Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 13 (1.4.1898)
- Article
- Unter jüdischen Proletariern
- Date
- 1898-04-01
- Page
- 7 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315756-3358415--05057-3358513- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr- 13 JftSsWdC halten sie im Jahre für Dutzende von Taqen nicht einmal diesen minimalen Lohn. Als sie mir dies alles mitgetheilt hatten, fühlten sie sich erleichtert. „Wenn mir es schon erlebt haben, dass man von Weitem, von Wien, herkommt, um unsere Lage kennen zu lernen, so soll man doch alles wissen, alles." Es mar bereits zwei Uhr geworden. Die Glocke gab das Zeichen zur Mittagspause und alle Arbeiter mussten für eine Stunde die Fabrik verlassen, da der controllierende Regierungsbeamte für die Zeit seiner Abwesenheit alle Arbeitsräume versiegelte. Aber draußen vor dem Thore blieben sie stehen und zogen aus dem Vormittagsbesuch allerlei Schlüsse und Consequenzen. & Frankfurter Zionistenverfannnlung. Frankfurt a. M., N. März 1*98. Die „Zionistische Vereinigung für Deutschland" veranstaltete Montag den 21. März l. I., Abends *\2 Utjr, im Saale des „Kaufmännischen Vereines" eine mit Tendenzrede und freier Tiscnssion verbundene Versammlung,' die sich zwar stellenweise sehr stürmisch gestaltete, im großen Ganzen jedoch einen für unsere Bewegung überraschend günstigen Verlauf nahm. Der Präsident Rechtsanwalt Dr. Bodenheim er - Köln eröffnete die Versammlung mit einer kurzen Ansprache an das äußerst zahlreich anwesende, distinguierte Publikum und brachte ein Begrüßungstelegramm unseres wackeren Pros. Dr. S ch a p i r a - Heidelberg zur Verlesung, das in überaus schwungvollen Worten abgefasst war und einen wahren Beifallssturm entfesselte. Hierauf bestieg der Referent Rechtsanwalt Dr. Schauer- Mainz, lebhaft acclamiert, die Tribüne zur Erstattung seines Referats: „Der Zionismus und die deutschen Juden". Referent belpricht den vorjährigen Baseler Eongress und den erhebenden Eindruck, den dieser auf ihn gemacht habe. Mit ein klein wenig Skepticismus sei er hingezogen und voll .Hoffnungsfreudigkeit habe er sich heimbegeben. Ter .Kaftanjuden des Ostens sei er gewärtig gewesen und die modernen Juden habe er vorgesunden. Zwiespalt habe er befürchtet — mustergiltige Einmüthigkeit angetropen. Er setzt sodann das Wesen und die Ziele der zionistischen Bewegung auseinander, die nichts anderes bezwecke, als die nationale und sociale Regeneration des Judenthums auf dem historisch geweihten Boden Palästinas. Referent entwirft ein lebhaftes Bild von dem namenlosen Elend und der unermesslichen Roth unserer Brüder, von dem physischen und moralischen Golusjammer, dem Mar N o rd au in seiner seither berühmt gewordenen Congressrede so ergreifend schönen Ausdruck verliehen hat, vom Elend, unter dessen Last der weitaus größere Theil der Judenheit schmachte und verkümmere. Redner wendet sich im weiteren Verlaufe seiner Rede den Einwänden zu, die namentlich von Seiten der deutschen Juden mit Vorliebe erhoben werden. Im Allgemeinen müsse er bemerken, der Zionismus fei keine „Anti"-Bewegung, die gegen irgendwen gerichtet wäre: er könne bloß Allen und Jedem zum Segen und Heile gereichen. Wenn man sich das Verhalten gewisser gegnerischer Kreise einigermaßen erklärlich machen wolle, so müsse man sich zu Gcmüthe führen, dass diese Leute von einer geradezu krankhaften Idiosynkrasie gegen all dasjenige befallen seien, was ihres Bedünkens geeignet erscheint, die schlummernden antisemitischen Gefühle unserer christlichen Mitbürger zu erwecken. Nur darum wird es diesen Herren himmelangst zu Muthe, wenn wir Zionisten ihnen vom Nationaljudenthum sprechen. Kann nun, fragt Redner, die Betonung und Hebung des jüdischen Nationalgefuhls thatsächlich die Verschärfung der Gegensätze herbeiführen, die zwischen uns und unserer arischen Umgebung leider ohnehin schon bestehend — Redner weift an der Hand der Geschichte unserer Bewegung die Grundlosigkeit all dieser und ähnlicher Befürchtungen nach. Ganz im Gegentheile habe es sich gezeigt, dass der Zionismus die Eignung besitze, die freundschaftliche Annäherung zwischen den rechtlich denkenden, wahrhaft humanen christlichen und jüdischen Elementen nicht nur zu erleichtern, sondern direct anzubahnen. Es gebe heute bereits eine stattliche Anzahl hervorragender Nichtjuden, die von ehrlicher Begeisterung für die nationale Wiedergeburt des jüdischen Voltes, wie sie im Zionismus verkörpert ist, beseelt seien, so Rev. W. H'e ch l e r, Baron A. G. v. Suttner, Baron M a n t e u f f e l, Prof. He man, D u n a n t, der Begründer des Rothen Kreuzes, u. A. m. — Man halte den Zionisten entgegen, dass sie sich eine Utopie den Herzlichen Judenstaat — zu verwirklichen unterfingen. Darauf entgegne er, dass auch dieser Vorwurf ganz unbegründet sei. Denn abgesehen davon, dass Th. H e r z l selbst bereits im »Judenstaat" des Ausführlichen dargethan hat, wie himmelweit sein Project, das mit realen Menschen und Verhältnissen rechnet, von den weltfremden Schwärmereien Thom. M o r u s' und seiner neuzeitlichen -Nachfolger H e r tz k a, B e l l a m t) u. s. w. unterscheidet, sei ja für uns Zionisten nicht das Werk des präzionistischen Herzl, sondern lediglich unser Baseler Programm richtschnurgebend, und in diesem sei blos von einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte, die der Zionismus für die unassimilierbaren Bestandtheile unseres Volkes anstrebe, die Rede. - Minutenlanger, tosendender Applaus ertönte, als der Referent geendet hatte. Wie machtvoll der Eindruck seiner Rede gewesen war, erwies sich, als der Vorsitzende die Gegner apostrophierte, sie mögen auf die -Ausführungen des Referenten restectieren, und sich -Niemand zum Worte meldete. Darauf ertheilte der Vorsitzende unserem vortrefstichen Gesinnungsgenossen Herrn D. W o l f s o h n - Köln das Wort. Dieser führte mit großer Beredsamkeit unter lebhaftem Beifall aus. er glaube, die anwesenden Gegner feien durch die Ausführungen des Referenten, wenn auch nicht sämmtlich vollkommen überzeugt, so doch eines Besseren belehrt worden und ständen nun dem Zionismus freundlich gegenüber. Erst als auch dieser Redner geendet hatte, trat ein Herr Ehrmann, Lehrer in Fried b erg, hervor, der sich als „Zionist älterer Observanz" und nebenher als Germane mosaischer Confesfion bekannte. Er habe erst jüngstens in einer Versammlung dem -Abgeordneten seines Wahlbezirkes, Lieber m a n n v. « o nnenberg gegenüber geäußert, die Antisemiten dürften den Juden, soviel sie nur wollten, zurufen, sie seien ein Volk im Volke: diese werden sich trotz alledem ihr reines, unverfälschtes Dcutschthum von Niemandem rauben lassen. Dasselbe betone er auch gegenüber den Zionisten. Redner erklärt sich mit den Colonisalionsbcstrebungen der Zionisten einverstanden, ja er bekundet sogar seine Bereitwilligkeit, sich der zionistischen Bewegung voll und ganz anzuschließen, wenn unsere Partei — das Nationalitätsprincip fahren Nachdem der Präsident dem Vorredner kurz geantwortet und erklärt hatte. .Herr Jehuda werde dessen Behauptung, als spräche selbst unter den anwesenden Zionisten Keiner Hebräisch, in hebräischer Sprache widerlegen, ergriff das Wort abermals Dr. Schauer. Er sagte: Er fei erstaunt, dass Herr Lehrer Ehrmann, der doch gewiss auch Latein studiert habe, die Begriffe Volk und Nation so vollständig auf den Kopf gestellt habe. Nation sei abgeleitet von n.isci . geboren werden und weise auf die Gemeinsamkeit der -Abkunft hin. Betreffs der weiteren Ausführungen des Vorredners über den Patriotismus der Zionisten, sei es kennzeichnend, dass dergleichen Anwürfe und Verdächtigungen nur aus dem Munde unserer jüdischen Gegner kämen. Redner verkehre fast ausschließlich mit Christen : nicht etwa, weil er den Verkehr mit diesen suchte, sondern weil seine jüdischen Altersgenossen dem Judenlhum gänzlich entfremdet seien und derjenigen z-pecies unserer Stammesgenossen angehörten, die man unter dem Collectivnamen „jüdische Antisemiten" zusaminensassc. Ehe er mit solch schmählichen Gesellen verkehre, beschränke er sich lieber aus den Umgang mit achtbaren Christen. Diese hätten nie seinen deutschen Patriotismus in Zweifel gezogen, bis vor Kurzem einige der vorerwähnten sauberen Patrone cs unternahmen, den nichljüdifchen Collegen des Redners Misstrauen gegenüber dessen zionistischer Thärigkeit einzusiößen, welches Misstrauen zu zerstreuen ihm jedoch alsbald gelungen fei. An der Tiscussion bctheiligten sich noch die Herren : Jehuda «hebräisch», Ernst Sartorius «philozioniftischer Christ», Wolfsohn, B i r k e n st e i n, Michel und G r ü n n e w a l d. Schliesslich brachte Herr B e st h o f eine Resolution ein, die in ihrer endgültigen Fassung — Herr Besthof machte sich nämlich die vorgeschlagenen Abänderungen des Herrn Wolfsohn zu eigen — folgenden Wortlaut hat: „Tie -Anwesenden erklären ihre volle Snmpathie mit der zionistischen Bewegung, soweit diese darauf abziclt, den unglücklichen jüdischen Glaubensbrüdcrn aus dem Osten ein menschenwürdiges Dasein zu schaffen und nehmen aus den Ausführungen des Referenten davon Act, dass die Bildung eines jüdischen Staates im Programm nicht enthalten ist. Was die ideale Seite betrifft, nämlich die Hebung des Selbstbewusstseins bei den Juden, so ist die Versammlung der Ansicht, dass das geeignete Mittel dazu die unverkürzte Erfüllung des altüberlieferten, von unseren Vätern unter weit traurigeren als den heuti gen Verhältnissen verlhcidigten Judenthums bildet, und soweit die zionistische Bewegung auch bei dem so lange dem Väterglauben entfremdeten Theile unserer Stammesbrüder die Liebe zum Judenthum aufs Neue zu erwecken geeignet ist, begrüßen wir diese Bewegung mir Freuden". Ueber die Resolution entspann sich nun neuerdings eine lebhafte Debatte. Nach Herrn Wolfsohn ergriff das Wort Herr Jsaac Al a i n z. der cm den bedauernswertsten Zionisten kein gutes Haar ließ. Sehr schlagfertig und selbstbewusst führte hierauf unser Gesinnungsgenosse Herr G o i t e i n den „bekannten Herrn Mainz" ab. D i e o b e n e r w ä h n t e R e s o l u t i o n w u r d e s o d a n n mit riesiger Majorität a n g e n o in m e n. Der Präsident sprach noch einige herzliche Schlussworte, worauf sich die Versammlung, die für unsere Bewegung einen großen Erfolg bedeutete, noch im Abgehen eifrig discuricrend, langsam zerstreute. Z—1.