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Die Welt · 1898-04-22 · 16 (22.4.1898) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
16 (22.4.1898)
Article
Mendele Lohengrin
Date
1898-04-22
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. Iß j*OWdr Seüe 15 Der Rabbi sandle den Schames und befahl Mendele Klesmer kraft seiner Autorität als Oberhaupt der Gemeinde, sofort vor ihm zu erscheinen. Rach etwa zehn Minuten stand der kleine Mann vor der ehrfurchtgebietenden Gestalt seines Rabbiners, der ihm befahl, sein Bassettel zu nehmen und mit den anderen Musikanten den üblichen Hochzeitsmarsch zu spielen. „Rebbeleben, ich spiel nix." „Wie heißt, Ihr spielt nix Reb Mendele? Es ist doch heut eine Mizweh, Chossen und Kalle zu erfreuen." „Rebbeleben, wenn ich spiel', begeh ich e Newereh, denn ich Hab' geschworen, wenn meine Kameraden nix mit mir heute die Ouvertüre zu Lohengrin aufführen, spiel ich ka Hochzeitsmarsch und ka Tanz." „So werden mer Enk den Schwur matter sein." „Rebbeleben, ich wer aber doch nix spielen." Der Rabbiner zog die dichten Augenbrauen zusammen und sah drohend aus den kleinen Mann mit dem schütteren Haar- und Bartwuchs, der ihm zu widerstehen sich untersieng. „Und warum?" forschte er unwillig. Mendele hob sein schmales Gesicht zum Rabbi empor, riss die schüchternen, zwinkernden Augen weit aus und sagte hastig: „Rebbeleben, weil ich auch e Mensch bin und nix immer denselben Stüß spielen will. Ich waß jetzt, was Musik ist. Ich waß jetzt, was wirklich Musik is. Dort drinnen in der kaiserlichen Oper in Wien Hab' ich's gebürt. Ich waß jetzt, wer Wagner is. Wagner, das is der, der die Musix macht, was vom Himmel kommt, vom „gelobten Namen" selbst. Der Rabbiner zuckte zusammen, als er die umschreibende Beziehung Gottes in Verbindung mit weltlicher Musik hörte. Mendele ließ sich jedoch nicht abschrecken. „Ja wohl, vom Oeberschten selber. Nix solche Musik, wie se die Zigeuner machen drüben im Ort. Keine Musik, wo die Burschen mit de Mädeln herumspringen und herumhupfen dabei, sondern großartige, himmlische Musik. Und wenn ich baden will, dass se was lernen sollen in Martinsdorf und dass se Wagner spielen, worum lachen se mich aus?" „Sie sagen, sie kennens nicht", erwiderte der Rabbi. „Se wern schon kennen, Rebbeleben. Wenn se mir versprechen, dass se beim Essen die Lohengrin-Ouvertüre spielen, dann werden Sie hören,, wer Wagner is." Dabei glühte das Gesicht des kleinen Mannes vor Eifer und die Augen blickten verklärt zur hohen Gestalt des Rabbiners empor. Dieser sprach mit den übrigen Musikanten, die endlich einwilligtev, nach dem Essen die Lohengrin-Ouvertüre aufzusühren. Der Zug rangierte sich. Voran die erste und zweite Violine, hinter ihnen die Clarinette und die Trompete und zum Schluss Mendele Klesmer, sein Baffettel an einem breiten Bande um den Hals gehängt. Dann kamen die Männer mit dem Bräutigam in der Mitte, der in voller Todtenkleidung im Sterbekittel und weißer Todtenkappe der „freudigsten Stunde seines Lebens" entgegen gieng. Vor dem Mund hielt er eine weiße Serviette, wohl als Symbol, dass er jetzt —? Doch gleichviel, vorläufig hielt er die-Serviette, aber er sprach noch und das ganz unfeierlich, er schalt Mendele, dass er die Trauung verzögerte, denn er musste vom Polterabend bis nach dem Tempelgang fasten. Mendele lächelte verlegen — und doch siegesbewusst, er hatte seinen Willen durchgesetzt, nun mochten die andern reden, was sie wollten — auch spielen dursten sie, was immer. Hui, wie's in den Lüften gellte. Tram ta ta ram ta ia ram ta ta, ra ta ta ta ta, ra ta ta ta, ta tram tram tram. Die Saiten schwirrten, die Trompete schmetterte trara trara trara, die Clarinette jauchzte, Mendele aber strich wacker von der C* auf die 6-Saite schrum sch rum schrum, schrum schrum schrum, selig vor sich hinrlächelnd. Er hatte die Griffe sicher durch die vieljährige Uebung, er musste nicht mehr an das denken, was gespielt wurde, er hörte es auch nicht. In seinen Ohren wirbelten herrliche Töne, zitterten elsenhafte Stimmen, die in süße Harmonien vereinigt zusammenklangen wie Aeolsharfen, wie die Himmelsmusik. Die Musik hatte von jeher sein Dasein verschönt, sie war die Trösterin seines armseligen Lebens. Mendele war von frühester Jugend auf ins Dorf gegangen, um Hasenfelle für Seife, Bänder oder Spitzen einzutauschen. Er hatte daher nicht Zeit gehabt, im Cheder oder beim Melammed in der Kenntnis der Gotteslehre sortzuschreiten. Abgesehen von einiger Bibelkenntnis und der Fähigkeit, „Deitsch" zu lesen, aber nur Gedrucktes, war er ein Ämhorez geblieben, arm, unwissend. Aber von Jugend auf umschwirrten ihn Melodien. Jeder klingende Scherben war ihm ein freudebringendes Spielzeug, jeder Zwirnsaden, den er aufspannen und zum Tönen bringen konnte, ein willkommener Zeitvertreib. Später hatte er eine Maultrommel eingehandelt und die Empfindungen seines Herzens in die Töne hineingehaucht, die er ihr zu entlocken wusste. Aber man wollte in der Judengasse dieses christliche Instrument nicht leiden, diesen Zeitvertreib der Bauernbursche nicht dulden. Wenn er auf der Landstraße dahinzog, von einem Torf zum anderen, vom ersten Försterhaus zum zweiten, um nachzusehen, ob Felle von geschlachteten Thieren oder erlegtem Wild einzuhandeln seien, da sang er laut vor sich hin, dass er mit seiner kleinen, aber durchdringenden Stimme den sausenden Wind übertonte. Ein Ton überschlug den anderen, eine Melodie ertränkte sich in der nächsten. Er vergaß dabei ganz die Armuth seines Lebens ja er zog wie ein begeisterter Held in die Stuben der Fleischer und Jäger ein. . Er hätte gerne seine Sangeslust in der Synagoge befriedigt, aber man ließ ihn selbst am Jomkippur, wo doch den ganzen Tag über gebetet wurde und sürSchachris, Minche, Nile und Meiref je ein anderer Vorbeter aus der Gemeinde gewählt wird, nicht zu diesem Amte zu, weil er ein Amhorez, ein „Mann der Erde" war, ein Unwissender am Worte des Herrn. Er stand stundenlang vor den Fenstern des Wirtshauses aus dem Platze, wo die Zigeuner aufspielten, und lief diesen braunen Musikanten selbst ins nächste Dorf nach, wenn sie hinzogen, um dort einem Mägdlein zu ihrem Namenstage ein Abendständchen zu bringen. Nahe dem Mannesalter kam ihm endlich die Idee, an die jüdischen Musikanten heranzutreten, dass sie ihn in den Regeln der so hochverehrten Kunst unterwiesen. Seine Finger waren schon zu steif, um die Violine meistern zu können, seine Zunge zu schwer, um den Ansatz für die Trompete oder Clarinette zu erlernen, und da Chaske Schuster, der das Bassettel strich, an gichtischen Anfällen litt, so versuchte man es, ihn zu dessen Nachfolger heranzubilden. Er wusste nicht viel von Noten und von Tonarten, er wusste nur, dass er den Finger auf dieser Saite so hoch, aus der anderen so tief zu halten habe, denn mehr als zwei Saiten hatte sein Bassettel, ein ausgedientes Orchestercello, niH^-Me 0- und die 6-Saite. Er kannte bald alle Stücke des Repertoirs auswendig, den Hochzeitsmarfch, die Melodie nach vollendeter Trauung, noch einen Marsch, die Mazurka für den Tanz, die Zepperlpolka, den Hopser und den Ländler. Er kannte jeden Tact auswendig und wusste genau, wann der Bass zu wechseln sei. Das waren seine positiven, musikalischen Kenntnisse. Groß war das Einkommen nicht, das er sich durch die Musik verschalte. Der Hochzeiten gab es nicht viele und ein fixes Honorar wurde nicht bezahlt, sondern jeder Gast warf in die Büchse, was er wollte, und sie wollten gewöhnlich nicht viel, die Gäste.

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