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Die Welt · 1898-03-25 · 12 (25.3.1898) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
12 (25.3.1898)
Article
Unter jüdischen Proletariern
Date
1898-03-25
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12 Seidenrock gehüllt und eine hohe Pelzmütze auf dem Haupt, steht mir gegenüber. Er ist müde, krank, aus den Füßen schwach; wir setzen uns nieder. Das Gespräch beginnt. Es scheint ihn zu ermüden. Jedes Wort entringt sich mühsam seinen Lippen. Da lenkt sich unser Gespräch aus den Zionismus, die Colonisation, die Colonialbank. Plötzlich geht es wie ein verjüngender Geist durch diesen altersschwachen Körper. Seine Gesichtszüge beleben sich, die halbgeschlossenen Augen öffnen sich weit und zeigen uns ihren milden, klugen Ausdruck, die Lippen umspielt ein Lächeln und die zitternde Stimme bekommt einen feierlichen Klang. Dann wird er nicht müde, stundenlang von der Bewegung, ihren Einzelheiten, die er genau kennt, ihren Hoffnungen und Aussichten, aus die er vertraut, zu sprechen. Und seltsam! Er spricht nie von sich selbst, von dem was er selbst geleistet, sondern von den Anderen, den Jüngeren, die in seine Pfade getreten sind und sie weiter verfolgt haben, die vielleicht das ernten werden, was er als einer der Ersten gesäet hat. Die jeweiligen "Nachrichten von den Fortschritten der Bewegung beeinflußen vielleicht seine Laune, aber sie rauben ihm nie den Muth. Ein schlichter, bescheidener Volksmann, dem Reichtum und Macht nicht imponieren, glaubt er an den endgiltigen Sieg des Zionismus, weil er eine Volksbewegung ist. Darum ist auch dieser orthodoxe Rabbiner von einer nachahmenswerten Toleranz in religiösen Dingen. Und es ist keine bloße Phrase, sondern vielmehr ein Beweis glühender Begeisterung und grenzenloser Hingebung für die zionistische Idee, wenn Rabbiner Mohilewer im Laufe unseres Gespräches ausries: „Ich wäre im Stande, für diese Sache mein Leben zu opfern". Aber was er heute nur noch thun kann, ist, dass er den russischen Zionisten, die nichts ohne ihn beginnen, seine weisen Rathschläge ertheilt, ohne sie ihnen jedoch auszudrängen. Die Zeit mahnt zum Abschied. Wer weiß, ob ich den 74 jährigen Greis Wiedersehen werde, der sein geistliches Amt aus den Niederungen des Alltagsgewerbes emporgehoben hat, um ihm seinen reinen, volksthümlichen Charakter wiederzugeben? (Schluss folgt.) m Iudenexreffe in Wielirzka. In der „N. Fr. Presse" sind annäherungsweise die Ursachen gekennzeichnet worden, welche die Judenkrawalle hervorriefen. Die Colportage von obscuren Broschüren und die Aussprengung eines unwahren, aufregenden Gerüchtes! Doch sie liegen viel tiefer und reichen viel weiter, als der kurze Bericht der „N. Fr. Presse" erzählr. Sie datieren von jenem Tage, an dem Gras Tarnowski aus dem Katholikentage zu .Krakau den wirtschastlichen Krieg gegen die Juden proclamierte. Die geistliche und weltliche Aristokratie und die sonstigen clericalen Elemente, die aus diesem Katholikentage, sei es persönlich, sei es auch nur geistig, weilten, empfanden über die Idee Tarnowskis eine lebhafte Befriedigung. Tie hohen Herren waren bis dahin auch nicht von Judenfreundlichkeit durchdrungen, fanden aber keinen ia»da-- procedendi für ihren Antisemitismus. Mit den Juden, nach 'Art der Wiener Christlich-L-ocialen, direct anzubinden, schien zu erniedrigend, dagegen bäumte sich ihr edler, polnischer Stolz auf. Uebrigens wollte sich's ja die «chlachla mit den Juden, mir denen jeder polnische Edelmann in Beziehungen steht, nicht verderben. Und da kam Gras Tarnowski und zeigte den langersehnten Ausweg. Seitdem begann in Galizien ein feines Jntriguenspiel. Mit frommem 'Augenaufschlag, die Schlange im Herzen, ein feines, schadenfrohes und _ steinhartes Lächeln um den Mund, gab man den Juden die Versicherung, dass der 'Antisemitismus dem polnischen Volke immerdar ferncliegcn werde, gieng aber umso energischer daran, der Idee Tarnowskis zum Durchbruche zu verhelfen. Man hatte in fast allen Dörfern und kleinen Städten die bekannten landwirtschaftlichen Gauvereine — sog. kütk;i-rolnicze — ins Leben gerufen, und der angebliche Nothstand in den letzten Jahren bot Anlass, bei den Bezirksausschüssen Verkaufsstellen von allen möglichen Lebensmitteln zu errichten. Um diese Institutionen wirksam, d. h. concurrenzfähig zu machen, werden dieselben subventioniert und wurden für sie bei den Bahnen Refactien erwirkt. Allerdings geschieht dies unter dem Schilde, für die Wohlfahrt des ärmlichen Standes zu wirken, doch wer nicht den Wink versteht, und dazu gehört das Gros der bäuerlichen Bevöllerung, dem wird der wahre Grund verrathen. Und um jedes Misstrauen zu verwischen, das die Bauern bei dem Gedanken empfinden könnten, dass die gestern feindliche Stanczpkenpartei sich plötzlich als Wohlthäterin aufspiele, wird an der Schnur des Nationalitätsgefühls gezogen. Man deutet mit den Fingern auf die Juden und sagt: Das sei der gemeinschaftliche Feind, den man verfolgen und bekämpfen müsse. Lassen wir — Polen und Christen — jetzt den Familienzwist ruhen, gehen wir gemeinsam vor'. Das ist das Hauptziel, welches man verfolgt, und wenn kein anderes Mittel hilft, dann thut's der nationale und religiöse Chauvinismus. -Also begann in Galizien der Antisemitismus öffentlich aufzutreten, angefacht von der Schlachta und der Stanczykenpartei in der Absicht, es noch einmal zu früherem Einsiuss zu bringen. Dann kam Stojaiowski, der sich durch seine rastlosen Agitationen in Westgalizien und namentlich in dem hiesigen Wahlbezirke einen riesigen Anhang verschaffte. Er entwickelte anfänglich ein beinahe socialdemokratisches Programm. Er bekämpfte die Regierung, den sie unterstützenden Polenclub und den Clerus. Als er bei den Reichsrathswahlen der mittelbaren und unmittelbaren Mithilfe der Juden bedurfte, heuchelte er sogar Philofemitismus. Dr. Danielak küsste Juden öffentlich, und L. Szponder erklärte einer Judcndeputation in Mak«>w, dass er keine Theilung der Menschen nach Confessionen kenne und dass er fürderhin dem ersten christlichen Gebote: Nächstenliebe, folgen werde. Indessen hatte sich der Wind gewendet. Ein Wortbruch mehr oder weniger, was thut's? Bei Leuten solcher Qualität kommt es darauf nicht an. Der Zweck heiligt die Mittel! Mit der Regierung, tcm Polenclub, dem Clerus hatte sich Stojaiowski ausgesöhnl. Sein Programm war erschöpft. Wollte er sich weiter im 'Ansehen erhalten, dann musste er zu einem die Gesinnungsänderung seiner Partei verbergenden Mittel greifen. Das lange hier bearbeitete Feld der Judenhetze, von welchem er wissen musste, dass es sehr dankbar und hervorragend geeignet ist, die Volksthümlichkeil zu erhalten, schien ihm vorzugsweise ein solches Mittel und — er griff darnach. Von der Zeit an, als hier Pater Stojaiowski und Dr. Daniela! — vor etwa sechs Wochen — Reden hielten, die von Judenhass troffen, und der von bäuerlichen Elementen starkbesuchten Versammlung empfohlen hatten, die Juden mit Rücksicht aus deren Schädlichkeit nicht zu unterstützen, begann es in der hiesigen Bevölkerung zu gähren. Der um diese Zeit ungefähr hierher versetzte Reichsrathsabgeordnete Pater Szponder setzte das begonnene Werk seines Meisters mit besonderer Energie fort. Er predigte den Boycott der Juden auf der Kanzel und verbreitete die Broschüren unter dem Namen „Jüdische Geheimnisse", welche die bekannten Lügengewebe gegen die Juden enthielten, in massenhafter Weise. Tann, als man sah, dass sich die Gemüther im Zustande leichtester Entzündbarkeit befänden, wurde, um der Agitation die nachhaltigste Wirkung zu verschaffen, das Gerücht von der seitens der Juden geplanten Ermordung des jungen und beliebten Pater Szponder ausgesprengt. Was nachher folgte, ist bekannt. Man muss diese wilde Anarchie, diesen schadenfrohen Vandalismus mitangesehen und miterlebt haben, um zu begreifen, wie weit es eine gewissenlose Agitation treiben kann. Man sollte meinen, dass die Agitation nun aus ihren Lorbeeren ausruhen werde, doch sie arbeitet emsig fort. In den letzten Tagen wurden wieder die aufreizenden Broschüren massenhaft vertheilt und, wahrscheinlich, um den Juden die letzten .Kunden für den Bezirksausschuss und die köik^-rolniczs abwendig zu machen, das Gerücht verbreitet, die Juden hätten aus Rache über die jüngst vorgekornmenen 'Ausschreitungen die Bictualien, die sie für die christlichen .Kunden feilhalten, vergiftet. Diese Lüge ist zwar sehr durchsichtig, findet aber beim unwissenden Mob Eingang. Erfreulicherweise haben sich in den letzten Tagen, mit Ausnahme von vereinzelten Sleinwürsen, die Ruhestörungen nicht wiederholt. Die zahlreichen Verhaftungen, die vorgenommen wurden, tragen zur'Aufrechterhaltung der Ruhe viel bei. Jedoch ist die Besorgnis, dass es zu weiteren Explosionen der aufgestachelten Leidenschaft komuren könne, angesichts der fortdauernden Agitation nicht geschwunden, und sieht man namentlich den Osterseiertagen mit Bangen entgegen. Und nunmehr sei mir die Frage gestartet,'ob es nicht Sache der jüdischen Abgeordneten auf der Polenbank wäre, auf die Beseitigung des durch den Grafen Tarnowski eingefädelten Systems hinzuwirken? Qb es nicht ihre Pflicht sei, auf die strenge Handhabung der Gesetze zu dringen, auch dort, wo es sich um Juden handelt, dass es' nicht gestattet sei, sich auf der Kanzel an den Staatsgrundgesetzen zu vergreifen, und dass die Colportage von aufreizenden Schriften geahndet werde, wo immer sie vockommen möge'; Qder wollen sie lieber, trotz der jüngst vorgekommenen gewaltthätigen "Ausbrüche des 'Antisemitismus ihre philosophische Ruhe bewahren? Tann mögen sie nicht vergessen, dass der Brand, wenn nicht gründlich gelöscht, bald da, bald dort zum 'Ausbruche gelangt. Und die Schuld wird auf diejenigen gewälzt werden, welche möglicherweise imstande waren, ihn zu löschen. Tie jüdischen Abgeordneten mögen trachten, dass ihnen ihre Indolenz nicht einst bitter zum Vorwurfe gemacht werde. W i e l i c z k a , 20. März 18!»8. S i e g m u n d R o s e n z w e i g. Sk

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