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Die Welt · 1898-04-22 · 16 (22.4.1898) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
16 (22.4.1898)
Article
Mendele Lohengrin
Date
1898-04-22
Page
16 (sequence 3)
Language
German
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nr Es ist selbstverständlich, dass Mendele als frommer Jude zur rechten Zeit ein Weib nahm, das zur rechten Zeit in regelmäßigen Abständen Kinder zur Welt brachte. Die Spesen dieser regelmäßigen Ausgabe wurden durch die unregelmäßigen Einnahmen derMusikproductionen gedeckt. Mendele war ein braver Gatte, der seine brünette, kleine, magere Frau mit dem üblichen Kosenamen „mei Harz" und „mei Gold" rief, und er war auch ein guter Vater, der seine Kinder liebte. Aber sie waren ihm nicht das) was sie jedem guten Juden in Martinsdors waren, sie waren ihm nicht Alles (Gott zuvor). Er theilte sein Herz zwischen Gott, den er dreimal täglich anrief und dem er unzähligemale für die Genüsse des Lebens dankte, der Familie und der Musik. Musik! Ach, wie er sich nach wirklicher, schöner Musik sehnte! Seine größte Sehnsucht war es, einmal im Leben nach Wien zu fahren, um dort in das große, schöne Haus zu gehen, in dem der Kaiser sich von eigenen Musikern und Sängern am Abend zur Erheiterung etwas Vorspielen und Vorsingen lässt. Die Oper soll es heißen, wurde ihm gesagt. Da einige Jahre hindurch der regelmäßige Kindersegen ausgeblieben war, und die unregelmäßigen Einnahmen in der Cafsa, einem defecten Frauenstrumpfe, aufgespeichert lagen, entschloss er sich endlich, von Martinsdorf nach Wien hineinzufahren, um in die kaiserliche Oper zu gehen. Der ganze Ort wusste, dass Mendele Klesmer nach Wien hinein fahre, die kaiserliche Oper zu besuchen. Ihm war die Gabe verliehen, sich jede noch so verwickelte Melodie zu merken und rein nachzusingen, so dass man sich von seiner Fahrt für das Musikleben der Gemeinde große Vortheile versprach. Er hatte seine Schabbeskleider angezogen, von allen Bekannten feierlich Abschied genommen und saß endlich im Zuge, der ihn nach Wien bringen sollte. Die Loeomotive setzte sich in Bewegung, noch ein Rücken, ein Rufen und Winken; schon rasselte der Waggon über den Viaduct, von dem er stolz die Thalmulde übersah, in der Martinsdorf sich breitete. Er blickte behaglich lächelnd zum Schloss empor, das den höchsten Hügel krönte. Ach was Schloss und Gutsherr — nicht mit Rothschild hätte er getauscht. Fünf Gulden Reisegeld, fünf Gulden, die er anbringen durfte und zwei Tage frei, gewöhnliche Wochentage frei! Er setzte sich endlich. Die Freude strahlte aus seinen etwas blöden Augen, und da Mendele eine gute Seele war, die nicht gerne die Freude selbstsüchtig verschloss, erzählte er im Eisenbahnwagen allen, die es wissen wollten und auch jenen, die es nicht zu wissen verlangten, dass er zum erstenmale im Leben nach Wien fahre und zwar in seiner Eigenschaft als Musiker, um die kaiserliche Oper zu studieren. Er sprach in seiner Erregung den ganzen Weg über nur von diesem Kunstgenuss, der ihm bevorstehe, und hotte von den Passagieren auch mancherlei gute Rathschläge an. Man sagte ihm die Stunde des Beginnes, auch die Preise der Sitze wurden besprochen. Da fiel ihm sein kleines Herz tief hinunter vor Schreck. Ein einzelner Platz fünf Gulden! Fünf Gulden! Soviel trug ihm seine Kunst im ganzen Jahre und das nur dann, wenn es mindestens zwei Hochzeiten gab und wenn der Purimball und der Simchasthoraball im selbigen Jahre abgehalten wurde und außerdem noch bei der großen Sude von der Chewre Kadische gestattet war, Musik zu machen. Fünf Gulden für einen Sitz! Und viele Hunderte von Menschen giengen in dieses Haus hinein, und der nur hoch oben stehen wollte, so hoch, ja noch viel höher, als die Kirche in Martinsdorf, der musste auch noch sechzig Kreuzer bezahlen. Und er rechnete als gewiegter Kaufmann, wieviel tausende von Gulden allabendlich in die Casse dieser Musikanten und Sänger fließen müssten. Da beneidete er seine Kunstgenossen ob ihrer glänzenden Einnahmen. (Fortsetzung folgt.» Bucherwrll. In einer soeben im Verlage der „Zeit" in Wien erschienenen Broschüre, betitelt: „Die wissenschaftliche und philosophische Krise innerhalb des gegenwärtige» Marxismus", behandelt Prof. Dr. Th. G. Masaryk in kritischer Weise den gegenwärtigen Stand des wissenschaftlichen Socialismus nach seiner ökonomischen und philosophischen Seite hin. In kurzer, allgemein verständlicher Form fasst die Schrift alle im letzten Jahrzehnt zum Vorschein gekommenen geistigen Strömungen im Socialismus zusammen. Sie kann deswegen Allen, die der geistigen und politischen Entwicklung der Zeit mit Verständnis folgen, zur Lectüre empfohlen, werden. Spinozas Leben, Werke und Lehre«. Von Kuno Fischer Vierte Auflage. Heidelberg, Carl Winter. 1898. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollten wir über die Jubiläumsausgabe von Kuno Fischer's „Geschichte der neueren Philosophie" viele Worte verlieren. Es genüge zu sagen, dass der geistreiche Geschichtsschreiber der Philosophie das ihm gefallene Los, mit welchem auserwählte Gelehrte in Deutschland höchst selten begnadet werden, vollauf verdient hat. Der uns vorliegende Band ist in allen vier Auflagen nach stets erneuter Prüfung unverändert geblieben, nur im Einzelnen, wie es der literarische Stand der Sache mit sich gebracht hat, noch genauer und ausführlicher entwickelt worden. Sein Held nimmt unter den bedeutenden Denkern der neuesten Zeit eine außerordentlich hervorragende Stellung ein. Von seinen eigenen Zeitgenossen nach seiner währen Größe wenig oder doch nicht hinreichend gewürdigt, wird aus seine philosophische Bedeutung erst hundert Jahre nach seinen: Tode von Männern wie Lessing, Herder und insbesondere von Göthe hingewiesen, bis dann im neunzehnten Jahrhundert die großen speculativen Systeme wiederum an den Grundgedanken Spinoza's anknüpfen und so die einfach großen Züge des spinozischen Pantheismus eine reichere und mannigfaltigere Ausbildinig erlangen, durch die Jdentitätslehre Schcüing's und die absolute Philosophie Hegel's. Spinoza's System hat in seiner starren Geschlossenheit Anfangs etwas Unzugängliches, Unnahbares; gelingt es aber, in den Geist desselben einzudringen, so theilt sich uns etwas von der Erhabenheit und Ruhe mit, die seinen Characrer ausmachen. Und versucht man es, den Blick von dem gewaltigen Gedankcnbau auf den Baumeister selbst zu lenken, so macht man die merkwürdige Wahrnehmung, dass das Werk und sein Urheber in überraschender Harmonie sich befinden, und dass jenes nur das wissenschaftliche Vermächtnis eines Forscherlebens war, dessen geistige Kraft, Tiefe, Bedürfnislosigkeit und Reinheit uns Bewunderung einflößen. So verwandelt sich vor unseren Augen eine bestimmte historische Gestalt in ein Idealbild, dessen hohe sittliche Schönheit uns eine vorbildliche für alle Zeiten geworden ist und wir begreifen das Wort Friedrich S ch l e r in a ch e r's, „Spfert mit mir ehrerbietig eine Locke den Manen des heiligen: verstoßenen Spinoza! Ihn durchdrang der hohe Weltgeist, das Unendliche war sein Anfang und Ende, das Universum war seine einzige und ewige Liebe: darum steht er auch da allein und unereicht, Meister in seiner Kunst, aber erhaben über 'die prosame Zunft, ohne Jünger und ohne Bürgerrecht". Die intellectuelle Liebe Gottes, der ainot- Dei mtellectualis war es, welcher de:n großen Heiligen seine Heiligkeit gewährleistete. L. Am 20. April hielt Rev. Hechler in der kaiserlichen "Akademie der Wissenschaften unter dem Titel „Eine Uebersicht der Literaturen in der Welt" einen äußerst instructiven Vortrag. An der Hand zahlreicher Tabellen, die die Wände de-5 Saales bedeckten, eremplisicierte Rev. Hechler seine literarhistorischen Arbeiten. Bei der Besprechung der hebräischen Literatur gibt er ihre Entstehungszeit um das Jahr I-">0o v. Ehr. Geb. an. Die hebräische Literatur, die auch heute noch in allen modernen Gesetzen und Anschauungen einen großen Einfluss ausübt, war den Zeitverhältnissen und Anforderungen aller Jahrhunderte angepasst. Das kann man von keiner "anderen Literatur der Welt behaupten. Dem Bortrage wurde reichlicher Beifall gezollt. Büchrreinlauf. „Zionsmarsch". Gedicht von Jsaac Agent, Musik von Adolf M. Weintraub. Braila, 9 Strada Sfr. Petru 9. Modernes Judenthum von Rabbiner Dr. L. Gold sch mied. Wien und Leipzig, 1898. Verlag von M. Breitensteins Buchhandlung. Die Fortsetzung des Feuilletons ..Der Antig o y i s m u s in 3 io n" musste in dieser Dummer wegen Raummangels unterbleiben. Die Redaction. Herausgeber: P. Nasthauer. Verantw. Red.: Dr.Siegln.Werner. Buchdruckerei „Industrie" (S.Bergmann), VIII., Schlösselg. li.

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