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Die Welt · 1898-04-29 · 17 (29.4.1898) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
17 (29.4.1898)
Article
Mendele Lohengrin
Date
1898-04-29
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 17 w<r Er konnte nichts sehen. Er war müde geworden und hatte sich an dem Rande einer Holzstufe zusammengekauert, mit dem Rücken gegen die Bühne. Von dorther klang es nun in süßen Accorden. Er wusste, es müssten Violinentöne sein, aber sie klangen so geisterhaft, so zart. Er wusste auch, dass das von den Sordinen kam, die Zigeuner spielten gar oft mit der Sordine auf den Saiten. Aber was spielten sie da unten? Und warum packte es ihn gar so gewaltig? Er stand ans, reckte seinen kleinen Kopf in die Höhe, stellte sich auf die Zehen, als wollte er den Tönen näher kommen. Das zitterte durch die Lüfte wie wehmüthiges Gebet von Engelschören, wie leises Schluchzen der Gottheit, wie die Musik der Cherubim, die den Schmerz der Gottheit zu sonstigen suchen. Die Regung in ihm wuchs, sein Athem flog, die Augen blickten starr in die Höhe, die Hände zuckten nervös und als das Vorspiel zu Ende war, setzte er sich wie betäubt aus die Holzstufe nieder. Eine Weile vernahm er den Gesang gar nicht, das Vorspiel wirkte noch immer nach, dann aber horchte er und lauschte und sog die Töne ein, ließ die Harmonie in sich nachklingen, ließ die göttlichen Stimmen in sich einziehen, bis er müde vom Hören des ihm Neuen und Ungewohnten, und erregt von all' dem Großen und Schönen, das er zum erstenmale in seinem Leben zu vernehmen das Glück hatte, in ein leises Schluchzen ausbrach. Eine schlanke, blonde Dame neigte sich neugierig zu ihm nieder. „Was fehlt Ihnen, mein Herr?" Er antwortete nicht. Die Dame stieß ihren Nachbar, der daraufhin die Stufen hinunterstieg und den Mann ansprach. Der erste Act war zu Ende.Mendele wischte seine Thränen aus den Augen, er kam wieder zur Besinnung. Der junge Mann, ein Schüler des Confervatoriums, und die Dame, eine heranreifende Clavierkünstlerin, gaben ihm auf seine Fragen bereitwilligst Auskunft. „Ob alle Abend so schöne Musik gemacht werde wie heute?" „Nein, Lohengrin gehört zu den schönsten Opern." „Aber es gibt doch mehrere Abende, wo man so schöne Stücke aufsührt?" „Immer, wenn Wagner gespielt wird." „Wer is Wagner?" „Wagner ist ein großer Musikprophet, derjenige, der die alte schlechte Musik bekämpft, das ewige bum bum bum und tfchin da da dra, der die neue Musik gefunden und in die Welt gesetzt hat." Das begriff Mendele. Und der junge Mann erzählte ihm, wie Wagner habe kämpfen müssen, wie man ihn verlachte und verhöhnte, bis seine Musik durchgedrungen sei. Er sagte ihm auch, dass alle Strebsamen in der Kunst diesem großen Meister nachfolgten, dass es die Aufgabe eines jeden ehrlichen Musikers sei, alle andere Musik zu unterdrücken und dazu beizutragen, dass die Menschheit dem Verständnis Wagners entgegenreife. Mendele, der sich als College legitimiert hatte, durste nun den Platz des Conservatoristen einnehmen. Er konnte nun auch die Handlung verfolgen. Er war geblendet von dem, was er sah, und betäubt von der Musik. Das großartige Duett zwischen Elsa und Lohengin, der traurige Abschied Lohengrin's, das alles fand ein kräftiges Echo in feiner Seele. Als die Oper zu Ende war, zog Mendele Klesmor als begeisteter Wagnerianer nach Martinsdorf zurück. Er verdammte die alte Musik und die alte Schule, d. h. was er dafür hielt: die weltlichen Tänze, Märsche, Melodien, den Czardas der Zigeuner, er hatte nur eine Empfindung, einen Gedanken: Lohengrin-Wagner, Wagner-Lohengrin. Vergeblich bat ihn der Chasen, der Cantor des Ortes, um einige frische Melodien aus der kaiserlichen Oper. Er hatte nichts mitgebracht, doch eines ja, seine große Verehrung für Wagner, das Vorspiel zu „Lohengrin" und das Schwanen-Leitmotiv. Er sang es mit seiner kleinen Stimme so rührend als möglich vor, aber aus diesen wenigen Tönen ließ sich weder ein Lechodoidi gestalten, noch ein Unsane Toikew. Der Cantor zog enttäuscht ab. Bei der ersten Zusammenkunft mit seinen Kameraden erklärte Mendele, dass es mit der alten Musik aus sei und nur noch Wagner gespielt werden könnte. Die alten Herren waren außer sich, sie hätten ja gegen die neue Musik nichts einzuwenden, doch müsste sie im Rythmus der alten ähnlich sein. Die Melodie, die hätten sie gerne gewechselt. Aber mit dem ewigen tütü tü seiner „Lohengrin"- Ouverture ließe sich doch unmöglich eine Hochzeit begleiten oder zum Tanze aufspielen. Vom Tanzen wollte Mendele nun überhaupt nichts mehr wissen. Er erklärte die Mazurka für einen Gräuel, die Zepperlpolka für einen Blödsinn und den Ländler für etwas Abscheuliches. Stundenlang saß er mit seinen Kameraden, fang und pfiff ihnen die Gänge aus dem Vorspiel zu „Lohengrin" vor, suchte Trompete, Clarinette, erste und zweite Violine zusammenzustimmen, aber sie erklärten alle, es sei der größte Unsinn. Er aber strich tapfer von der 0-Saite auf die 6-Saite hinüber, sang sein tü tü tü, hatte dabei die Töne des herrlichen Wiener Orchesters im Ohre und schaute verzückt gen Himmel. Sie lachten, weil sie nichts verstanden. O diese Kameraden, stumpfsinnige Brodfiedler waren sie. Nun aber war es ihm gelungen, er hatte seinen Willen durchgesetzt, sie mussten „Lohengrin" spielen. Der Hochzeitstag von Chaim Schulhofs Tochter sollte epochal werden in der Musikgeschichte von Martinsdorf. Die Zeit von der Trauung bis zum „Essen" benützte er zur Probe mit seinen Orchestercollegen. Schmaie, der erste Violinist, gieng noch am ehesten auf seine Intentionen ein, auch der kleine, dicke Moische Bauch, der die zweite Violine strich, fügte sich in die sordinierten Gänge, schwieriger war die Geschichte mit Modche Fresser, dem Clarinettisten. Dies war ein alter Herr mit tiefliegenden, kleinen Augen, langer, nach dem Munde strebender Nase, aufwärtsgebogenem Kinn, kurz mit einem Gesichte, das von allen Seilen dem kräftigen Munde zustrebte, dessen hängende, wulstige Unterlippe wenig Energie — und viel Genusssucht verrieth. Modche hatte keine Ahnung von Zukunftsmusik oder auch nur von „Lohengrin", er quietschte immer zur Unzeit, und vermochte absolut keine „Harmonie" zu bilden, was seine Aufgabe gewesen wäre, zusammen mit dem großen, dicken Ascher-Falk, dem Trompeter. Mendele aber war geduldig, ach, und er hörte in den Tönen seiner Collegen all' die göttlichen Harmonien, die noch von Wien her seine Sinne um gaukelten. Um drei Uhr begab sich die Capelle ins Hochzeitshaus. Das „Essen" sollte beginnen, man sah schon den Rabbi mit seinem Stab durch die Gassi geh'n, ihm nach alle Geladenen. Aber auch viele Ungeladene zogen zum Hause Reb Chaims, um im Hofe der Musik zu lauschen. Ja sogar vom Markt und vomKirchbergl herunter kamen Hörer; die Nachricht von der „Lohengrin"-Premwre hatte auch die christlichen Honoratioren in die Judengassi gelockt. Das allgemeine Händewaschen war vorüber. Der laute Segensspruch des Rabbiners folgte, die ersten Brocken der weißen Barches wurden vertheilt und das „Essen" begann. Der Wein löste die Zungen, man lachte, schäkerte, schrie und fang wirr durcheinander, bis nach einer Stunde das Zeichen zum Benschen gegeben wurde, zum Segen nach dem Essen. Auch das gieng vorüber, die Spässe des „Schalksnarren", der seine derben Witze in holperigen Reimen entlud, sie nahmen auch nicht mehr viel Zeit weg. Der Sarver hatte die Hochzeitsgeschenke ausgerufen und zwar genau nach der üblichen Vorschrift, ob von Bräutigamsseite oder von der Sippe der Braut das Geschenk komme.

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