Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 17 (29.4.1898)
- Article
- Mendele Lohengrin
- Date
- 1898-04-29
- Page
- 16 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 16 •nix 17. worauf der Name des Gebers dann immer mit lautem Hallo begrüßt wurde. Schließlich schlug auch die Stunde der eigentlichen Musikproduction, die Mendele mit sichtlicher Ungeduld erwartet hatte. Alles blickte erwartungsvoll nach den fünf Musikanten. Die Violinen wurden sordiniert, ein leises Winseln in bewegten Figuren drang in die Lüfte und die Clarinette versuchte den Bewegungen in maßvoller Weise nachzufolgen. Diese Bemühungen wurden aber nur durch das Umschlagen des Blattes quittiert, dessen jämmerliche Töne die lebhaften Zuhörer zwang, die flachen Hände vor die Ohren zu legen. Mendele aber ließ sich nicht irre machen. Er strich immer d'rauf los und sang mit seiner kleinen, klaren Stimme die ganze Tonfolge, wie sie sich in seinem Gedächtnisse aufgespeichert hatte. „Tü tü tütütütü" klang es. „Nun sei bedankt, mein lieber Schwan." Diese paar Tacte hörte man, dazu das „schrum schrum" der zwei Basssaiten. Die Violinen strichen wirr durcheinander, die Clarinette versuchte es auch, aber ohne Erfolg, so etwas wie eine melodische Tonfolge herauszuquetschen, die Trompete hatte einige Momente energischer Thätigkeit, es half aber alles nichts. Erst einer und dann ein anderer von den jungen Leuten, schließlich auch die Bejahrten, das ernste Brautpaar und die Brauteltern, sie alle lächelten erst, dann lachten sie 'laut im heiteren Chore, dann immer lauter und ausgelassener, bis dass die Töne der Violine und des Bassertels und auch die zarte, kleine Stimme Mendeles übertönt, erdrückt, vernichtet war. Mendele stand auf, ängstlich und verlegen umherschauend. Dann aber griff er nach seinem Instrumente, steckte den Bogen zwischen die Saiten, streckte die linke Hand in den breiten Gurt und warf mit einem Ruck das Bassettel über die Schulter, wendete sich und gieng. Man wollte ihn beruhigen. Reb Mendele, Reb Mendele Man hielt ihm Gläser voll Wein entgegen, er aber gieng seines Weges. Im Hofe standen die Leute in lachenden Gruppen, sie sahen Mendele nicht. „Meschugge". rief einer, „nuna, meschugge metorre", entgegnete ein anderer. Mendele nickte, als rufe man ihm ein lautes Bravo zu. Er war tief gekränkt, aber nicht erbost. Der junge Herr in Wien, der die Musik studiert, hat ihm ja gesagt, dass Wagner ausgelacht wurde, weil man ihn nicht verstand, nun warum soll Martinsdorf besser sein als Wien? Aber er hatte ihm auch gesagt, dass es Pflicht eines jeden strebsamen Musikers fei, Wagner zürn Siege zu verhelfen, die alte Musik zu unterdrücken. Das erste war missglückt, aber die alte Musik sollte auch nicht triumphieren, o nein. Am 'nächsten Tage wusste ganz Martinsdorf, dass Mendele nicht mehr spielen wird: nie, nie mehr. Das ärgerte die Leute und sie rächten sich dafür. Wenn man etwas recht Lächerliches, Absurdes, Verrücktes bezeichnen wollte, so hatte man ein neues Wort dafür geprägt bekommen, „Lohengrin". Auch der Sprachschatz des Ghetto für einen Verrückten hatte eine Bereicherung erfahren. Man sagte jetzt statt meschuggener Mensch „Wagner". Mendele Klesmer hatte von diesem Tage an für alle Zeiten seinen Beinamen „Mendele Lohengrin" oder „meschugge Wagner". Es kamen böse Tage für ihn. Die Zeiten waren schlecht in Martinsdorf und Umgebung, die Bauern wurden immer schlauer. Sie verlangten für ein Hasenfell jetzt so viel, als es in Wien. galt. Die Verdienste wurden immer karger. Um feines eigenen Interesses willen rieth im seine Frau, sein Bassettel wieder hervorzuholen, aber auch des allgemeinen Wohles wegen; er sollte seine Freunde in ihrem Erwerbe nicht stören und die Menschheit nicht in ihrer Erquickung. Er aber blieb hartnäckig: er rührte keine Saite an. Er gieng still und in sich gekehrt durch die Straßen; nur wenn er ins Freie kam, dann dehnte er sein dünnes Stimmchen in jenen Melodien aus, die er von der Oper des großen Zukunftsmusikers noch im Ohre behalten hatte. Der Winter war in der Judengasse von Martinsdorf musiklos vorübergegangen. Kein Purimball wurde abgehalten. (Denn die Zigeunermusik war zu theuer, abgesehen davon, dass es fraglich gewesen wäre, ob sie in der Judengasse gespielt hätte.) Das Fest des guten Königs Mordechai und der schönen Esther war ohne Sang und Klang vorübergegangen. Das Passahfest rückte immer näher. Um diese Zeit kamen die Söhne ver jüdischen Familien, die in Wien lebten, um die Kaufmannschaft zu erlernen oder um zu studieren, auf einige Tage zu ihren Eltern. Ein junger Student, der auch ein wenig Musik trieb, der Sohn von Reb Modche Freund, hatte von Mendeles fixer Idee gehört. Er beschloss, ihn zu heilen. Am ersten Passahtage drängte sich jeder „nach Schul" an die Studenten, wie auch an alle anderen aus der Fremde Gekommenen, um ihnen das Scholem alechem zu bieten. Auch Mendele reichte den jungen Leuten die Hand, was der Student benützte, uni ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Aber Mendele war verstockt, er wollte das Geheimnis seiner Seele nicht mehr preisgeben, er fürchtete, verlacht zu werden. Da rückte denn der junge Student im L-turme vor; er setzte dem alten Manne seine Waffe brüsk an die Brust. „Sagen Sie, Reb Mendele, Sie interessieren sich so für Wagner und wollen ihn mit aller Gewalt in Martinsdorf bekannt machen! Wissen Sie auch, dass derselbe Wagner ein großer Judenfeind ist?" Mendele blieb in starrem Schreck stehen, runzelte die Stirne, zog die dünnen, hellen Augenbrauen zusammen, misstrauisch^ zu dem Sprecher hinüberblickend. „Sie haben gehört, dass ich meschugge geworden bin?" Der junge Mann schüttelte verneinend sein Haupt. „Ich weiß, man heißt mich meschugge. Aber so meschugge bin ich doch nicht, dass ich Ihnen solche Schmonzes glaube. Wie heißt, Wagner is e Judenfeind? Was hat die Musik mit die Juden zu thun oder mit die Christen? Machen ihm die Juden Concurrenz? Was haßt Jud, was haßt Christ bei Musik? Is Musik koscher? Is eine Melodie trefe? Muss man denn Noten einsalzen und auswaschen? Muss man eine Fidel schachten? Wie heißt also, Wagner is e Judenfeind? Fragt man in der Oper, wenn einer fünf Gulden bezahlt hat, ob er e Jud is oder e Gor?" „Aber Wagner ist doch ein Judenfeind." „Erzählen Sie mir nix. Wer e solche Musik macht, der steht zunächst zu Schemis borach, zu Gottselber, und wer so hineingreisen kann in e Menschenherz" . . . Der Student zuckte mit den Schultern. „Sie werden sagen, ich bin meschugge. Aber ich war doch in Wien, in der kaiserlichen Oper, und mir hat ein junger Herr gesagt, was de Musik studiert, vom Conservatorium, und e feines, großes, blondes Fräulein, was e große Clavierkünstlerin werden will, dass Wagner ein Prophet is in der Musik. „Nu, seit wann sein Propheten Judenfeinde?" „Das ist ja richtig", bestätigte der Student, „er ist ein berühmter Meister, ein großer Componist, aber er hat seine Judenfeindschaft selbst bekannt, er hat ffie in einer Schrift niedergelegt. Sie heißt: „Das Judenthum in der Musik." Das schien ernst. Mendele trat dicht an den jungen Mann heran. „Sie, Herr Freund, ich Hab' noch ihren Großvater gekannt, das war ein ehrlicher Jüd, in Genedim soll er ruhen, und auch Ihr Vater is e koscherer Jüd, halten Se mich nicht zum Narren, thun Se mir nix weh. wenn es nix wahr is." „Es ist aber wahr." Mendele stand eine Weile still und schaute zähne knirschend zu Boden. (Fortsetzung folgt). Herausgeber: P. Aasthaurr. Berantw. Red.: Dr.Sicgm.Werner. Buchdruckerei »Industrie" (S.Bergmann), VIll., Schlöffelg. U.