Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-04-22 · 16 (22.4.1898) · p. 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
16 (22.4.1898)
Article
Unter jüdischen Proletariern
Date
1898-04-22
Page
5 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315759-3358961--05429-3359098
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 16 j*0¥wr Seite 5 Presse bekanntgegeben hatte — in die Städtchen und Dörfer geschickt: aber am Widerstande des damals allmächtigen General-Gouverneurs Gurko scheiterte Alles. Nur die einflussreiche Stellung Blochs bewahrte die neugierigen Statistiker vor der Bestrafung. Als dauerndes Andenken an diefe Versuche blieben uns nur die „Bilder von einer Provinzreise im Tomaszower Powiat*)" von Perez, in denen dieser glänzende Beobachter des jüdischen Kleinftadtlebens seine Erlebnisse schildert. Heute, unter dem „neuen Cours", hofft man, dass die Zusammenstellung einer Indenstatistik wohlwollende Duldung finden würde. Aber wo sind die Männer, die sich dafür interessierten? Für die Gütervertheilung unter den Juden dieser Gemeinde ist ein Umstand sehr charakteristisch: von 200.000 Juden zahlen kaum 3300 Cultussteuer (1-7-3%). Sie beträgt von 2—275 Rubel. In Wien, wo das Stenerminimum 10 Gulden ist und wo nur 130.000 Juden wohnen, finden wir IN.000 Steuerzahler (10%). Das Wahlrecht für den Warschauer Cultusvprstand ist von einem Steuerminimum per 1-3 Rubel abhängig; diesen Betrag können nur 1300 Menschen erschwingen. Das Jahresbudget der Cultusgemeinde beträgt kaum 200.000 Rubel, und es genügt, da die Bethäuser und die meisten Wohlthätigkeitsanstalten autonom sind und aus Privatmitteln erhalten werden. Das neue jüdische Spital mit einem Belegraum von 370 Betten, das jüngst mit einem Aufwande von einer Million Rubel erbaut wurde, die zwei jüdischen Handwerkerschulen, die zusammen über 230 Knaben heranbilden und ein Budget von 21-.o<»o Rubel ausweisen, die drei jüdischen Volksküchen, der Handwerkscurs für Mädchen u. s. s., sie haben ihre Fonds nur der Privatmohlthätigkeit zu verdanken. Ob sie wohl vorn Herzen kommt? Das Leitmotiv für das Verhalten der paar Bankiers-Familien, die hier die Hauptrolle spielen, und ihres Anhanges, war bisher nicht die wahre Liebe zu ihrem eigenen Volke, sondern der lebhafte Wunsch, in den Augen der Polen als jüdische „Repräsentanten" und als gute Patrioten zu gelten, die ihre Glaubensgenossen zu „nützlichen Bürgern" erziehen. Dabei sollte ihnen der Rückzug gesichert bleiben, wenn man sie draußen abstoßen wollte. Das war weise und vorsichtig. Der Antisemitismus hat sich auch in Polen von der stark ausgeprägten Assimilation nicht imponieren lassen. Er hat sich eingestellt, wie überall. Dass sich die Juden durch ihre Betheiligung an den polnischen Ausständen, durch die financiellen Opfer für die Polen redlich deren Dankbarkeit verdient baden, wird ignoriert. Die Tagesblätter machen antisemitische Glossen, es gibt Wochenschriften, bte nur Antisemitismus kultivieren, und der antisemitische Kalender . Zvd-- („Ter Jude") wurde bei einer Auslage von 3000 Exemplaren in einigen Tagen vergriffen. Die polnische Gesellschaft weicht den Juden aus und wird „judenrein", Nur hie und da werden ein oder zwei „Ausnahmsjuden" in christliche Gesellschaften geladen, und von zwei solchen, einem Historiker und einem Kritiker, erzählt inan sich, dass sie sich dann trotz persönlicher Bekanntschaft nicht einmal begrüßen, um nur jede Aufmerksamkeit von ihrer gemeinsamen Art abzulenken. Die Christen machen sich aber feine Scrupel, sich von ihren jüdischen Bekannten einladen zu lassen. Aber sie kommen dann ohne ihre Frauen, „denn diese" - gestand mir ein „patriotischer" jüdischer Advocat — „können sich mit unseren Frauen nicht vertragen". Diese „vis a tergo", um ein Wort Nordaus zu gebrauchen, bringt manche Juden zur Besinnung. Sie ziehen sich aus ihr Judenthum zurück und suchen da ein Gebiet zur Bethätigung. Die jüngst in Warschau abgehaltAre Delegiertenconsercnz behufs Verbreitung von Handwerk und Industrie unter den Juden, das Streben, eine jüdische Ackerbauschule zu errichten, sie entstammen der Befürchtung *) Bezirk. dieser Kreise, nicht auch unter den Juden ihr Ansehen und ihren Einfluss einzubüßen. Aber vom Volke, dessen Traditionen und Weltanschauung sie sich ganz entfremdet haben, trennt sie noch immer eine Kluft. Sie kommen auch gar nicht zu ihm als Brüder, sondern als Wohlthäter und Protectoren, nicht um es zu erlösen und sich mit ihm zu gemeinsamer Arbeit zu vereinigen, sondern, um es zu „unterstützen". Wehe denen, die erst daraus warten müssen! Aber in dieser Stadt, wo ein Rabbi Meisels wegen seiner Theilnahme an der 18i>3er Revolution in der Citadelle gesessen ist, wo ein Jude in den Straßenkämpfen unter allgemeinem Jubel das Kreuz vorantrug, als sein früherer Träger niedergeschossen wurde, hat jetzt der traditionelle Patriotismus der Juden bereits ausgespielt. Die Volksmassen waren sich seiner nie recht bewusst, die akademische Jugend neigt sich immer mehr dem wirthschastlichen Radicalismus zu oder nähert sich dem Zionismus, die wohlhabende Classe der russischen Juden, die hier eingewandert ist, bildet die eifrige Anhängerschaft dieser letzteren Bewegung. Ja, selbst für die jüdische Arbeiterschaft ist die Frage des polnischen Patriotismus zu einer acuten geworden. Wie in Oesterreich, so haben auch in Russland die polnischen Arbeiter ihre eigene socialistische Organisation. Aber diese „Freiheitshelden", die sowohl in Oesterreich als in Russland mit allen anderen nationalen Organisationen Hand in Hand gehen, wollen nur beim jüdischen Proletariat eine eigene Organisation nicht dulden. Gerade von den Juden, die sich von ihnen so sehr in Bezug aus Cultur, Glauben, ja Sprache unterscheiden, verlangen sie einen vollständigen Verzicht aus die Berücksichtigung der nationalen Eigenart bei der Propaganda. Die jüdischen „Genossen" in Galizien haben sich gefügt; die in Russland und Polen sind selbstbewusster ausgetreten und haben nicht nachgegeben. Im September 1X07 fand ein Congress der jüdischen "Arbeiter von Polen und Russland statt, und sein Resultat war die Gründung des „Allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes von Russland und Polen". Ein Centralcomit.- steht an seiner Spitze, in allen Städten hat er seine Localcomids, und die deutsch-jüdischen Blätter „Die Arbeiterstimme" und „Der jüdische Arbeiter" sind seine Parteiorgane. Das hat den polnischen „Genossen" nicht gefallen. Aus ihrem Congress, der im Februar d. I. in Warschau abgehalten wurde, nahmen sie gegen den „Arbeiterbund" Stellung. Aus der einen Seite verlangten sie von der russischen Perteiorganisation die Autonomie aller in Russland von "Nichtrussen gebildeten socialistischen Gruppen gleichzeitig fassten sie aber gegen die jüdische Organisation folgenden Beschluss; „In Anbetracht, dass das jüdische Proletariat keine anderen Ziele haben kann, als das Proletariat der Bevölkerung, unter der es wohnt: in Anbetracht, dass die bisherige Thätigkeit der jüdischen Gruppe, die jetzt unter dem Namen „Der allg. jüd. Arbeiterbund von Russland und Polen" austrittz nur schädlichen Zwiespalt in das Programm und in die Organisation der Parteibewegung hineingetragen hat, erklärt der Congress die politische Richtung dieser Organisation für falsch." Das ist Consequenz! Die jüdischen Arbeiter, die das Ghetto nur verlassen, um in die Fabrik zu gehen und dort wiederum nur untereinander zu sein, die den langen Rock tragen und den Sabbath feiern, werden sich schwerlich in die polnische Organisation einschachteln lassen. Der Socialismus, von dem sie dank einer intensiven, durch die Jargon-Broschüren- Literatur amerikanischer Provenienz unterstützte Agitation die üblichsten Schlagworte kennen lernen, vermag sie dem Judenthum nicht zu entfremden. Aber er macht sie politisch reifer. Sie beginnen zu denken, sie gelangen zur Erkenntnis der socialen Bedingungen und nehmen den Socia-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.