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Die Welt · 1898-04-01 · 13 (1.4.1898) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
13 (1.4.1898)
Article
Dreyfus in Deutschland
Date
1898-04-01
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 Schriftstellern und Dilettanten kam ein furchtbarer, ästhetischer Egoismus empor, welcher an nichts dachte, als an die Befriedigung seiner Bedürfnisse. ,.L"art pour Varl“ wurde wieder einmal das Losungswort, welches an sich ja eine hohe Wahrheit bedeutet, aber von den kleineren Geistern fast immer gröblich missbraucht wird. Diese ausgebrannten Herzen und ausgekohlten Gehirne fühlten sehr wohl, dass sie der gm z einfachen oder, wenn man will, auch ganz banalen Empfindung der Gerechtigkeit und Theilnahme gar nicht mehr fähig wären, dass sie die simpelsten Gesetze des Staats- und Gesellschaftslebens nicht mehr begriffen. Sehr wohl aber können sie ein Satzgebilde formen und ansschleifen, psychologische Constructionen austüfteln und exotische, bleichsüchtige, betäubend duftende Gedank nblumen vor den Augen des Lesers hin- und herschaukeln. Trotzdem fehlte natürlich ihren Worten alles Lebensblut einer echten Empfindung, da auch die höchste und sublimierteste Form ihren Lebensinhalt aus den ganz einfachen Elementargefühlen schöpft. Ich brauche wohl kaum zu sagen, dass unter den Literat.n dieses Schlages recht viele wenn nicht vorzugsweise getaufte Juden zu finden sind. Was wissen diese Männer von einfacher, banaler Gerechtigkeit? sticht das Mindeste, gar nichts. Ihr Herz kann überhaupt nicht mehr in Schwingung gerathen und ihre "Nerven höchstens dann, wenn ihnen ganz besonders raffinierte und entkörperlichte, geistige Genüsse geboten werden. Darum genügte ihnen die Thatsache, dass sie selbst nicht aus der Teufelsinsel waren, um über den Fall Dreyfus-Zola einfach zur Tagesordnung überzugehen. Die Politiker unter ihnen, d. h. diejenigen, "die aus politischen Problemen ein amüsantes, literarisches Fangballspiel zu machen verstehen, schlossen sich natürlich der Weisheit an, welche von den „Hamburger Nachrichten" gepredigt wurde. Es passte dieser Sippschaft sehr in den Kram, dass sich Deutschland mit dem Fall Dreysus nicht zu beschäftigen hätte, um das arme Frankreich nicht zu reizen und den Frieden dadurch zu gefährden. Das ist natürlich heller Blödsinn, an den die Herren wohl selbst nicht glauben. Aber wenigstens konnte sich die ästhetische Gemeinheit unter dem Deckmantel des Patriotismus verkriechen. Diese Vaterlandsliebe getaufter Juden gab sich übrigens nicht bombastisch und pathetisch, sondern mit dem gelassenen, skeptischen Lächeln des weisen Diplomaten, der sich durch die „Sentimentalität" der öffentlichen Meinung von seiner Realpolitik nicht abbringen lässt. ".Nun, ich glaube, dieser Mangel an Pathos, diese Skepsis und Kühle, diese gleichgiltige, herzlose Dialektik war das — einzig Aufrichtige an der ganzen Farce. Dabei thun diese Männer noch so, als ob sie die berufenen Marktschreier der Zukunft wären, während sie thatsächlich doch weiter nichts sind, als die graziösen Bänkelsänger einer absterbenden Vergangenheit. Ja, der Kamps um Dreysus ist auch in Deutschland ein Culturkamps. Es gilt, dem nationalen Banausenthum aus den Leib zu rücken, welches von der Entwicklung zum guten Europäerthum noch keine Ahnung hat. Es gilt ferner, der Leisetreterei der Assimilationsjuden und der ästhetischen Herzlosigkeit impotenter Literaten, die zumeist getaufte Juden sind, ein Ende mit Schrecken zu bereiten. Und das könnte der Cultur nur nützen, die durch diese Sippschaft fortwährend geknickt, geschädigt und geschändet wird. & Die Woche. Wien, 31. März 1808. _ Die Commissionen, welche sich mit der Bemessung der Personal-Einkommensteuer abgeben sollen, werden jetzt gewählr. Darf man ans Grund bisheriger Enahrungen prophezeien, dann ist es wohl heute schon nicht mehr zweifelhaft, wie diese Wahlen ausfallen. Tie Einkommensteuer wird auf dem Bodeu und unter dem Gesichtswinkel des antisemitischen Parteiprogrammes festgestellt werden. Tie Mitglieder der vornehmeren Wahlkörper haben allerdings Chance, von anders gesinnten Commissionen eingeschätzt zu werden. Aber die Armen, bei denen die Steuerschraube tiefer ins Fleisch dringt, werden, wie immer, auch diesmal zu leiden haben. In der Wiener Gemeinderathsstube hat sich ein Miniaturpanama zugetragen. Ein Stadtvater, der sein Mandat und seinen Einfluss in klingende Münze umzuwandeln bemüht war. Der Fall ist an sich sehr gleichgiltig und beweist natürlich gegen niemanden etwas. Charakteristisch ist nur, dass die antisemitischen Blätter nicht über die entlarvte Corruption empört sind, sondern nur die Entdeckung derselben als eine Gemeinheit bezeichnen. Die stärkste Verachtung wird nun gegen die „Denunzianten" angewendet, die das trübe Wässerlein ausgerührt haben. Tie Corruption an sich reizt aber den Zorn der Antisemireu durchaus nicht, "Rur die Verjudung der Corruption setzt sie in Aufruhr — uns auch. Und sie treten für eine vollständig judenrciuc Corruption ein — wir auch. Ter deutsche Reichstag hat das Flottengesetz endgiltig angenommen. Einer der liebsten Wünsche Wilhelms II. ist damit erfüllt. Das deutsche Reich bekommt damit eine große, wehrfähige Kriegsflotte, und mit diesem bedeutungsvollen Instrument kann es entscheidend in den Gang der Weltpolitik eingreifen. In zehn Jahren, vielleicht auch früher schon, wird sich über ein neues Kiao-Tschau kein deutscher Bürger mehr wundern. Im Osten und im Westen sind es Inseln, von denen der Kriegslärm ausgeht und sich nicht legen will. Ueber den Gouverneur von Kreta führen die Mächte einen langwierigen Rotenstreit mit der Türkei, die sich die Resultate eines glücklichen Feldzuges nicht gänzlich nehmen lassen möchte. Um Cuba gerarhen Spanien und "Nordamerika aneinander. Ostwärts und westwärts interveniert man namens der Humanität. "Amerika betheuert seine Friedlichkeit und baut mit Fieberhaft Kriegsschiffe. Spanien schwört, dass es den Krieg nicht wolle, und sendet Verstärkungen nach Cuba. Tic beiden Inseln werden noch lange nicht zur Ruhe kommen, denn die Zeiten des „fri scheu, fröhlichen Krieges" find gottlob vorbei. Man schießt jetzt bedächtiger und pflanzt das Bajonett nur nach genauer Ueberlegung auf. In Bukarest hat man sechzehn Strolche freigesprvchen, die gelegentlich der letzten Straßenkrawalle gegen die Juden beim Plündern erwischt worden waren. Wie dieses Urtheil die künftige Sicherheit der Juden in Rumänien gefährdet, mag man sich ungefähr denken. Tenn von nun ab gibt es in den Ländern der rumänischen Krone kein einfacheres Mittel, sich gefahrlos und ungestraft zu bereichern, als wenn man Judenhäuser ausraubt. „Ach es ist doch schön, wenn man „den Schutz der Gesetze"-so ganz aus dem Vollen genießt, wie in Bukarest und Jassy —". Das können nämlich die Plünderer jetzt sagen. Wie aus unverbürgten Quellen berichtet wird, soll der Freispruch iu Bukarest auf Herrn Re-gis in Algier sehr angenehm gewirkt haben. Ter Veranstalter der algerischen Judeumassacres sieht jetzt dem "Ausgange seines Proceffes mit noch weit größerer Beruhigung entgegen. Fran Treyfns petitioniert aufs "Reue um die Erlaubnis, sich zu ihrem Alaune begeben zu dürfen. Ter Senator TlpZarr, ein hervorragender Rechtsgelehrter, stellte fest, dass es kein Gesetz gebe, welches der Frau eines Verbannten dieses Recht nehmen dürfe. Schon auf eine einfache Eingabe hin müsste das Gericht die Bewilligung ertheilen. Thözart sagt, es könne sich nur um die Kostenfrage handeln, ob nämlich der Staat oder die Frau die Reise bezahlen müsse. Gegen Th.-zart macht der Professor des Strafrechtes, Leveillö, geltend, dass die Regierung

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