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Die Welt · 1898-04-15 · 15 (15.4.1898) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
15 (15.4.1898)
Article
Italien
Date
1898-04-15
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Seite 4 j*#war Nr. 15 gewiss zu hüten wissen. Vorläufig leugnet sie das Königreich; sie dauert auf ihrem Princip aus und setzt durch ihre Hartnäckigkeit und Consequenz die Welt in Erstaunen. Dann aber, wenn der Augenblick gekommen scheint, wird sie auch zu pactieren und geschmeidig zu verhandeln wissen.- Das Königreich Italien darf dann auf den päpstlichen Segen rechnen und auch die Hauptstadt Rom mag ihr jungfräuliches Eigenschaftswort intungibUe ruhig beibehalten. Rom wird dann ganz einfach zwei gleichberechtigte, christliche Könige in feinen Mauern beherbergen, den liö und den pnpn-llö. Diese beiden Souveraine werden sich klug im Hintergrund halten und sich sogar zuweilen anlässlich hoher Feste sehr glänzende und sehr ceremoniöse Visiten abstatten. Der Kampf aber um den größeren Einstuss wird von dem beiderseitigen Heerbann im Parlament geführt werden — von der Bourgeoisie und vom Eentrum. Den Elerikalen steht in diesem Kamvse ein sehr wertvoller Bundesgenosse zur Seite, die Eorruption der regierenden Classen, die in keinem Lande der Welt, Spanien und Frankreich nicht ausgenonunen, so furchtbare Dimensionen angenommen hat wie in Italien. Die Elerikalen brauchten nur nach berühmten Mustern, die Bankbrüche und den Ordensschacher als Agikationsmittel zu verwerten, um für ihre Gegner zu einer tödtlichen Gefahr zu werden. Und ich müsste mich sehr irren, oder der Angriff wird sich zunächst gegen den schwächsten und empfindlichsten Punkt der italienischen Bourgeoisie richten, gegen ihre „Verjudung". Es ist ja ganz richtig, dass dem italienischen Juden so ziemlich alle Aemter offen stehen, nicht nur gesetzlich sondern auch thatsächlich. Die italienische Bourgeoisie und Regierung sind ganz durchsetzt von Juden, die vermuthlich nicht besser sind, aber auch nicht schlechter, als ihre Standesgenossen. Also ist es schon möglich, dass da und dort an der allgemeinen Eorruption auch ein Jude betheiligt erscheint — ein gefundenes Fressen für die Elerikalen. Diese furchtbare Waffedürften sie sich schon aus diplomatischen Gründen kaum entgehen lassen, um ihren liberalen Gegnern die Hölle heiß zu machen. Ter Vatikan ist ja viel zu klug, um sich durch den Pöbelantisemitismus direct kompromittieren zu lassen. Aber wer von Zeit zu Zeit den Koinano liest und die Haltung der Kirche im Dreyfus-Process genau beobachtet hat, dem ist es ganz klar, dass in den Händen der Cardinäle sehr viele antisemitische Fäden zusammenlaufen. Und diese Fäden werden in einer nicht zu fernen Zukunft um den Vatikan und das italienische Parlament ein engmaschiges Retz weben, in welchem sich mancher selbstsichere Jude rettungslos verfangen dürfte. Denn ein latenter, oberflächlich eingeschläferter Judenhass lebt zweifellos in den mittleren und unteren Classen des modernen Italiens. Der Fremde und auch der Einheimische der oberen Classen täuscht sich leicht über diese Stimmung, da die natürliche Höflichkeit des Volkes, die aus dem Herzen kommt, und nicht nur wie in Frankreich aus oberflächlicher Formcultur, im alltäglichen Umgang auch dem einfachen Mann brutale Ausbrüche des Hasses untersagt. Trotzdem hat mir ein mehr als vierjähriger Aufenthalt im Lande und manches kleine Erlebnis, welches vorläufig noch in meinem Dossier ruhen mag, die Ueberzeugung verschafft, dass ein beredter und überzeugter Agitator die rothen Gluthen des Hasses erschreckend wieder anfachen könnte. Und dann durfte es für die italienischen Juden geradezu zum Verhängnis werden, dass sie die Staffel der beamtlichen Hierarchie schon so hoch emporgeklommen sind — wie seine Stellung im Generalstab dem Alfred Drepfus zum Verhängnis wurde. Italien hat zwar keine Teuselsinsel und kein Cayenne, wohl aber Schwefelgruben, Bergwerke und unterirdische Gefängnisse in Menge. Daran musste erinnert werden, um vor einem leichtfertigen Optimismus nachdrücklich zu warnen. (Bin Interview rrnt Colonel Goldsund. In seinem gastlichen Heim zu Chatham, empfieng Colonel Goldsmid, der „Assistant Adjutant-General of the Thames-District“ (Stellvertreter des Truppen-Jnspectors des Themse-Corps, zu dem auch London gehört), einen Reporter des „Jewish World", um ihm ein Interview zu gewähren. Die Londoner Conferenz bildete den Ausgangspunkt der Unterredung, und ihr Beschluss, eine einheitliche zionistische Verbindung mit der Parteileitung herzustellen, veranlasste den Interviewer zur Frage: „Befinden Sie sich jetzt im vollen Einklänge mit der Wiener Bewegung?" „Seitdem sie in Basel ihr Programm aufgestellt hat, gehören ihr meine vollsten Sympathien. Denn das ist ein richtiger Versuch, die zionistischen Bestrebungen zu verwirklichen. Ich bin Zionist ans mehrfachen Gründen: Erstens, weil ich weiß, dass keine andere Bewegung einen so mächtigen Einfluss ans die Massen auszuüben vermag. Sie haucht den morschen Knochen neues Leben ein, sie flößt den Ausgestoßenen des Menschengeschlechtes neuen Muth ein, macht ans dem Indenthnm überlebter Formen und Ceremonien eine unwiderstehliche, geistige Macht und erhebt ihre Anhänger ans dem Morast des Materialismus, in dem sich ein so großer Theil unseres Volkes wälzt. Zweitens, weil sie trotz aller Schwierigkeiten doch die einzige logische Lösung der Jndensrage ist. Es ist unmöglich anznnehmen, dass ein Martyrium von zweitausend Jahren zur Assimilation und zum Verschwinden des Volkes führen könnte. Drittens, weil nur in einer rechtlich gesicherten Heimstätte die einzige Hoffnung für unsere Massen liegt, deren geistige und physische Lebensfähigkeit durch ungerechte Gesetze erdrosselt wird. Viertens, weil die Bewegung eine volksthümliche, und nicht etwa erst von den Reichen und Mächtigen angeregte ist." lieber sein Verhältnis zu Dr. Herzl sagte Goldsmid nach einigen sehr freundlichen Worten: „Ich habe Dr. Herzl vor zwei Jahren kennen gelernt. Es war, nachdem der „Judenstaat" erschienen war. Ich habe vielen Ideen in diesem Buche wenig Sympathie entgegengebracht. Es wurde da das fertige Modell einer amerikanischen Republik ausgestellt. Für solche Dinge kann man schwer Sympathie empfinden. Der Baseler Congrefs hat bewiesen, wohin sich die Hoffnungen und die Gefühle des ganzen Volkes richten." „Wieso könnten die Juden in Palästina gegen einen Angriff gesichert sein?" „Indem sie einen neutralen Staat unter der Garantie der Großmächte bilden." „Die Antwort war kurz und bündig, wie ein Militärbefehl," fügt der Interviewer hinzu. „Was die politischen Schwierigkeiten betrifft" — schloss Colonel Goldsmid das Interview — „so zweifle ich nicht an der Möglichkeit, sie zu beseitigen." -u. Pariser Brief. Paris, 6. April 1898. Das Passahfest! Weit zurück zieht unser Gedenken. Ueber Zeit und Raum zu den Usern des Nils, in die Zeit vor so viel lausend Jahren. Ein Volk von Sclaven, das durch den machtvollen Impuls eines groben Mannes — vielleicht nur die Personificarion einer großen Idee — wiederauserstand, seine Ketten zerbrach und auszog, ein Land zu gewinnen und die Freiheit. Wie viele Juden, deren Herzen noch nicht ganz vertrocknet find, werden heuer mehr als je an die großen Lehren unserer Geschichre denken! „Wodurch ist ausgezeichnet dieses Jahr vor allen anderen Jahren?", werden sie vielleicht fragen, indem sie die Recitation der Hagadah nachahmen. In diesem Jahre wurde der Empörungsschrei eines ganzen Volkes ausgestoßen, das zwei Jahrtausende Sclaverei erduldet hat.

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