Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 13 (1.4.1898)
- Article
- Unter jüdischen Proletariern
- Date
- 1898-04-01
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 Jww Nr. 13 anderen Ortschaften darauf stoßen: viele jüdische Fabrikanten wollen lieber am Sonntag ruhen, als am Samstag. So gebietet es der Schlendrian und die Bequemlichkeit — beileibe nicht das Gesetz. Und damit ist auch das Schicksal der Handwerker bestegelt. Denn an Stelle der vorcapitalistischen Productionsform tritt hier auch auf dem Gebiete der Weberei die kapitalistische Großproduktion; die mechanische Kraft hat hier den Handwebstuhl zu verdrängen begonnen. Und wenn der Umwälzungsprocess zu Ende geht, was dann? Die allgemeinen Gesetze der ökonomischen Entwicklung, nach welchen der Handwerker und Hausindustrielle durch die Maschine concurrenzunfähig gemacht und lediglich zu ihrem Lohnsclaven herabgedrückt wird, sind hier allein noch nicht maßgebend, es tritt noch hinzu der U.astand, dass dann nach der Sachlage der jüdische Arbeiter wegen des Sabbaths nicht mehr in einer Fabrik Unterkommen und ganz arbeitslos werden wird. Und diese Zeit ist nicht mehr fern. Inzwischen ist die Lage der Weber schon jetzt eine sehr precäre. Bei angestrengter elfstündiger Tagesarbeit verdienen sie höchstens ISO Rubel, ausnahmsweise 1 ‘50 Rubel. Sie erhalten nur Stücklohn u. zw. 9 .Kopeken vom Strähn. Doch nicht der ganze Stücklohn wird ihnen ausbezahlt. Eine halbe Kopeke vom Strähn zieht der Zwischenmeister, der stch ganz überstüssigerweise von ihnen bezahlen lässt, obwohl er die Interessen des Fabrikanten vertritt, für stch ab und bildet damit den Gegenstand fortwährender Unzufriedenheit und häufiger Strikes der Arbeiter. Die Spulerinnen, von denen je eine zwei Webstühle bedient, bekommen 30 Kopeken täglich, die Nuperinnen bringen es auf 3 Rubel, die Schererinnen auch auf-4-Rubel Wochenlohn. Das frühere patriarchalische Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer hat ausgehört: das Classenbewusstsein wird in den Arbeitern immer stärker. Ein Fabrikant suchte mir das durch die abnehmende Religiosität der jungen Generation zu erklären. Früher versammelten sich alltäglich Fabrikant und Arbeiter zum Mincha- und Marew-Gebet. sie trafen sich am Samstag und während der Feiertage im Bethaus, sie nahmen gegenseitig an ihren Familienfesten Theil und kamen sich menschlich näher. Heute beten beide Theile nicht mehr, sie treffen auf keinem neutralen Boden mehr zusannnen, sie haben sich einander ganz entfremdet. Und in den jungen Köpfen brennt's von neuen Gedanken. Das monotone Geräusch der Spulen, die die Ketten durchschießen, übertönen laute Worte, die von Stuhl zu Stuhl hinfliegen, wie Zionismus, Socialismus, Achtstundentag — und selbst in den alten Männern, die sich schon mit ihrem Schicksal längst abgefunden haben, entsteht ein seltsames Ahnen kommender Dinge. Reben einer Dampsspinnerei befindet sich eine eigenartige Unternehmung. Die beispiellose Bruderliebe, der emsige Fleiß und die rührende Ausdauer ihrer Besitzer machen sie zu einem Unicum. In einer großen Kammer erzeugen drei Brüder im Alter von 40—00 Jahren, Söhne eines orthodoxen Rabbiners und selbst strenggläubig, Haarnadeln. Die Maschine, die den Draht schneidet und zuspitzt, ihr einziges gemeinsames Eigenthum, ist 1000 Rubel weri und wird von der Dampfspinnerei aus gegen ein Entgelt betrieben. Sie find alle beim Unternehmen thätig, denn es ist ihre gemeinsame Erwerbsquelle. Ihre Arbeit bei der Maschine, beim Lackieren und Polieren dauert von früh Morgens bis spät in die stacht, und dann bleibt einer in der Kammer zurück, um die Maschine und die Vorräthe gegen Einbrecher zu schützen. Sonntag, wenn die Fabriksmaschine außer Betrieb gesetzt ist, greifen sie mit ihrer Händekrast ein. Die fertige Ware wird an einen Großhändler in Warschau verkauft, mit dem sie im — Cartell stehen. Dafür entfallen auf jeden der drei 5 Rubel wöchentlich l Sie find stoische Naturen, die sich in ihr Schicksal geduldig fügen. Rur eine Sorge drückt sie: es könnte in Bialystok noch Jemand zu demselben Gewerbe greifen und ihnen Concurrenz bieten. Die Tabakfabrik von Janowski ist die drittgrößte der ausschließlich von jüdischen Arbeitern betriebenen Fabriken Russlands. In Grodno bei Schereschefsky sind 1700, in Warschau bei Polakiewicz 1000, hier jedoch nur 500 jüdische Arbeiter beschäftigt. Das größere (Kontingent an Arbeitskräften stellen Mädchen — ungefähr 350. Wir treffen sie sofort beim Eingang. Sie machen Hülsen, indem sie durch ein kleines Maschinchen, dessen Kurbel sie mit großer Behendigkeit drehen, eine lange Papierrolle treiben. Eine Rolle gibt 20.000 Hülfen: der Lohn beträgt 10 Kopeken. Von 9 Uhr Vormittags, da die Fabrik geöffnet wird, bis 9 Uhr Nachts, macht ein besonders geübtes Mädchen bis 3 Rollen fertig. Eine Treppe höher werden die Cigarren gemacht. In großen Sälen an langen Tischen sitzen paarweise Männer und Mädchen. Je ein Paar arbeitet gemeinsam: sie wickelt die Tabakblätter zur Cigarre und legt sie in eine Form, er klebt darüber das oberste Blatt und fertigt sie aus. Hier ist die Arbeit in Accord. Der Fabrikant entlohnt jedoch nur die männlichen Arbeiter. Dieser erhält je nach der Größe und Qualität der Cigarren 1 35—5 Rubel per 1000 Stück und zahlt wieder dem ihm aushelfenden Mädchen 0—15 Kopeken per 100 Stück. Je nach der Qualität der Ware machen sie dann täglich 300 bis 500 Stück fertig; das trägt ihm 1 — 1*50 Rubel, ihr 30—40 Kopeken. Die persönliche Geschicklichkeit und das Alter des Arbeiters kommen dabei wesentlich in Betracht: ganz junge oder ältere Arbeiter bringen es oft kaum auf 2—3 Rubel wöchentlich. In einer anderen Abtheilung wird der Tabak geschnitten. Mehrere erwachsene Männer, darunter einer von überraschender Größe und Musculatur, verrichten aus der Erde kauernd diese Arbeit. Sie trägt 1*20—1*50 Rubel täglich im Stücklohn. Davon muss er jedoch 1 Rubel wöchentlich einem Aushilfsburschen von 12—13 Jahren zahlen. Der hochgewachsene Mann bringt das Gespräch aus den Zionismus. Der Gast aus der Fremde würde vielleicht davon etwas Näheres wissen. Denn er möchte fort, hier sei es schlecht. Und er steht auf von der Erde, aus der er die Tabakblätter geschnitten hat. Er möchte fort, nicht um seinetwillen, meint er, sondern wegen seiner .Kinder. Mit dem eigenen Schicksal würde er schon vorlieb nehmen, wenn er nur wüsste, dass das seiner Kinder sich besser gestalten könnte. Und das hofft er von Palästina. Bei der Cigaretten-Production sind nur Mädchen beschäftigt. Sie arbeiten paarweise. Die Vorarbeiterin füllt die Hülsen mit Tabak, ihre Gehilfin macht dazu die Mundstücke und schneidet die Spitzen gerade. Die ganze Arbeit geht mit blitzartiger Geschwindigkeit vor sich. Denn die Vorarbeiterin muss auch 3000 Cigaretten täglich fertig machen, um 60 Kopeken zu verdienen. Von diesen gibt sie erst 1—1*20 Rubel wöchentlich an ihre Gehilfin ab. Ist die Ware fertig, so wird an die Verpackung geschritten. Die Mädchen, die dabei beschäftigt sind, stehen im Wochenlohn und verdienen 2—2*50 Rubel. Während ich den Packraum besichtigte, kam zu meiner größten Ueberrafchung eine Arbeiterdeputation auf mich zu. Ihr Führer und Sprecher war der älteste Arbeiter in der Fabrik. Erst 58 Jahre alt, ist er schon 36 Jahre Cigarrenarbeiter. Erarbeitet noch, aber er ist schon altersschwach. Seine Kräfte sind erschöpft und er bringt es aus einen Wochenverdienst von höchstens 2 Vz Rubel. Das kam er mir zu sagen. Denn er und seine Collegen fürchteten, man könnte mich falsch informieren. Darum wollten sie mir ihr ganzes Elend offenbaren. Und besonders auf Eines lenkten sie meine Aufmerksamkeit. Während der zahlreichen jüdischen Feiertage, Geburts- und Namenstage der Mitglieder des kaiserlichen Hauses dürfen sie nicht arbeiten und so er-