Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 16 (22.4.1898)
- Article
- Unter jüdischen Proletariern
- Date
- 1898-04-22
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 6 lismus als Maßstab nicht blos für ihre Noch, sondern für ihre „Judennoth". In ihren Versammlungen, die in Privathäusern stattfinden, bringen immer einige die Discussion aus den Zionismus, und er findet viele Vertheidiger und Anhänger. Die zionistische Weltanschauung ist beim südisch-socialistischen Arbeiter immer ein Fortschritt, eine Entwicklung zum nationalen Selbstbewusstsein. Und so sehr auch der St. Georg des Zionismus in der „Neuen Zeit" die zionistischen Arbeiter als Eintagsfliegen hinstellen möchte, so weiß doch jeder Kenner der thatsächlichen Verhältnisse, dass die meisten zionistischen Arbeiter Socialdemokraten waren, nie aber umgekehrt. In einer Versammlung hat auch ein jüdischer Cigarrenarbeiter mit rührender Einfachheit, die manche verblüffte, manche aber fortriss, erklärt: „Ihr wollt weniger Arbeitsstunden und mehr Lohn? .Gut. Wenn man mir aber sagen würde: ,Du sollst als Jude Menschenrechte genießen. Du sollst eine Heimat haben, von der Dichniemand vertreiben kann' — dann will ich lieber langer arbeiten und weniger verdienen." Das sagte ein schlichter Arbeiter. Sonst sind die Massen indifferent. Sie kennen nur ein Leben voll von Kämpfen, Kummer und Sorten, das zu physischer und geistiger Degeneration führt. Kleinhandel. Krämerei und Lebensmittel-Hausiererei bildete die Erwerbsquelle der meisten. Ob auch einen Nahrungszweig? Fast aus allen öffentlichen Plätzen und in allen Thoren, ja, selbst in den größeren Höfen hocken jüdische Krämerweiber, auf dem Muranow-Platz wimmelt es von Hunderten jüdischer Fischhändlerinnen, Geschäftsläden mit allen möglichen Warengattungen oder „Resten" reihen sich dicht aneinander, und in den früheren Schänken wird jetzt Thee oder Sodawasser serviert und „gefülltes oder „ungefülltes Honig- und Zuckerkuchen verkauft. Und davon wollen alle die Leute leben! Dabei wächst mit jedem Tage die Concurrenz. Von dem Städtchen kommt frischer Zuzug, die Bevölkerung vermehrt sich rapid und damit die Zahl der Ehen, die ihre wirtschaftliche Existenz auf Geschäftsläden oder Kramereien begründen. In den Mansardenwohnungen und Kellerräumen wird es immer enger. Wie soll das enden? Zu den wenigen Männern, die darüber Nachdenken, gehört ein — Christ, Boleslaus P ru s. Der Pole pflegt diesen Namen gewöhnlich in einem Athem mit dem Sienkiewicz' zu nennen, denn sie sind beide die hervorragendsten Vertreter der modernen polnischen Belletristik. Aber Prus ist mehr; er ist auch Publicist. Frei gegenüber jeder conservativen Coterie, unabhängig von den „Patrioten", die mit ihrem Demokratenthum renommieren, ist er rücksichtslos in der Beurtheilung der öffentlichen Fragen. Unter der Gilde polnischer Zeitungsschreiber ist er einer der wenigen, dieselbständig denken. Der Judenfrage widmete er vor wenigen Jahren eine Artikelserie, in der er die Geschäftsgebarung der reichen Juden kritisierte und für eine Heranziehung der Juden zum Ackerbau und zur Industrie plaidierte. Jene Kategorie, die sich in peinlichen Situationen so gerne hinter die ganze Judenschaft zu verstecken liebt, verschrie ihn sofort als Antisemiten. Aber Prus behielt die Frage weiter im Auge und beschäftigte sich hauptsächlich mit den socialen Verhältnissen der Juden. Es gibt keine jüdische Anstalt in Warschau, die er nicht besucht hätte: die Wohnungen der Aermsten kennt gewiss niemand so gut, wie dieser — Antisemit. Bei Prus hoffte ich auch die besten Informationen über die ökonomische Lage des Warschauer Judenproletariates zu erhalten. Ich habe mich nicht getäuscht. Die Volksküchen, Massenquartiere, Kinderkrippen, Cheders, Trödelmarkt und alle die Stätten, wo die Armut lebt, sich nährt und aufwächst, sind seine guten Bekannten. „Gehen Sie dorthin: das lassen Sie nicht aus" u. s. w. — so zählte er sie mir im Tone innigsten Mitgefühls auf. Und wie er von diesen Aermsten sprach! . . . „Die Juden sind das unglücklichste Volk auf Erden. Blicken Sie einen Juden an, mag er arm sein oder sich durch Glück und Talent emporgeschwungen haben. Sein wesentlichster Gesichtsausdruck ist Trauer, Melancholie. Kann ein ganzes Volk so existieren? Hat denn nicht jeder Mensch das Recht auf Glück?" „Man vertröstet uns ja auf den Fortschritt und auf die Cultur?" — erlaubte ich mir zu bemerken. „Schnüren Sie mir hier das Knie zusammen" — Prus begleitete diese Worte mit einer entsprechenden Geberde — „stören Sie meinen Blutlauf und sagen Sie, dass ich auf Fortschritt und Cultur warten solle. Die Juden brauchen ein Land. Man gebe es dieser begabten Rasse, und sie wird wieder zn einem nützlichen Gliede der Völkerfamilie werden." „Halten Sie denn die Assimilation für ganz aussichtslos?" — stellte ich eine weitere Frage. „Die nationale Seite ist hier noch das Mindeste; die Hauptsache ist das schreckliche Massenelend. Der ganze Antisemitismus ist nichts als ein Anti-Elend. Es ist ja am leichtesten, den Armen Fußtritte zu versetzen. Leiden denn etwa die Reichen unter dem Antisemitismus? Inzwischen gehen die Massen physisch und geistig zugrunde, sie werden degeneriert, und das ist schade. Wie sollten sie denn auch existieren können? Sie haben keine Landwirtschaft, keine Industrie, nichts, als Handel, lauter Handel. Und da reißt einer dem Andern den Bissen vom Mund. Dass sie sich bei uns dem Ackerbau zuwenden, ist bereits zu spät. Der Jude wird mit dem Bauer nicht concurrieren können. Aber zurückverpflanzt auf seinen eigenen Boden, wird er sich wie Antäus verjüngen." Diese Worte sind der beste Commentar zum Feuilleton Prus' über den Congress in Basel, deffen Aufrichtigkeit manche bezweifeln wollten, weil es mit den Worten schloss: „Ich selbst will mir gerne diese Steuer (Schekel) auferlegen. Kaufet Euer Land los, erwerbet Euch die Liebe Eurer Mitmenschen, mögen Euch Gott und alle edlen Menschen helfen." (Schluss folgt.) Aufruf! Seit langen Jahren eristiert in Jerusalem das allgemeine Hospital „Misgab-Ladach", welches unentgeltlich allen Israeliten des heiligen Landes ohne Unterschied der Landeszugehörigkeit und des Ritus offensteht. Mit der wachsenden Einwohnerzahl wurden immer höhere Anforderungen an das Spital gestellt, denen es bei seinen beschränkten Raumverhältnissen nicht Genüge leisten konnte, eo sahen sich die Vorsteher gezwungen, das Gebäude um ein Stockwerk zu vergrößern. Ein großer Theil dieses Anbaues ist bereits fertig, die Fortführung der Arbeit jedoch musste wegen Mangels an materiellen Mitteln vorläufig eingestellt werden. Außerdem ist auch das Spital in große Schulden gerathen, die im Vereine mit den wachsenden Ausgaben den Fortbestand des Institutes arg gefährden. Das Eingehen des Spitals wäre ein sehr empfindlicher Schlag für die arme Bevölkerung Jerusalems. Die Gefertigten bitten daher alle jüdischen Menschenfreunde um ihren Beistand in dieser Sache der Humanität. Jede milde Gabe, ob groß oder klein, wird mit Dank entgegengenommen. Allg. Jsr. Hospital „Misgab-Ladach", Jerusalem. ♦rer bttra: .txö apr *em*E btrav ♦crc; ♦7x"isr -ariö ♦•rar« pnr >r:x2 vrbx «"ran pnr Für eine Spende von 1000 Frcs. wird ein Krankenzimmer den Namen des Spenders tragen. * Wien, t. April 1898. G eehrte Redaction! In Anbetracht des Interesses, welches die Zionisten der Pflege der hebräischen Sprache und Literatur entgegenbringen, wäre es wohl an der Zeit, dass die nationalgefinnten Juden das