Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 14 (7.4.1898)
- Article
- Das neue Ghetto
- Date
- 1898-04-07
- Page
- 15 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 14 SeitellS. Friedh eim e r (halblaut zu Jacob.). Regen Sie sich nur nicht auf! Jacob. Nein! .. . (Zu Schramm). Ich bin entschlossen. Sie aufzuklären und werde darin bis ans Ende gehen. Sie sind um Ihr Vermögen gekommen, aber daran tragen Sie selbst die Schuld. Diese Schuld war zweierlei. Erstens die Verpfändung der Actien. Hier hat Ihre Geschäftsunkenntnis Ihnen einen Streich gespielt. Ich bin darüber trostlos. Der Herr Rabbiner Friedheimer kann es bezeugen. Schromm. Ach was, der Rabbiner! Jacob. Aber größer war Ihre andere Schuld, für die Sie kein Mitleid verdienen. S ch r o m m. Jetzt lasse ich Sie ausreden, mein Lieber. Ich will sehen, wie weit Ihre Kühnheit geht. Jacob. Sie geht bis zur Wahrheit! Die andere Schuld, von der ich spreche, war, dass Sie Ihr Bergwerk vernachlässigten. Diese liederliche Wirtschaft... Schramm (fassungslos). Was unterstehen Sie sich zu sagen? Jacob (erhitzt sich). Diese liederliche Wirtschaft hat nicht nur Ihr Hab und Gut zerstört, sondern auch das Leben von Menschen. Während Sic Ihren noblen Passionen nachjagten, ließen Sie Ihre Sclaven für sich unter der Erde roboten. W a s s e r st e i n (leise, begeistert zu Friedheimer.) Ter gibt es ihm. Jacob. Männer, Weiber, Kinder im Frohndienst unter Tage — für elende Hungerlöhne. Schramm (keucht). Nur weiter! Jacob. Ja, nur weiter! So ist's immer weiter gegangen — Jahre, Jahrzehnte. Und dabei ist nicht einmal an die Sicherheit des Lebens gedacht worden! Bis der Zusammenbruch kam, der kommen musste . . . Wirklich, Sie wagen es, sich zu beklagen, weil das Grubenwasser auch Ihren schlechten Reichthum weggeschwemmt hat?... Und was machen Sie mit den Leichen? Ich habe diese Leichen gesehen, mit meinen eigenen Augen. Und die Witwen Hab' ich auch gesehen, und die Waisen, die jetzt hungern müssen, weil die Väter für den Herrn Rittmeister von Schramm gestorben sind . . . Und Sie waren nicht einmal beim Leichenbegängnis! Schramm. Aber Sie waren dort! Jacob. Ich war dort! S ch r o m m. Man hat es mir erzählt. Sie waren auch beim Strike. Ich hab's Anfangs nicht verstanden, was Sie dort zu suchen halten. Was thut derJud' dort? fragte ich mich. Jacob. Der Jude that die Christenpsiicht. Schramm. Ihr sauberer Herr Schwager sagte wir. Sie seien ein Narr, und er hätte sich mit Ihnen überworsen . . . Aber jetzt versteh' ich's. Sie haben mit ihm unter einer Decke gespielt! Jacob. Das ist nicht wahr! S ch r o m m. Ah, Judenpack! Jacob. Das nehmen Sie zurück! Wasser st ein (halblaut zu Friedheimer). Ich lass' ihn Hinauswersen. (Klingelt.) Schramm. Und wenn ich's nicht zurücknehme — werden Sie mich schon entschuld igen, wie damals . . . Diener (tritt ein). Schramm. Ich kenne Sie! Sie entschuldigen Ihren Schwager — Sie bitten auch für sich um Entschuldigung . .. Judenpack! Jacob (der beim Wort „wie damals" getroffen zufammenzuckte, stürzt jetzt auf Schromm los und ohrfeigt ihn). Schramm (taumelt, der Hut entfällt ihm, im nächsten Augenblick will er sich mit einem heiseren Wuthfchrei auf Jacob stürzen, aber Friedheimer und Wasser st e i n treten eilig dazwischen, der Diener packt ihn vou hinten an beiden Armen und schleppt den Rasenden, Schäumenden zur Thür links. Nachdem Schromm den Schlag bekommen, während er hinausgedrängt wird). Loslassen! Loslassen! Ich muss ihn züchtigen! Friedheimer (zu Jacob). Was haben Sie gethan? Jacob. Ich werde es vielleicht büßen, aber nicht bereuen! (Der Vorhang fällt. — Ende des dritten Actes.) (Schluss folgt.) Bücherwelt. Hermann Cohen. Der Gegenwart gehört eine Reihe von Denkern an, von denen man Systembildungen auf neuen Grundlagen nicht zu erwarten hat, welche aber doch für die philosophische Bewegung unserer Zeit insoferne eine außerordentliche Bedeutung haben, als sie zwar nur Reconstructionsversuche anstellen, hierbei jedoch an keinen Geringeren als an Immanuel Kant anknüpfen. Schon um die Mitte dieses Jahrhunderts war von verschiedenen, ja entgegengesetzten Seiten die Mahnung ergangen, die deutsche Philosophie müsse sich an Kant wieder zu „orientieren" suchen. Und in der That war durch die unaufhaltsame "Auslösung der alten speculativen Systeme einerseits und das Wachsrhum und den Aufschwung der Erfahrungswissenschaften andererseits das Bedürfnis sehr lebendig geworden, aus der Sackgasse, in welche die Philosophie gerathen war, wieder herauszukommen und zu dem Ausgangspunkte der Philosophie des Jahrhunderts wieder zurückzukehren. Doch wusste man nicht recht, in welchem Sinne man an Kant anknüpfen solle. Ta sprach Eduard Zeller 1862 das erlösende Wort: „Zurück zu Kant". Er wünschte eine Wiederaufnahme der erkenntnistheoretischen Untersuchungen, ja stellte diese gerade als die philosophische Ausgabe der Zeit hin. Ter ehemalige Hegelianer und berühmte Historiker ward von seinen Genossen wegen seines "Abfalles heftig angegriffen. Aber die wissenschaftliche Bewegung der Zeit gieng über diese Angriffe zur Tagesordnung über. Sehr bald hatte eine ganze Anzahl zumal jüngerer Denkerwelche sich zum Theil auch aus Naturforschern recrutierten, dem Rufe Zellers Folge geleistet und sich dem erneuten Studium Kants hingegeben. Plan kann daher die kühn aufstrebende N e u k a n t i s ch e Ächule in Deutschland von diesem Zeitpunkte ab datieren. Unter den bedeutendsten Neukantianern nimmt der Mann einen Platz ein, dessen Name an der Spitze unserer Zeilen prangt. Bon entscheidender Bedeutung unter den Werken desselben ist Eohens Buch „Kants Theorie der Erfahrung" «Berlin IST], "Auflage 1887>), weil hier zum erstenmale die ganze Kraft einer concentrierten "Arbeit daraus verwendet wurde) die Terminologie Kants vollständig zu bewältigen und so an der Hand genauester Begriffsbestimmung tiefer in den Sinn des Altmeisters einzudringen. Tass die Gründlichkeit, mit welcher Eohen zu Werke gieng, nicht ohne Früchte geblieben ist, erhellt aus der Darstellung der Kant'schen Philosophie in ihrem Verhältnisse zum Materialismus, wie wir ihr in der dritten Austage der bekannten „Geschichte des Materialismus" von Friedrich "Albert Lange begegnen. „Die Veränderungen gegenüber der ersten Auflage", bekennt der überaus geistvolle Mann, dessen Geschichte ein Buch für das Leben im vollen Sinne des Wortes, für den Hausgebrauch der Bildung und für die Weltfragen ist, „sind einerhauptsächlich durch das Buch Cohens veranlassten erneuten Revision des ganzen Kant'schen Systems zuzuschreiben." Und an einer anderen Stelle berichtet er: „Die "Aenderung meiner "Auffassung in diesem Punkte war schon durch eigene Studien vorbereitet, als das bedeutende Werk Cohens über „Kants Theorie der Erfahrung" erschien, welches mich zu einer nochmaligen totalen Revision meiner Ansichten über die Kant'sche Vernunfrkritik veranlasste. Das Resultat war, dass ich in den meisten Punkten der Auffassung Cohens, soweit es sich nur um die objective Darlegung der Ansichten Kants handelte, zustimmen musste." Würdig schließt sich der Auslegung der Kant'schen Erfahrungslehre das Buch über „Kants Begründung der Ethik" (Berlin 1877) oder, was im Grunde dasselbe ist, über die erkenntnistheoretische Begründung der Ethik an. Es bringt die Fortsetzung seiner Bestrebungen für die Wiederherstellung der Kant'schen Philosophie. Diese bewegen sich in dem Rahmen, dass er gemäß der kritischen Methode und im Anschlüsse an Kants Worte die selbständige Behandlung der philosophischen Probleme versucht. Das Leitmotiv beider Werke ist der Gedanke, dass die Vertiefung in das Werk des kritischen Idealismus und die selbständige Förderung der systematischen Philosophie wechselweise einander fordern und bedingen. Die Kant'sche Philosophie bedeutet für Cohen nichts anderes, denn Philosophie als Wissenschaft. Und Wissenschaft muss zwar Dogmatik sein, sie ist aber nicht Dogma und bleibt nicht Urkundenlesen. Wissenschaft ist Ideal des Systems aus Grund stetiger, methodischer "Arbeit. Es liegt ein Kern von Wahrheit darin, wenn unser' Philosoph mir aller Entschiedenheit, in welche sich auch Entrüstung mischt, ausruft: „Dhne gründliche Drientierung über die Untersuchungen, welche die nach Jahrtausenden zählende Geschichte tiefster, 'sich fortzeugender Gedanken enthält, ohne genaue, manchmal gar ohne