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Die Welt · 1898-04-01 · 13 (1.4.1898) · p. 16

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
13 (1.4.1898)
Article
Das neue Ghetto
Date
1898-04-01
Page
16 (sequence 4)
Language
German
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Seite 16 Nr 13 I a cob. Ist das der ganze Trost? Friedheimer. Armut und Elend sind heute nicht größer als sie früher waren. Im Gegentheil. es wird besser. Jacob (setzt sich). Also zusehen, nichts thun, die Dinge gehen lassen? Friedheimer. Geduld!. . . Was Sie mit Rheinberg Vorhaben, das billige ich. Darum bin ich mitgekommen . . . Aber da endigt auch Ihre Aufgabe. Jacob. Und ich sage, dass sie da erst beginnt. Friedheimer. Thorheit! Seien Sie froh, wenn man Sie. .ungeschoren lässt! Sie wollen sich anderer Leute annehmen — wer nimmt sich Ihrer an, mein junger Freund? Jacob. Das will ich nicht bedenken. Friedheimer. Mit welchem Recht mischen Sie sich in die Sache der Grubenarbeiter? Jacob. Ich bin ein Anwalt. (Fortsetzung folgt). Bücherwett. Bertha vo« Tnttner. Schach der Qual. (Verlag von E. Pierson, Dresden und Leipzigs Es könnte sein, dass einen Juden, wenn er dieses Buch durchblättert, ein Gefühl von Stolz überkommt, jener Stolz, den etwa der Invalide fühlt, wenn er auf fein Holzbein hinunterschaut, während durch die alten Narben die wiedererwachten Schmerzen zucken. Die Gequälten, die Leidenden ziehen da an uns vorüber, eine lange, traurige Procession, die Opfer der Völkerkriege, der Inquisition, der Vivisection, und mitten unter dem Zuge der Bejammernswerten ein Dulder mit bekannten Zügen, der Jude. Vivisection und Judenthum. Das Volk, das geschaffen ist, um sein Menschenmaterial für die politischen Experimente der anderen Völker freigebig zur Verfügung zu stellen neben den wimmernden „Opfern der Wissenschaft". Es will der Märtyrerstolz in solcher Gesellschaft sich regen — aber die quälenden Narben, die Wunden'. „Schach der Qual" hat die Verfasserin das Buch benannt. Mit rücksichtsloser Hand zieht sie das armselige Mäntelchen von den Gebresten der modernen Gesellschaft, und alle, die vorübergehen, die Phlegmatiker, die Trägen, die Gleichailtigen, die Cyniker sollen schaudernd stehen bleiben und helfen. Zur Freude ist der Mensch geboren und er soll sich hienieden seinen Himmel schaffen. Der Resignierte, dem durch Gewohnheitsdruck das Dulden zum Bedürfnis geworden, soll aufgerüttelt werden, die Gedrückten sollen sich aufrichten, die Dränger sollen erkennen, dass ihr Thun ein Verbrechen ist. Prinz Roland, der zur Fehde gegen die Qual auszoa, benützt da verschiedene Streitmethoden. Bei Bekämpfung der Judennoth wendet er ein heutzutage sehr gebräuchliches Mittel an, er geht hin zu den Antisemiten und sucht sie durch eine stammende Rede zu bekehren. Resultat: Der Präsident entzieht ihm das Wort, das hohe Haus gähnt. Es ließe sich zwischen den Zeilen dieser Abwehrparabel, über der eine leise Ironie kichert, so manches herauslesen. Eine Fülle frappierender Gedanken findet sich in dem Buche- Sie sind vom Stamme jener Gedanken, denen die Menschheit auf ihrem Entwicklungsgänge die besten Güter zu danken hat, die Gedanken der Erlösung, der Befreiung, der Erhebung zum Göttlichen. Die Apostel dieser Gedanken sind in früheren Zeiten hinausgegangen in's Volk und haben Religionen gestiftet und die Gemeinde der Gläubigen um sich versammelt. Heute erscheint ein Buch aus dem Büchermarkt, die Religion ist in Capitel eingetheilt, hat ein Vorwort, ein Motto. So muss sie sich ihre Gläubigen erobern. U. Der Zionismus. Von Dr. Mendel H ir s ch. Direktor der Realschule der israelitischen Religionsgenossenfchaft in Frankfurt a. M. — Mainz. Joh. Wirth'sche Hof-Buchdruckerei. 18<ts. „Sticht ohne tiefen Ernst . .. nicht ohne tiefe Bewegung ... gehe ich an die Würdigung des Zionismus vom Standpunkte des gesetzestreuen Jüdenthums." Das ist einer der einleitenden Sätze des Verfassers. Sagen wir es gleich, dass er diesen Ernst immer zu bewahren und wirklich seiner Aufgabe ehrlich gerecht zu werden suchte. Allerdings können wir nicht sagen, was der geehrte Verfasser unter seinem gesetzestreuen Judenthum verstanden wissen will. Es scheint ihm ein vollständig und genau umschriebener Begriff zu sein, und er spricht auch einmal gleichsam im Namen aller gesetzestreuen Juden, wenn er erklärt: „Wir gesetzestreuen Juden fühlen es, wir sind noch nicht reis für die Zeit" (der Wiederaufrichtung Zions). Es liegt uns natürlich ferne, mit dem Herrn Verfasser über seine und seiner Gesinnungsgenossen behauptete Unreife zu disputieren. Vielleicht ist er doch zu bescheiden. Betonen aber möchten wir, dass es misslich ist, an eine Frage, die Sein oder Nichtsein eines ganzen Volkes betrifft, nur von einem Parteistandpunkte aus heranzutreten. Im Lager des von dem Herrn Verfasser präsentierten Theiles der Juden scheint ihm allein der wirklich jüdische Theil der Judenschast zu sein. Und vom Standpunkte dieser Gruppe aus glaubt er den politischen Zionismus ablehnen zu sollen. So lange nicht alle Juden so gesetzestreue Abrahamssöhne sind, wie der Verfasser und seine Leute, hält er eine Wiedergewinnung Palästinas für aussichtslos. Wie sehr er durch diesen, man konnte sagen geistigen Daltonismus, der für gewisse Empfindungen und Betrachtungen ganz offenkundig zu Tage tritt, in vielen Dingen irregeleitet wird, gehr z. B. daraus 'hervor, dass er eine stelle aus dem „Judenstaat" Herzl's citiert, aus welcher er folgert, dass die Zionisten an die Errichtung jüdischer Wallfahrtsorte denken!'. Und daraus will er die „totale Verständnislosigkeit für das Wesen des Judenthums" deducieren, welche die Zionisten beweisen. So sicher steht er auf seinem Platze, dass es ihm gar nicht einfällt, dass es eventuell andere „noch gesetzestreuere" Juden gibt als ihn, oder wenigstens solche, die sich dafür halten, und welche ihm wieder eine „totale Verständnislosigkeit für das Wesen des Judenthnms" vorwerfen könnten. Doch wir haben das nur als Beispiel erwähnt, um zu zeigen, wie leicht selhst ein wohlmeinender Mann irren kann, wenn er mit Voreingenommenheit an die Beurtheilung großer Fragen herantritt. Wenn er aber auch den politischen Zionismus als gesetzestreuer Jude nicht acceptieren zu tonnen glaubt, den Zionismus, dem Hunderte orthodoxer Rabbiner mit dem ganzen Feuer ihrer tiefreligiösen Begeisterung anhängen, indem sie sich auch mit ihren nicht gleich ihnen denkenden Brüdern zu gemeinsamer Arbeit zusammen gefunden haben, so anerkennt er doch rückhaltlos die hohe Bedeutung des — wie er sagt — „symptomatischen Charakters" dieser weltumfassenden Bewegung. „Rur Kurzsichtigkeit kann sich der gewaltigen Veränderung zum Besseren verschließen, die durch die zionistische Bewegung gerade in diesen Kreisen (der westeuropäischen Juden) zu Tage tritt.Und wenn nun ein edler Theil der bisher dem Judenthum Entfremdeten es ausspricht. . . . Wir kehren zurück in unser Vaterhaus, wir sind stolz auf unser Volk, stolz auf unsere große Vergangenheit, wir sind stolz darauf, Juden zu sein! — da sollte uns das Herz nicht weit werden, da sollten wir nicht das Wehen des Weltgeistes fühlen, nicht das Walten unseres Gottes ehrfürchtend anbeten?" Das gibt der Verfasser ehrlich zu, und deshalb wollen wir mir ihm nicht rechten, von dem wir meinen, dass auch er eines Tages den Weg zu uns finden wird. Und deshalb halten wcr uns lieber an die Eingangsnwrte seiner Broschüre, in denen er gar mächtig auch zu unserem Herzen spricht. „Zion!" Wo gibt es ein jüdisches Herz, das nicht höher schlüge bei diesem Worte?.Zions Bild strahlte den Ahnen entgegen aus der Zeiten fernem .Hintergründe, auf das sie schauten, wenn mitternächtiges Dunkel sich auf ihre Hütten niedersenkle. Zion war das Ziel ihres Sehnens, an Zion knüpfte sich alles, was ihrem Leben heilig und theuer war. Der Gedanke an Zion begeisterte die Herzen unserer großen Dichter, die Wiedererstehung Zions bildet den Refrain unserer Bitten, mit dem Gesichte nach Zion stehen wir vor Gott im Gebete, der Gedanke an Zion begleitet uns durch's Leben, der Gedanke an Zion begleitet uns in's Grab, mit der Richtung nach Zion betten wir unsere Todten, auf einer handvoll Erde ans Zions heiligem Boden ruht unserer müden Erdenwaller Haupt!" - Wir Zionisten aber wollen leben in Zion und deshalb brauchen wir mehr als eine handvoll Erde, und vielleicht wird auch der geehrte Verfasser sich schliesslich mit dem Gedanken versöhnen, dass man nicht nur im Tode, sondern bereits im Leben auf. „Zions heiligem Boden" sein Haupt niederlegen können wird. Roch mag's ein „königlicher Traum" sein, wir werden ihn zu einem „taghellen Gedanken" machen. W. Bücherrinlaus. Im Verlage „Achiasaf" erschien soeben eine jüdischdeutsche Agitations-Broschüre „Wozu brauchen die Juden ein Land V* von S ch o l e m - A l e ch e m. Dieselbe ist bereits von der Eenfur genehmigt. 'Außerdem beabsichtigt dieselbe Verlagsanstalt, auf Grund der ihr speciell zur Verfügung gestellten Photographien der Colonicn, ihrer Gebäude und Einrichtungen ein Album herauszugeben. Nachmu Edim. Hebräisches Lied von I. L. Landau. Componiert von A. T z i m i t r o w s k y. Buchhandlung : Wilhelm Bandler, Wien, l., 'Am Bergl 2. Musikalienhandlung R. L. Raimanm Wien, l., Friedrichsstraße Nr. 8. Im Verlag des Bureaus des Zionistencongresses ist soeben erschienen: Das Ende der Judennoth. Deutsch, hebräisch und jüdisch-deutsch. Preis 2 kr. Im Bureau des Zionisten Congresses, 11., Rembrandlstraße 11, erhältlich. I- Fernho f. Tifrc Saschnim. Heft VI. Drohobycz is;>s. Board of guardians for the relief of the jewish poor. London 5058— 1808. (3». Jahresbericht). Ksiijdz Stojaiowski w swietie wlasnych slow i listöv.Londyn 18‘>s. I. L. P ere z. Die jüdische Bibliothek. Warschau 5053—55. (3 Bände). Jargon. — Jom-tow-Blättlech. «.13 Hefte). Warschau. — Literatur und Leben. (Ein Sammelbuch). Warschau, 5054. Herausgeber: P. Nafchsurr. Verantw. Red.: Dr.Siegln.Werncr. Buchdruckerei „Industrie" (S.Bergmann), VUl., Schlösselg. 11«

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