in den Vereinigten Staaten leiden, plötzlich zerstoßen und verschwänden . .." Dann würde der Zionismus als „traurige Nothwendigkeit" sofort aufhören. Ja, wenn er schon beim Annehmen ist, warum nimmt er nicht gleich an, dass wir auf dem Mond oder im dreiundzwanzigsten Jahrhundert n. Chr. sind, oder fliegen können. Wahrlich, wenn wir

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