Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 12 (25.3.1898)
- Article
- Das neue Ghetto
- Date
- 1898-03-25
- Page
- 16 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Jacob. Worüber denn? Vednik. Strafgelder, schreckliche! Gleich Abzug von fufzehn — zwanzi Greizer wegen nix . . . In Mittagzeit lasst uns Aussetzer nit viertel Stund' zun Ess'n . . . Kremenzak heißt Aussetzer! (Steht erregt aus, droht mit der Faust hinaus.) Hund, elendiger! Jacob. Traurig, aber was soll ich dabei thun? Vednik. Kremenzak is noch schlechter, wie Verwalter . . . Kremenzak treibt uns furchtbar an — dann wird nit gut verzimmert, weil mir uns eilen — und dann kann uns alles am Schädel fallen. Jacob. Versteh' ich recht, so wird nicht genug für die Sicherheit der Arbeiter gesorgt? Vednik. So is! Nit sicher! Wetterführung misrabel! Grubenholz gebens nit genug. Am schlechtesten is die Rosamunde! Jacob. Wer ist das? Vednik. Also ein Schacht heißt Rosamunde... Unser letztes Unglick war auch in der Rosamunde. Da hab'n's bissel repariert . . . Nit viel. Und hab'n's nit mehr getraut, in der Rosamr.nde zu sprengen. . . (Leiser, düster.) Dort darf man nur mit Hacken arbeiten —sonst...! Und jetzt lasst Verwalter wieder sprengen... Da können wir einmal alle drinbleiben. Jacob (aufspringend.) Es ist Lebensgefahr für Euch? Vednik (lächelt). Jed'n Tag .. . Wir hab'n uns beschwert beim Verwalter — aber hat uns Befehl von gnädigen Herrn gezeigt: „Sprengen!" . . . Gnädiger Herr weiß ja nit, was die Rosamunde is! . . . Er is ja guter Herr! Aber kommt nie nach Dubnic. . . . Jetzt hat uns Verwalter gesagt, muss viel gefördert werden, weil gnädiger Herr will verkaufen Dubnic! Jacob (lacht höhnisch). Ah ja, um ein großes Erträgnis ausweisen zu können. . . (Geht erregt aus und ab.) Weiter, weiter! Vednik. Nix weiter. Aus is . . . Wenn in der Rosamunde gesprengt wird, können mir zugrund' gehn. Aber striken trau'n mir uns jetzt nit. Winter kommt. Mir müssten alle verhungern und erfrieren. Jacob. Grauenhaft! . . . Ich weiss noch nicht, was ich thun werde. Aber gescheh'n wird etwas: Verlasst Euch auf mich! Vednik. Muss ich gleich zurucksahren. Was soll ich Antwort sagen, Herr? Jacob. Wann geht der Zug? Vednik. Am Abends um sieb'n. Jacob. Erwarten Sie mich auf dem Bahnhof. Ich werd' Euch Helsen. Vednik. Vergelt's Gott tausendmal, Herr! (Will ihm die Hand küssen.) Jacob (reißt sich los). Gehen Sie, und erwarten Sie mich! Vednik (ab.) 10. Scene. Jacob, Hcrminc. Jacob (reißt nach Bedniks Abgang das Geld Rheinbergs aus der Schreibtischlade wirft es ans den Tisch, schreit nach rechts). Hermine! Hermine! (Als sie nicht kommt, stürzt er nach der Thür, reißt diese auf, schreit stärker.) Hermine! Hermine (mit vergnügter Miene). Jacques! Was willst Du? (Gewahrt seine Aufregung). Was hast Du? Jacob (heiser). Gib das Geld her! Hermine. Wovon sprichst Du? Jacob. Deines Schwagers Geld! Die sünfhundet Gulden. Her damit! Hermine (weinerlich). Was hast Du nur, Jacques? Jacob. Vorwärts! Her damit! Solches Geld bleibt nicht in meinem Hause. Ich wers' es ihm zurück .. . (In schrecklichem Aufbrausen.) Weib! Gibst es. augenblicklich her! H e r m i n e (holt die Banknoten erschreckt hervor, reicht sie ihm zitternd). Jacob (besänftigt). Gut. (Steckt alles Geld in ein Couvert, klebt es zu.) Das wird der Sollicitator noch vor meiner Abreise Deinem Schwager zurückstellen. . . Ich fahre weg. H ernÜTie (noch fassungslos). Wohin? Jacob (begeistert und drohend den Arm ausreckend). Nach Dubnitz! (Der Vorhang fällt. — Schluss des zweiten Actes.) (Fortsetzung folgt.) Bücherwrlt. Die Zionistenfrage. Von Maximilian Stein. — Berlin Verlag von Siegfried Eronbach. Ein Referat, das in Druck gelegt wurde. Der Verfasser der Schrift, der sich über die zionistische Bewegung gut unterrichtet zeigt, berichtet, was der Zionismus wolle, und was man dagegen für Einwände erhebe. Für den ersten Theil gibt es wohl authentischere Berichte. Wir wollen aber constatieren, dass der Extract, den der Verfasser bietet, in der Thal ziemlich einwandfrei ist. Seine Einwände allerdings, oder besser gesagt, die Einwände, welche er als die Meinung anderer vorlegt, finden wir weniger vollständig. Der Verfasser hat es nämlich vermieden, alle die Unterstellungen und Verleumdungen zu wiederholen, welche man namentlich in Deutschland von gegnerischer Seite Vorbringen zu müssen glaubte. Diese allen anständigen Menschen zwar selbstverständliche, nichts desto weniger aber nicht überall befolgte Kampfesweise wollen wir ehrlich anerkennen. Es ist eine Broschüre, die sich bemüht, ehrlich die Frage zu behandeln, von der sie handelt. Da der Verfasser so wenig von Eigenem hier zugesügt hat, — er äußert sich nur hie und da durch einen Satz, eine gelegentliche Bemeckung — so können wir uns damit begnügen, einige seiner markantesten Satze wiederzugeben. Vom Baseler Programm sprechend meint er: „Die Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte ist noch kein Judenstaat". — Stimmt. Hat auch niemand behauptet. „Die zweckvienliche Besiedlung des heiligen Landes besagt anscheinend nicht viel mehr, als die ohne den Zionismus geübte von aller Welt gebilligte Eolonisation Palästinas". Anscheinend ist gut, sogar sehr gut. Die „von aller Welt gebilligte Eolonisation Palästinas" ist aber entschieden noch besser ausgedrückt. Wenn er weiter mit Lazarus meint, „die eigene^sreie Entschließung des Individuums ist kraft des Rechtes der Selbstbestimmung ein Hauptmerkmal des Nalionalilatsprincipes", so könnte man ruhig hinzufügen, folglich kann an einer jüdischen Nationalität, welche der Verfasser den Juden Deutschlands gerne ersparen möchte, dann nicht gezweiselt werden, wenn Hunderttausende und Millionen Juden „kraft des Rechtes der Selbstbestimmung" sich jüdisch-national erklären. Im übrigen ist es mit der „freien Entschließung" nicht so weit her. Auch bei den Juden Deutschlands nicht. Da wirken wohl ganz andere Momente als die „freie Entschließung" mit. „Das Judenlhum scheint nicht mehr nothgedrungen an eine Nation gebunden". Wiederum scheint. Wir meinen, dass dieser Schein sehr trügt. Dass man dem Judenthume treu ergeben sein und doch im Dienste seines Vaterlandes ganz aufgehen kann, hat kein Zionist in Abrede gestellt. Im Gegentheil. Die Zionisten hoffen durch die Ausführung ihres Strebens allen Ländern einen Dienst zu erweisen, wie ihn wenige ihrer nichtjüdischen Mitbürger dem Vaterlande erwiesen haben. „Die Zionisten erscheinen zunächstalsdie ParteiderUnzusriedenen". Auch das ist richtig. Nur sind es Unzufriedene, welche nicht nörgeln, sondern mit Ernst an der Verbesserung der Verhältnisse arbeiten, die ihre Unzufriedenheit erregt haben. Wir könnten noch manche derartige Stelle, die mehr verspricht, als sie hält und enthält, hervorheben. Es mag genügen, noch einen überaus charakteristischen Satz hervorzuheben. „Die jüdische Staatsidee freilich müsste officiell (vom Eongress) ausgeschieden werden, nicht nur weil sie unpolitisch und unpatriotisch, sondern überhaupt unzeitgemäß ist". Dem Verfasser ist ein Malheur passiert. Das „überhaupt unzeitgemäß" muss ihm aus Versehen in die Feder gekommen sein. Dieser Vorwurf des Unpolitischen und Unpatriotischen, der im „Ueberhaupt Unzeitgemäßen" culminiert, ist ein Vorwurf nicht für den Verfasser des Judenstaates, sondern für den Verfasser der Broschüre, oder besser für die Leute, die gleich ihm denken. Unpatriotisch, weil überhaupt unzeitgemäß, das wollen wir hier festlegen. Wir basieren den Patriotismus auf andere Grundlagen. — Im großen und ganzen steht der Verfasser dem Zionismus nicht unfreundlich gegenüber. Wir sind Gegner, die aus Courtoisie halten. Darum können wir dieser Broschüre eines anständigen Gegners unsere Anerkennung nicht versagen. _— W. — Der Artikel von Oberst Länder ,,Die Inden in Palästina" musste leider wesen Raummangels für die nächste Nummer Zurückbleiben. Herausgeber: P. Naschauer. Verantw. Red.: Dr.Siegm.Werner. Buchdruckerei „Industrie" (S.Bergmann), Vlll., Schlöffelg. 11