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Die Welt · 1898-04-15 · 15 (15.4.1898) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
15 (15.4.1898)
Article
Das neue Ghetto
Date
1898-04-15
Page
16 (sequence 4)
Language
German
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Seite 16 Nr 15 Rheinberg. Ich hole alles. (Rechts ab). B i ch l e r (beschäftigt sich mit Jacobs Verband). Jacob (schlägt die Augen auf, leise). Ach — Sie thun — mir weh . . . Bichler — danke! Hermine! Hermine (wankt zu ihm hin). W a b i (von rechts, flüsternd zu Bichler). Das Bett is g'richt! (Wieder rechts ab). Bichler. Wir legen Sie ins Bett. Jacob (schwach). Nein! Hier! . . Wo ist — der Franz? Franz (steht bei ihm). Da bin ich. Jacob. Danke — Franzl! . . . Hier bleib' ich . . . Bei meinen — Büchern. . . Weißt noch, — was ich wollte? . . . Versöhnen! . . . Bichler. Reden Ltte nicht so viel! Jacob (streichelt Franz' Hand). Guter — Fronzl!... Sag' dem Rabbiner: wie der Moses von — Mainz! .... Murmelnd.) An der Leiche saß fröhlich lächelnd die Mutter. . . (Verliert wieder das Bewusstsein.) Rheinberg (von rechts mit Wasserkrug, Waschschüssel und Tüchern, leise zu Bichler). Eis wird gleich da sein. H e r m i n e (leise zu Bichler). Kann ich nicht helfenV Bichler (traurig). Nein! 8. Scene. Vorige, Taumel, Frau Tamucl, Wasserstein. Frau Samuel (verstörten Blickes, thränenlos,' fahl, zwischen Samuel und Wassersteiu, die sie an den Armen führen). Samuel (wimmernd). Wo ist mein Kobi? Franz (geht ihnen entgegen). Er ist ohnmächtig ... Nur Ruhe! Frau Samuel (stiert vor sich hin). Jacob (ruft schwach). Meine Eltern! öamuel (führt Frau Samuel ans Sopha). Kobileben — da sind wir. Jacob (richtet sich auf). Sitzen! Wasserstein (schluchzt leise). Rheinberg. Beruhigen Sie sich, lieber Freund! Wasserstein. Warum er — warum nicht wir? Bichler (setzt ihn mit Rheinbergs Hilfe auf). Jacob (ergreift die Hand seiner Mutter, küsst sie). Verzeih' mir diesen Schmerz, Mutter. . . (Küsst seines Vaters Hand). Du wirst es begreifen, Vater! Du bist ein Mann! . . . (Stärker.) Juden, meine Brüder, man wird Euch erst wieder leben lassen — wenn Ihr . .. Warum haltet Ihr mich — so fest? . . . (Murmelt.) Ich will — hinaus! . . . (Sehr stark.) Hinaus — aus — dem — Ghetto! (Schlägt mit beiden Armen in die Luft, fällt zurück und stirbt.) Frau Samuel (stößt einen schrecklichen Schrei aus, wirft sich nieder, schlägt ihren Kopf ein paarmal auf den Boden). B i ch l e r (zu den übrigen). Todt! Samuel (richtet sich auf, stark). Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Gelobt sei der Name des Herrn! Franz. Amen! (Der Vorhang fällt.) Bücherwett. Galiläa von Pierre Loti. Berlin, Schuster Löffler. 1897. Noch ein Buch über ein Stück des heiligen Landes, von Pierre Loti ist es, das dritte schon. Er weilt dorr gerne; der von der europäischen Cultur Uebersältigle ffndel dort viel Idylle und kann andächtig auf die Klänge der Hirlenniusik, die aus der Vergangenheit dieses Landes zu ihm herübettönen, lauschen. Diesmal schildert er uns Galiläa, die Wiege des Ehristenthums. So oft ich ein Buch über das heilige Land lese, glaube ich immer die Geschichte unseres Volkes herauszuhören. Eine Geschichte, ein Geschick. Dasselbe bei dem Lande Galiläa im Besonderen. . Zur Zeit, als es bebaut wurde, muss dieses Galiläa ein gesegnetes Land, ein reicher Garten gewesen sein." Ja einst, einst waren seine Bewohner auch sehr groß. Nazareth, der Genezarethsee mit seiner Umgebung — Alles heute noch von idyllischer Schönheit, wo man „sich losgelöst von kleinlichen Anwandlungen fühlt, gütig, für unendliches Erbarmen und unbeschränktes Mitleid zugänglich wird". Das liebeverkündende Land, wo einst die verdichtete und abgeklärte Lehre der Propheten, das Ehristenthum Herausgeber: P. Nsphsuer. Verantw. Red.: Dr. Sirsm. Wr vorgctragen wurde. Das erinnert uns an die ethische Seite des Judenthums. In Nablus und sonst halten sich Ueberreste der Samaritaner auf, haben ihren Hohepriester und bringen heute noch am Berge Garizim 7 Osterlämmer dar. Ein Theil des starren, petrificierten Gesetzesjudenthums. Dieses Völklein, das noch aus wenigen Familien besteht, geht dem Untergange entgegen. Auch Spuren des Heidenthums trägt das Land, auch das Volk. Im stolzen Cäsarea, nt Heliopolis haben sich die heidnischen Götzen und ihre Diener eingebürgert: heute erzählen nur einzelne ärmliche Hütten oder nur Steine von ihrer Vergangenheit. Manche dieser Städte sind ganz der Vergessenheit preisgegeben. Es ist ein Gelehrtenstreit darüber, welcher Stadt Grabdenkntal diese Steine bilden. Sonst gibt es noch einzelne Städte von Juden bewohnt, wie Liberias, Safed u. A. An den Festtagen sitzen dort die Jüdinnen an den Gräbern der Väter und der Heiligen der Nation und feiern auf diese Weise das Fest. „Ueberall schwebt dieselbe wehmüthige Verlassenheit über dem ganzen heiligen Lande und wever Blumenaufwand noch Vogelgesang vermögen es zu erheitern." Es ist tausendjährige Melancholie, die auch das Seelenlebendes Volkes erfüllt. Es wartet das Dornröschen auf des Prinzen .Kuss, es harrt der Wiedererweckung, j b Ich suchte Dich. Biographische Erzählung von 9! a h i d a RuthLazarus (Nahida Remy ».Berlin I8v8. Siegftied Cronbach. Nahida Remy — nunmehr Ruth Lazarus — hat wieder ein Buch geschrieben. Man darf nicht ihre Bücher aut das Ouantum neuer Gedanken hin prüfen, sonst wird man enttäuscht. So in ihrenr Buche über „das jüdische Weib", in ihren „Culturstudien" und nunmehr auch in ihrem letzten Buche. Sie umgibt nur die alte Wahrheit mir Dichtung, die Reflexionen der anderen taucht sie in ihre weibliche Stimmung, und kommt wie vergoldet heraus. Aus ihrer weiblichen Stimmung heraus blitzen über das alte Bild tausend Lichter und Farben hin, und das alte Bild entzückt uns wie ein neues. Sie betrachtet alle Dinge, die von Geschichtsforschern und Psychologen untersucht wurden, von einem besonderen Standpuncte, nämlich von dem weiblichen. Das ist das Neue in ihren Schriften, darin findet die Poesie derselben ihre Erklärung, aber auch ihre zeitweilige parteiische .Kurzsichtigkeit. Wenn sie sich in ein Gebiet vertieft, kamt sich ihr Denken nicht mehr erheben, sie kann nicht mehr objectiv fein: was sie bei der Vertiefung sieht, ist ihr das Höchste. — Seitdem sie ihr begeistertes Buch über die edlen jüdischen Frauen geschrieben, ist sie selbst schon eine geworden. In ihrem letzten Buche erzählt sie uns: wie sie seit ihrer Jugend der schlichte und einfach menschliche Geist des allen Testamentes anzog, dagegen die Teufel und das Fegefeuer verhasst waren, wir unnatürlich ihr die Gebote der neuen Lehre wie die Feindesliebe erschien, wie sie auf Grund religionsvergleichender Studien dazu kam, die Erzählungen aus dem Leben Jesu selbständig auszufasfen, wie sie confessionslos und dann Jüdin wurde. Warum sie bei der Kritik des neuen Testamentes stehen blieb und das alte als unantastbar betrachtete, ist eben eine Eigenthümlichkeit der weiblichen Schriftstellerin. Wie ein Judenthum, das nur „Gottesglauben und Pflichterfüllung" zu seinem Inhalte hat, noch immer etwas Besonderes, noch immer Judenthum bleibt, wie dieses zum Uebertritte anlocken kann, ist nicht leicht zu begreifen. Auch die berühmte, von Mendelssohn zuer" verfochtene Dogmenfreiheit des Judenthums ließe sich bezweyeln Bei ihrer Entstehung hat keine Religion Dogmen; alle ihre Gebote sind im Wesen der Sache selbst begründet, sonst würde sie eben nicht entstehen. Im Laufe der Zeit schaffen die Priester, sei es zur Stärkung der eigenen Macht, sei es zur Befestigung der eigentlichen Religion Dogmen, die also durch die Religion selbst und ihr Wesen nicht begründet sind. In diesem Sinne hat auch das Judenthum Dogmen, den Zaun, der zum Schutze des Gartens aufgeführt wurde". Mit seiner Behauptung von der Dogmenfteiheit des Judenthums hat Mendelssohn nur den Geist der zeitgenössischen Philosophie in das Judenthum hinetngetragen. Mendelssohn war eben der Philo seiner Zeit. Ter Fehler dabei war nur der, dass sich die jüdische Religion — ein Ausdruck des jüdischen Volksgcistes — dem Fremden anpassen musste, wenn es seinem Geiste auch tvidersprach, d. h. der Körper dem Gewände entsprechend zugeschnitten und gestutzt wurde. Tie „jüdischen Familienpapiere" von Herzberg hat Nahida Remy in's Weibliche übertragen, d. h. es ist in ihrem Buche wenig von jenem hohen Gedankenflug, wenig von dem inneren Kampfe, der dort geschildert wird. Jedenfalls ein sehr interessantes Buch._j. b. Bücherrinlauf. Dr. I. Rüls: Wissenschaft der Geisteseinheil. (IV. Band der Metaphysik» Haacke. Leipzig, 1898. Rudolf Müller: Entstehungsgeschichte des rolhen Kreuze* und der Genfer Convention. Mit Unterstützung ihres Begründers I. H. D u n a n t. Im Verlage von Greiner und Pfeiffer. Stuttgart. 1897. Prof. Tr. Th. Masaryk: Tie wissenschaftliche und philosophische Krise innerhalb des gegenwärtigen Marxismus. Separalabdruck aus der Wiener Wochenschrift „Tie Zeit". Verlag „Tie Zeit". Wien. 1898. Monatsschrift für Literatur und sociales Leben. IV. Heft. Verlag „Achiasaf". cnrr. Buchdruckerei »Industrie" (S. Bergmann), VIII,, Schlösselg. 11.

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