Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 12 (25.3.1898)
- Article
- Das neue Ghetto
- Date
- 1898-03-25
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 14 Nr. 12 Sollicitator. Vednik oder Vjednik — ein Slovene. Jacob. Kenn' ihn nicht. Bitten Sie ihn, zu warten. S o ll i c it at'o r. Ja. (Ab.) Jacob (zu Rheinberg). Also zur Sache! Rheinberg (rednerisch). Du hast vielleicht gehört, dass eine große Kohlenepoche gekommen ist. Wasserstein. Eine großartige! Rheinberg. Ich war auf dem hiesigen Platz der erste, der sie ausgenützt hat. Wasser st e i n. Und ich der zweite. Rheinberg (höflich). Ich bitte, Herr Wasserstein, unterbrechen Sie mich nicht. . . (Zu Jacob.) Noch bevor irgend jemand an Kohlenactien dachte, hatte ich insgeheim schon Massen ausgekaust. Dabei ließ ich durch Wasserstein geräuschvoll verkaufen. Alle sind mir aufgesessen. Wasser st ein. Nur ich nicht . . . Run, bin ich ein Esel, Herr Rheinberg? Rhein berg (mit Achtung). Rein, Herr Wasserstein ... (Zu Jacob.) Außerdem Hab' ich mir von Schramm das Dubnitzer Bergwerk zusichern lassen. Jacob (peinlich berührt). Rittmeister Schramm? Rheinberg. Ja. Mit dem Schrommischen Bergwerk hat's eine eigene Bewandtnis. Der alte Schramm war ein Laibacher Bürger und ist an dem Dubnitzer Bergwerk reich geworden. Als er starb, erbten zwei Kinder. Der Sohn ist aber ein Cavalic''. und die Tochter an einen Cavalier verheiratet. Der Rittmeister hat einen kostspieligen Rennstall, und sein Schwager Gras Wülckenau bringt im Kartenspiel durch, was ihm die^ Ballettänzerinnen übrig lassen. So haben sie seit zehn Jahren immer nur Geld aus dem Bergwerk herausgenommen und nichts hineingesteckt. Schlechte Wirtschaft, alte Maschinen, Raubbau, was Du willst. Kurz, ein vernachlässigtes Bergwerk. Aber es trägt doch viel. Jacob. Ich verstehe: Du sollst die Verhältnisse wieder ins Geleise bringen. R h e i n b e r g (erstaunt). Ich? W a s s e r st e i n. Wie kommt er dazu? Rheinberg. Eine Actiengesellschaft will ich daraus machen. Der Zeitpunkt ist günstig. Man stürzt sich aus Kohlenactien. Und der Rittmeister wäre ungeheuer froh, wenn er das Bergwerk los werden könnte. Jacob. Warum so froh? Du sagst, es trage viel. R h e in b e r g. Ja, ja — nur müsste er jetzt viel Geld hineinstecken, wenn er es behalten wollte. So ein vernachlässigtes Bergwerk ist eine böse Sache. Was man heute vorzukehren versäumt, muss man morgen doppelt theuer bezahlen und übermorgen vierfach. Wenn er jetzt alle nothwendigen Ausbesserungen machen lassen wollte, müsste er seinen Reunstall verkaufen. Und er hat ohnedies Schulden. Ebenso Wülckenau. Daruni wollen sie, dass ich das Bergwerk gründe. Jacob. Sie haben Dich ausgesucht? R h e i n b e r g. Natürlich! Man kennt mich! Jacob. Und was soll ich dabei? Rheinberg. Du sollst die Statuten der Aktiengesellschaft machen. Jacob. Weiß Rittmeister Schromm davon? Tu nanntest meinen Namen? Rheinberg. Gewiss. Jacob. Er hat nichts eingewendet? R h e i n b e r g. Nein. W a s s e r st e i n. Was soll er einwenden? Jacob. Ich meine — weil ich Dein Schwager bin... Dass ich aus Deinen Vortheil mehr bedacht sein könnte, als auf seinen. Rheinberg. Er wird ja alles durch seinen Advocaten prüfen lassen. Jacob. Richtig. Rheinberg. Auch ist alles klar. Capital drei Millionen. Schromm, Wülckenau und ich bilden das Syndikat. Jeder bekommt ein Drittel der Actien. Jacob. Du auch? Wofür bekommst Du ein Drittel? R h e i n b e r g. Für Geld — für gutes Geld! Ich zahle bar eine Million — vorausgesetzt, dass ich die Actien beziehe. Jacob. Wovon hängt das denn ab? Rheinberg. Vom Börsencours, den die Actien haben werden. W a s s e r st e i n. Ich werd' Ihnen das erklären, Herr Toctor. Ich seh', Sie sind aus der Bors' nicht zuhaus'. Jacob (lächelnd). Nein. Wasser st e i n. Merkwürdig! . . . Also hören Sie: Rheinberg bekommt von Schromm und Wülckenau für seine Mühe. . Jacob. Für welche Mühe? Wasser st e i n. Die Actien zu lancieren . . . Glauben Sie, dass das ein Spass ist? ... Er bekommt also für seine Mühe das Bezugsrecht aus ein Drittel der Actien. Rheinberg. Aus zweitausend Stück zu fünfhundert Gulden. W affe r st e i n. Die Actien werden eingesührt . . . Jetzt passen Sie aus, Herr Doctor! Wenn die Actien steigen, bezieht Rheinberg. Wenn die Actien fallen, bezieht Rheinberg nicht. R h e i n b e r g. Ich muss mich aber innerhalb vierzehn Tagen nach der Emission erklären. Steigen sie um fünfzig Gulden, so verdiene ich zweitausendmal fünfzig. Wasserstein. Mit anderen Worten hunderttausend Gulden. Rheinberg. Fallen sie nur um einen Gulden, so bezieh' ich nicht, verdiene nichts und verliere nichts. Wasser stein. Schromm macht dabei ein gutes Geschäft. Rheinberg. Meine Hilfe kostet ihn nichts. Meine Provision wird auf die Börse übergewälzt. Und er bekommt drei Millionen für Dubnitz, das nicht zwei wert ist. Jacob. Doch nur, wenn die Actien zum Emissionscours abgesetzt werden? Wasser st ein. Das ist doch natürlich. Aber heutzutag' reißt man sich um Kohlenactien. . . Was machen Sie für ein-Gesicht, Herr Doctor? Jacob. Ich will mit meiner Ansicht nicht hinterm Berge halten. Ich bin gegen solche Geschäfte. Wasser st e i n. Wie heißt gegen? Rheinberg. Ah so! Du bist ein Feind der Börse? Jacob (ruhig). Das bin ich nicht. Ich verstehe den Wert dieser Einrichtung. Die Börse liefert dem Staat für ferne Zwecke die Mittel. Sie baut Bahnen, befruchtet Unternehmungen, führt den Ueberfluss reicher Länder in arme. W a s s e r st e i n (begeistert). Großartig! Das Hab' ich gar nicht gewusst. Jacob (lächelnd). Ja, Herr Wasserstein, Sie wissen nicht, was Sie nützen — und schaden. W a s s e r st e i n. Wieso schab' ich — wenn ich nütz'? Jacob. Sie schaden sich selbst. Wasserstein. Entschuldigen Sie, ich bin jetzt im Treffen. Jacob. Verstehen Sie mich nicht? Sie schaden uns! Den Juden! Denn diese großen Geldbewegungen richten auch Menschen zugrunde. Und die Opfer klagen die Juden an . . . Wer ist groß genug, den Zusammenhang der Tinge zu gewahren? Tie Menschen sehen nur die Menschen. . . Darum bedaure ich es, wenn meine Leute in der Börse stecken. Rheinberg (höhnisch zu Wasserstein). Kommen Sie, ich liquidier' mein Geschäft . . . Rach so einer Predigt! Jacob. Ich mache niemandem einen Vorwurf. R h e i n b e r g. Sag' einfach, dass Du Dich mir meiner Sache nicht abgeben willst. Ich werd' eichen anderen Advocaten nehmen.