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Die Welt · 1898-04-01 · 13 (1.4.1898) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
13 (1.4.1898)
Article
Dreyfus in Deutschland
Date
1898-04-01
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 13 Allerdings, je höher die Fluch der Telegramme und Sympathieadressen anschwoll, desto mehr regten sich auch die Gegner und streuten ihre Verdächtigungen aus. Wenn die „Staatsbürgerzeitung oder die „Deutsche Warte" in dieses schrille Horn stießen, so war das nicht weiter wunderbar und verdarb keinem Menschen in Deutschland seine Ruhe, seine Laune und sein behagliches Mittagsschläfchen. Umgekehrt konnte die ruhige, sachliche Haltung von Blättern, wie der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" und der „Täglichen Rundschau" den Beweis dafür liefern, dass der gemäßigte, gouvernementale Antisemitismus dem Zwange der öffentlichen Meinung, die auf Seiten Zolas stand, nicht zu entrinnen vermochte. Auch war den Blättern der deutschen Regierung, die ja selbst im Dreyfusprocess ganz ungerechter Weise angellagt lvar, ihre Stellungnahme von vornherein vorgezeichnet. Sie mussten in den sauren Apfel beißen und für einen Mann eintreten, der doch nur ein elsässischer Jude war, und um dessen Schicksal sich diese Herrschasten sonst nicht im Geringsten bekümmert hätten. Die Opposition gegen Dreyfus kam daher gar nicht von dieser Seite, sondern aus dem Lager der Rebenregierung, aus Friedrichsruh. Die Argumente der „Hamburger Rachrichten", des officiellen Organes des Herzogs von Lauenburg, muthen keinen Menschen fremd an, der sich ein wenig mit den Principien jener „Realpolitik" vertraut machte, die seit Jahr und Tag als bösartiges Unkraut in Deutschland herumwuchert. Man weiß, dass Fürst Bismarck seine dynastische Reichsgründung in einen gewissen Gegensatz zur modernen, europäischen Weltanschauung stellte. Gr musste es vielleicht, da die politische Bildung jener Tage noch sehr gering war, und die damaligen Modernen über ihren fernen Endzielen die allernächsten, praktischen Interessen uni) die nothwendigen Mittel oft übersahen. Jedenfalls sprach der äußere Erfolg für Bismarck, und so dauerte es gar nicht lange, bis allüberall zwischen den schwarz-weißrothen Grenzpfahten allerliebste, banausische Bismarckepigonen auftauchten, sogenannte „Realpolitiker", die thatfächlich über ihre Rasenspitze nicht hinaussahen, und denen alles meilenfern lag, was sie mit ihren täppischen Fingern nicht gleich betasten konnten. Ter Alte von Friedrichsruh, als echter Menschenverächter, ließ es ruhig zu, dass diese Banausen sich an ihn herandrängten und als seine Verehrer ausgaben. Auch kehrte der Einsiedler im Sachsenwalde, nach einer Laufbahn voll überraschender Entwicklung, schließlich wieder zu seiner ersten Liebe zurück, zum agrarischen Junkerthum und zum engherzigsten Rationalismus, der von gemeinsamen, europäischen Eulturimpulsen nichts wissen will. So ließ er denn in seinem Leibblatt verkünden, dass die Affaire Dreyfus-Zola Deutschland nichts angienge, und dass wir uns aus Gründen der Friedenserhaltung in die inneren Angelegenheiten Frankreichs nicht hineinzumischen hätten. Alsdann folgten noch manche kleine Bosheiten, niedliche Unterstellungen und ein mehr oder minder urkräftiges Geschimpfe aus die „Judenpreffe" und aus das „Dreyfus-Syndicat". Und es ist leider wahr, dass diese Ausführungen aus schwache Kopfe nicht ohne Eindruck blieben. Sämmtlichen „Realpolitikern" und Banausen im deutschen Reich stand es nunmehr fest, dass Deutschland mit dem Fall Dreyfus nichts zu schaffen hätte. Mit der deutschen „Judenpresse" aber, die von der Rebenregierung verantwortlich gemacht wurde, hat es eine eigene Bewandtnis. Die Assimilationsblätter, die von jüdischen Redacteuren geleitet und geschrieben werden und zumeist die beiden Spielarten des deutschen Freisinnes cultivieren, hatten sich in den letzten Jahren bei ihren getauften und ungetausten Glaubensgenossen in Misskredit gebracht durch die Art und Weise, wie sie die Juden — vertheidigten. Die Juden waren vollkommen, die Juden waren Engel, und jeder, der gegen die Juden etwas sagte, ob er nun waschechter Antisemit war oder nicht, wurde für einen Bösewicht und für den Abschaum der Menschheit erklärt. Dem Antisemitismus selbst hoffte man durch die Logik und die Denunciation, der Hauptsache nach aber durch ein kluges Lavieren und Assimilieren beizukommen. Kurzum, die" berüchtigte Politik der „Abwehr- und Abführmittel" fand ihre bevorzugte Stätte gerade in der „Judenpresse", in gewissen Blättern des deutschen Freisinns, die dadurch bei vielen ihrer angeblichen Schützlinge und zwar den besten unter ihnen, den wirklich modernen und fortschrittlichen Juden, gründlich in Verruf kamen. Der ungeheure Schaden dieser Entfremdung wurde auch dem blödesten Auge klar, als der Fall Dreyfus austauchte. Für viele sehr gescheidte Juden war diese ganze Sache nichts weiter, als „Abwehr", und sie weigerten sich bestimmt, an die Unschuld eines Mannes zu glauben, der von den „Judenblättern" vertheidigt würde. Um so eifriger gaben sie sich den realpolitischen Orakelsprüchen der Hamburgischen Pythia hin und stopften sich ihre Ohren, um dem Donnerwort Zolas, das ihr Gewissen störte, den Eingang zu verwehren. Uebrigens hieße es den Herrschaften doch zu viel Ehre erweisen, wollte man sich nicht auch die Kehrseite der Medaille ein wenig besehen. Reben dem Abscheu vor der Abwehr war es die F e i g h e i t, welche diese Männer vor der schrecklichen Affaire Dreyfus das Hasenpanier ergreifen ließ. Sie jammerten, dass der rücksichtslose Angriff Zolas den französischen Antisemitismus wieder ausgestört hätte, und dass auch die deutschen Antisemiten aus diesem Scandal neue Kräfte schöpften. Darum möge man lieber schweigen, immer nur schweigen. Der arme Dreyfus wäre gewiss sehr zu bedauern. Aber er möge dulden und leiden, ohne zu klagen, als ein Märtyrer für das gesammte Judenthum. DieseKlagen und diese, kurzweg gesagt, infamen Argumente bekam man in Berlin fast jeden Tag zu hären, und der Groll gegen die „ Judenpresse" war diesmal noch größer, als gewöhnlich, weil sie sich ausnahmsweise einmal durchaus benahm, wie sie sollte. Denn eigentlich war es gegen die sonstige Methode der „Abwehr" und der Leisetreterei, dass diese Blätter für die Schuldlosigkeit des Gefangenen auf der Teufelsinsel energisch eintraten, und sich gar nichts daraus machten, wenn die geschäftige Phantasie der Schauerromane von der „Alliance israelite universelle“ und von dem Goldstrom des Dreyfus-Syndikates zu faseln begann. Die allgemeine Volksftimmung in Deutschland war eben so allmächtig, dass auch die „Judenblätter" ihr nicht entgiengen, und auch das allgemein-jüdische Bewusstsein ist in den letzten Jahren durch die zionistische Bewegung so gekräftigt worden, dass sogar der einfache Durchschnittsjude, der Mann der Assimilation, es nicht verstanden hätte, wenn sein Leibblatt in diesem traurigen Fall Dreyfus passiv geblieben wäre. So wuchs sich also auch diesseits des Rheins, obzwar in kleinerem Rahmen, der Fall Dreyfus zu einem wahren Eulturkampf aus. Tenn die Cultur stand hier gegen die Barbarei. Das europäische Gewissen bäumte sich gegen den engherzigen, nationalen Partikularismus auf, welcher noch dazu die Dreistigkeit besaß, sich selbst als „Realpolitik" zu bezeichnen. Gleichzeitig spitzte sich dieser Kampf zu einer Schlacht gegen das charakterlose Abmehrjudenthum zu und zwang es, offen Farbe zu bekennen und für das Recht eines vergewaltigten Volksgenossen mit Pauken und Fanfaren einzutreten. Die Abseitsstehenden aber — aus edlen oder gemeinen Motiven abseitsstehend — fühlten sich zum wenigsten trotz ihrer wüsten Schimpfreden, in ihrem Gewissen stark beunruhigt. Das echte und zukunftsfähige Rationalgefühl, das mit einem gemeinsamen, europäischen Culturgewiffen durchaus vereinbar ist, regte sich kräftiger, als je zuvor. Und ferner, last not. least, versetzte dieser Eulturkampf auch noch dem ehrlosen, kosmopolitischen Literatenthum einen schweren Schlag, von dem es sich so bald nicht erholen dürfte. Die „Realpolitik" der Bismarck-Epigonen fand ihr Gegenstück nämlich auch im geistigen Leben. Unter den

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