Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 15 (15.4.1898)
- Article
- Italien
- Date
- 1898-04-15
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 15 Seite 3 Und auch als Zionist brauche ich durchaus nicht zu wünschen, dass der Antisemitismus die Alpengrenze überschreitet. Wie das glorreiche Beispiel Englands beweist, ist unser Gedanke stark und groß genug, um ohne Büttelhilfe des Antisemitismus und ohne Propaganda des Schreckens immer neues Terrain zu erobern und Hochburg auf Hochburg siegreich zu erstürmen. Auf die Dauer würde auch Italien von dieser Bewegung nicht unberührt bleiben, und bei dieser enthusiastischen Nation dürfte aus mehr als einem Grunde der Zionismus begeisterten Anklang finden. Auch ohne antisemitische Hintergedanken darf die Sehnsucht eines Volkes nach politischer und nationaler Wiedergeburt kaum in einem anderen Lande Europas auf soviel Verständnis rechnen als gerade in Italien. Aber dennoch muss ich die Wasser trüben, und gemäß meinen bescheidenen Beobachtungen dem Antisemitismus in Italien ein ganz anderes Prognostikon stellen. Der Gegensatz meiner Ansichten zu denen des Herrn Kauffmann entspringt vielleicht nur einer Verschiedenheit der Temperamente. Vielleicht aber auch, dass ich die dornige Compliciertheit der Judenfrage und Judennoth viel zu gut begriffen .habe, um dieses partielle, italienische Problem mit dem wahrhaft erschreckenden Optimismus des Herrn Kauffmann zu behandeln. Ich wiederhole, es gilt keine Propaganda des Schreckens, aber — ein Warnungssignal. Bald nach jenem Aufsatz geschah etwas sehr Merkwürdiges in Rom. Zum ersten Mal seit 1870 erscholl aus italienischen Studenienkehlen der laute Ruf: Evviva il Paj:a-Re. Dem Papst-König, dem souveränen Besitzer des Kirchenstaates oder zum mindesten der ewigen Stadt, galt diese laute Huldigung junger Akademiker, die sich damit in schroffsten Widerspruch zu dem officiellen, politischen Dogma setzen, dass Rom die unantastbare Hauptstadt des geeinigten Italiens wäre — Roma iniangibile! Die jungen Leute trieben die Verwegenheit und Oppositionslust io weit, in der Stadt selbst Plakate in diesem Sinn verbreiten und anschlagen zu lassen. Das bekam ihnen freilich schlecht genug. Die Volksmenge riss diese Plakate herunter und prügelte die Ausrufer und Verbreiter — wie üblich, wenn neue oder auch neualte Ideen, die längst begraben schienen, sich wieder an das Tageslicht wagen. Natürlich hat eine solche „Abwehr" noch niemals Erfolg gehabt, wie die freiheitliche Presse Italiens wohl dunkel fühlen mochte, als sie mit schwerer <-orge davon Kenntnis nahm, dass der Klerikalismus und die Kirchenstaatsidee nunmehr auch in die Kreise der akademischen Jugend eingedrungen wären. Komisch war das Entsetzen dieser Leute, die offenbar noch nicht das geringste von dem in Mitteleuropa weit verbreiteten „socialen Christenthum" vernommen hatten. Und doch gibt es auch in Italien seit fast zehn Jahren einen sehr fest consolidierten, katholischen Socialismus, der besonders auf dem Lande seine Eroberungen macht. Der Geistliche und der Pfarrer bemühen sich ernstlich um die sociale Besserung des Bauernstandes und haben schon eine sehr verdienstvolle Thätigkeit durch die Organisation von Credit- und Darlehenscassen jeder Art entfaltet. Aber auch in den Städten wächst der klerikale Einfluss sichtlich, und es ist für italienische Verhältnisse bezeichnend, dass sich ein großer Theil der Leihanstalten, der sogenannten monti di pietä in geistlichen Händen befindet. Und die kirchlichen Politiker müssten die klugen Männer nicht sein, die sie sind, um dieses Machtmittel nicht gründlich auszunutzen. Ueberhaupt ist es das Anwachsen der socialen, selbst socialdemokratischen Bewegung, welche dem Klerikalismus immer neue Wasser auf die Mühle treibt. Denn so feindselig sich die Socialdemokratie im Allgemeinen der positiven Religion gegenüberstellen mag, so stärkt sie indirekt doch und überhitzt sogar die religiöse Empfindung. Zunächst führt der Socialismus der rein formalen, diplomatischen Politik einen ungeheuren Inhalt zu und paralysiert dadurch bis zu einem gewissen Grade das Vertrauen auf die selbstthätige, menschliche Intelligenz. Kriege zu führen, Bündnisse einzufädeln oder Minister zu stürzen, das alles erfordert ja einen großen Aufwand von menschlichem Scharfsinn und menschlicher Willenskraft, überschreitet aber in keiner Weise die Grenzen des menschlichen Könnens. Ein Politiker, der sich nur solche Ziele stellt, kann auch schon in seiner Gegenwart und nächsten Zukunft auf Erfolge rechnen, und hat es nicht nöthig, sich wegen seiner Urenkel den Kopf zu zerbrechen. Dagegen stellt die inhaltliche Politik des Socialismus eine unheimliche Menge von Problemen zur Debatte, die sobald nicht gelöst werden können, auch wenn man eine ganze Nacht darüber discutiert. Da muss man einfach glauben, glauben, glauben — an die Zukunft, an die Entwicklung, an die Logik der Thatsachen oder auch an Gott. Die Form, in welcher dieser Glaube sich einfaßt, wird gemeinhin von dem Bildungsgrad des Einzelnen oder auch der Massen bedingt und beschränkt sein. Aber man kann begreifen, dass in einer social erregten Zeit neben dem Zukunftsstaat auch die Kirche immer mehr an Terrain gewinnt, und ich glaube, dass diese Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen ist. In Italien braucht der Papst nur den Klerikalen die Theilnahme an den Parlamentswahlen zu gestatten, und eine zahlreiche, schwarze, häßlich-sociale Garde hält ihren Einzug in Monte Citorio. Und dann dürsten die Iudendebatten im italienischen Parlament nicht lange auf sich warten lassen. Den siegreichen Klerikalen dürfte auch die Socialdemokratie der Halbinsel kaum ernstliche Concurrenz machen. Abgesehen vom Norden besitzt Italien noch keine wirklich bedeutende Industrie, kein zielbewußtes, durchgebildetes Proletariat. Tie vorjährige „Revolution" in Lstcilien war eine Revolution der Bauern, die nur deshalb den Socialisten Heeressolge leisteten, weil die dortige Geistlichkeit es mit den großen Landbaronen nicht verderben wollte und daher die Bauern zurückwies. Sobald aber der Klerus will, wird er den Bauer immer haben. Das lehrt zur Genüge die Erfahrung in anderen Ländern, und der italienische Bauer, obgleich ihm eine alte, ästhetische Cultur tief in den Knochen liegt, steht an logischer Intelligenz hinter dem Landmann Mittel- und Westeuropas weit zurück. Roch viel weniger als etwa in Oesterreich wird daher in Italien die Socialdemokratie im Stande sein, das Aufkommen des Antisemitismus zu verhindern. Ferner werden auch die Feudalen von oben, die dem antisemitischen Kleinbürger ihre wohlgepslegte, gräfliche Hand reichen, in Rom so wenig fehlen, wie in Wien. Der .Hochadel aus päpstlicher Zeit hat sich vorläufig von der großen Politik völlig zurückgezogen. Höchstens versucht er die Gemeindeverwaltung zu occupieren, oft mit entschiedenem Erfolge. Sonst schmollt er in feinen Palästen, pflegt die schöne Literatur oder rettet sich durch den Verkauf kostbarer Gemäldegalerien und seltener Bibliotheken vom finanziellen Ruin. Wie mächtig dieser Adel immer noch ist, wird die Welt zu ihrem Erstaunen erfahren, wenn auf einen Wink des heiligen Vaters diese päpstliche Kernschaar wieder den Kampfplatz betritt. Es würde sich offenbaren, dass ein italienisches Centrum noch ein ganz anderes Gewicht in die Wagschale zu werfen hätte, als selbst die Garde Windhorsts und Lieberim deutschen Reichstag. Entscheidend für die Juden wird es dann werden, wie sich die italienische Regierung und Bourgeoisie gegenüber diesem neuen Feinde verhält. Bliebe der Papst unversöhnlich und bestände er auf seinen Schein, auf feinen Kirchenstaat, dann freilich hätten die Juden nicht das Geringste zu befürchten. Selbst aufrichtig fromme Katholiken wollen sich eine Zerstückelung ihres Vaterlandes trotzdem nicht gefallen lassen. Um die Regierung, welche Roma inrangidilo vertheidigt, würde sich wie ein Mann die ganze Nation schaaren, und es bliebe keine Zeit und keine Stimmung für antisemitische Scherze. Aber die Curie wird sich vor einer solchen plumpen Politik