Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 17 (29.4.1898)
- Article
- Könnte man die Bundeslade wiederfinden?
- Date
- 1898-04-29
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 17 Seite 3 Wenn aber Jeremias die Bundeslade verborgen hat, wann mag er dies gethan haben? Aus der Bibel ist ersichtlich, dass er sie bereits ziemlich lange vor der vorletzten Tempelplünderung verborgen haben muss, die in das Jahr 597 siel, denn zur Zeit der letzten Tempelplünderung im Jahre 586 war im Allerheiligsten keine Bundeslade mehr vorhanden. Was dann nach den vorhergegangenen Plünderungen noch vorhanden war, waren nur die Gold- und Silberarbeiten an den Tempelwänden und massive Gegenstände, wie z. B. das schon erwähnte eherne Meer, die Stühle und ein Theil der Geräthe (Jerem. 27:19, 52:17, Ps. 74:6, 2 Kön. 25:13—17). Im Jahre 586 war die Bundeslade bereits verschwunden; und sofern sie nicht nach Babel geführt war, wohin sie ja in der That nicht kam, so muss sie, wie gesagt, schon vor dem Vordringen der Chaldäer im Jahre 597 aus dem Allerheiligsten entnommen worden sein, denn zu dieser Zeit wurden alle noch vorhandenen Heiligthnmer erste n Ranges fortgeschafft und nur, was von geringerem Werte war, zurückgelassen. (2 Kön. 24:13, 2 Chron. 36:10). Wenn aber demnach die Bundeslade bereits vor dem Vordringen der Chaldäer im Jahre 597 verborgen wurde, bei welcher Gelegenheit mag sie dann wohl aller Wahrscheinlichkeit nach ans dem Allerheiligsten entnommen worden sein? Darauf antwortet Maimonides wie wir gesehen haben, dass dies zur Zeit des Josias und auf feinen Befehl geschah, und dies erscheint auch sehr glaublich, denn damals war wirklich Grund vorhanden, dieselbe zu verbergen. Im Jahre 626 v. CH. zogen nämlich die Scythen heran und verbreiteten Angst und Schrecken unter den Einwohnern von Jerusalem. Drohende Wolken zogen sich im Norden zusammen, denn nicht genug, dass die Scyten raubten und verwüsteten, rundumher an den Grenzen des jüdischen Landes, sondern im Jahre 626 nahm auch die Revolution ihren Anfang, durch welche Nabopolazzar zur Herrschaft gelangte. Bei dem Gerüchte hiervon wuchsen die Befürchtungen der Juden und der Schrecken wurde noch größer, als man von den gleichzeitigen Kriegsrüstungen in Egypten erfuhr, denn bei eineni Kriege zwischen dem nördlichen und dem südlichen Lande musste Juda in Mitleidenschaft gezogen werden. Lauge hatten die Frommen an ein überhängeudes Urtheit geglaubt, jetzt aber verkündigte die Prophetin Hulda, dass solches unmittelbar bevorstehe (2 Chron. 34:20, 22) und ein gleiches thaten auch Sephanja (1:1, 4, 7, 14) und Jeremias. In zündenden Worten verkündete besonders letzterer Prophet, wie Jerusalem verfolgt werden und Juda in Gefangenschaft geführt werden würde. (Jerem. 4:5—8, 17 u. f. w.) und bei solchen Worten müssen die Gemüther erregt worden sein. — Zumal in der ersten Zeit muss man außer sich gerathen sein, als das Gerücht von der drohenden Gefahr um sich griff. Historische Schlussfolgerungen. Dass dies der Fall war, berichtet auch Jeremias; denn „es wird ein Volk kommen von Mitternacht", sagt er, „wir hörten ein Gerücht von ihnen und unser Muth sank, Angst und Wehe ergriff uns gleich einer Gebärerin" (Jerem. 6 :22 bis 24). Angst ergriff die Menschen wie sie eine Gebärerin ergreift, und was ist natürlicher, als dass man sich veranlasst fühlte, das zu verbergen, was für Juda das Kostbarste war — in erster Linie die Bundeslade und das mit dieser zusammen verwahrte Archiv. Freilich wird nicht erwähnt, .dass man damals die Bundeslade verbarg, denn wenn man etwas verbirgt, so schweigt man gerne darüber; wir finden aber, dass Josias bald genug seine Aufmerksamkeit aus den Tempel richtete (2 Kön. 22:3—5; 2 Chron. 34 :8), in welchem die Bundeslade verwahrt wurde: und wenn er diesen angesichts der überhängendeu Gefahr zu oronen sttebte, so ist es ja leicht zu verstehen, dass die Verbergung der Bundeslade im Anschlüsse an die Renovierung des Tempels geschah, und wir erkennen, dass Maimonides wohl unterrichtet gewesen sein muss, als er die Verbergung der Bundeslade, wie wir gesehen, mit dem Befehl des Josias, dieselbe in die Tempel zu setzen „um nicht mehr getragen zu werden" in Verbindung brachte, denn 2. Chron. 35 :3 wird berichtet, der König Josias befahl den Leviten und sprach: „Thut die heilige Lade in das Haus, das Salomo gebauet hat. Ihr sollt sie nicht auf den Schultern tragen" und mit diesen Worten verschwindet ja auch die Bundeslade für immer, denn irgend welche spätere directe Mittheilung über ihren Verbleib findet sich nicht in der Bibel. Ja, zu jener Zeit muss die Bundeslade wirklich versteckt worden sein und wir finden ja auch eine Aeußerung aus derselben Zeit vom Propheten Jeremias, welche deutlich beweist, dass er gerade damals seine Gedanken besonders auf die Bundeslade gerichtet hatte, und dass er sich schon damals bewusst war, dieses Heiligthum müsse aus dem Allerheiligsten entnommen werden, um niemals wieder dahin geführt zu werden, denn nach Hez. 11:15—19 hatten die Einwohner von Jerusalem den Angehörigen der abtrünnigen zehn Stämme, welche Jerusalem besuchten, zu sagen gepflegt: ,.Weicht zurück von dem Herrn! Uns ist dieses Land zum Eigenthum gegeben worden" und damit hatten sie ersichtlich auf das Unterpfand des Eigenthumsrechtes hingewiesen, welches sie in dem Centralheiligthum, der Bundeslade besaßen, von der die zehn Stämme sich abgewandt hatten: nun sollte indessen Josias mit dem ganzen Israel Ostern halten (2 Chron. 35:17, 19), und da durften die Kinder jener zehn Stämme nicht länger abgewiesen werden. Zum Osterfeste musste daher die Ursache des Streites weggeräumt werden und daher predigte Jeremias zu jener Zeit (Jerem. 3:6, 16, 17) den Abtrünnigen und sagte ihnen, wenn sie nach Zion zurückkehrten, so würde ihnen dort nicht mehr die alte Rede entgegengebracht werden: Weichet fort! sondern die Rede von der Bundeslade werde verstummt sein und man werde sich nicht mehr ans diese berufen als auf ein Unterpfand irgend eines Vorrechtes der Juden, vielmehr sollte Juda und Israel gleiches Recht zustehen und keinerlei Unterschied mehr gemacht werden. Das aber, dass die Israeliten der zehn Stämme bei ihrer Ankunft in Jerusalem zu dem Osterfeste, welches im 18. Regierungsjahre des Josias gefeiert wurde, die Rede von der Bundeslade verstummt finden sollten, und dass die Bundeslade nach dieser Stunde, wie Jeremias sich ausdrückr nicht mehr „gemacht" werden sollte (3:16), besagt das nicht, dass jene bereits zu dieser Zeit von Juda verschwunden sein sollte? Sicher lässt sich daraus schließe!:, dass man zu jener Zeit wenigstens die Absicht hegte, sie zu verbergen: und halten wir beides neben einander, so zeigt es sich klärlich, oass sie wirklich gerade damals oder ans alle Fälle vor dem Tode des Josias verborgen worden sein muss. Haben wir aber demnach festgestellt, dass die Bundeslade verborgen worden ist, wer dieselbe verborgen hat, und w a n n sie aus dem Allerheiligsten entnommen worden ist, so bleibt uns nun schließlich auch die Frage zu beantworten, w o sie verborgen wurde. IV. Wo wurde die Bundeslade verborgen? Rach dem 2. Buch der Maccabäer verbarg der Prophet Jeremias die Bundeslade auf dein Berge, auf welchem Gott Moses das gelobte Land zeigte. Betrachten wir die Schlussworte des Berichtes „wie auch Salomo flehte, der Ort (wo sie verborgen wurde), möchte besonders geheiligt werden", so weisen diese gleichwohl nicht auf den erwähnten Berg (Nebo) hin, sondern auf einen in Jerusalem von Salomo gleichzeitig mit dem Tempelbau vorgesehenen Ort. Hier macht sich ein Widerspruch geltend, der wahrscheinlich darin seinen Grund hat, dass die Angabe „der Berg, wo Gott Mose das Land zeigte", in einer späteren Zeit eingesügt worden ist, wo der Volksglaube sich vielleicht durch eine Naturerscheinung hatte verleiten lassen, wie jene von Epiphanius erwähnte nachts leuchtende Wolke, welche man geneigt war für die Wolkensäule zu halten, die ehemals über der Bundeslade