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Die Welt · 1898-03-25 · 12 (25.3.1898) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
12 (25.3.1898)
Article
Unter jüdischen Proletariern
Date
1898-03-25
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 12 MW Seite 5 Ben-Avigdor, David Gordon, Jehuda Leib Gord o n, der größte der verstorbenen und Dolicky der größte der lebenden hebräischen Dichter dieses Jahrhunderts, Brandes, B r a i n i n, Fuchs u. s. w. alle diese Publicisten, Erzähler, Dichter haben das Licht der Welt in den engen Ghetti Lithauens erblickt, und dort wurde in ihnen jene jüdische Eigenart erzogen, deren Pflege und Verfeinerung dann zu ihrem Lebenszwecke geworden ist. Trotzdem stellen die lithauischen Juden auch ein sehrgroßes Contingent zu allen Arten des Handwerkerberufes. Es gibt kein Gebiet, das ihnen fremd wäre. Sie sind ein sehr zäher Menschenschlag mir gut entwickelter physischer Kraft und strafen die Theorie Leroy-Beaulieus Lügen, der im Judenvolk nur einen großen Kopf mit degeneriertem Rumpf sieht. In Bialystok gibt es keinen Handwerkerstand, in dem die Juden nicht vertreten wären; auf manchen Gebieten, als Maurer, Kesselschmiede, Cigarrenarbeiter, sind sie ausschließlich und als Handweber in überwiegender Zahl thätig. Welche Uebermacht der arbeitsscheuen Judenfchaft! Denn Bialystok ist eine wahre Judenstadt. Unter 65.000 Einwohnern sind höchstens 5000 Christen. Dies wird dem Ankommenden sofort klar. Die Hotelportiers, die ihn am Bahnhof erwarten, sind durchwegs Juden. Sie schreien und lärmen, einer den andern übertönend, dass man sie gar nicht versteht; wahrscheinlich lobt jeder sein Hotel auf's beste. Dann fährt man in die Stadt. Auch die Kutscher sind mit sehr geringen Ausnahmen Juden. Der kleine offene Wagen, auf dessen ausgewetztem Polstersitz kaum eine Person sitzen kann, das kleine ausdauernde russische Pferd und der Kutscher im hohen „Kolpak"** und einem vom Strick zusammengehaltenen weiten Mantel bilden ein typisches Ensemble. Es geht bergauf, bergab in gefährlichen Schwankungen und daneben trappeln die glockenbehängten Rosse der Trambahn, des überraschenden Culturschimmers dieser großen Kleinstadt. An zwei hölzernen Triumphpforten, die als Erinnerungszeichen an den jüngsten Besuch des Czars so lange hier stehen werden bis sie von selbst verfallen, vorbei, erreichtmandieStadt. Ihren Mittelpunkt bildet ein viereckiger RingplatzunddessenschönsteZierde ein hoher Thurm, um den herum jüdische Kaufleute allerhand Warenlager haben. Hier, sowie in den umliegenden Gassen herrscht ein äußerst reges Leben. Rur die zahlreichen jüdischen Lastträger und Kutscher stehen apathisch an den Ecken und warten aus Beschäftigung. Die Arbeiter sitzen trotz des Sonntags in ihren Werkstätten, oder an den Webstühlen oder in der großen Cigarren-Fabrik von Janowski, da sie gestern geruht haben. Die Arbeitsscheuen oder Arbeitsunfähigen wärmen sich im „Klaus". Das ist die inossicielle Wärmestube. An den zwei großen, bis an den Plafond reichenden Kachelöfen, in denen den ganzen Tag das Feuer genährt wird, befinden sich breite Holzbänke. "Wer sich früher einstellt, kann hier sitzen, eventuell Nachmittags auch schlafen; alle anderen sitzen auf den Bethausbänken oder stehen herum. Mann findet hier Greise, auch Männer in mittleren Jahren, ja sogar Kinder, deren Eltern nicht das Schulgelo für das „Cheder" erschwingen können. Und ein Schulzwang besteht ja in Russland nicht. Plötzlich hört man von draußen ein Weinen und Klagen in den jämmerlichsten Tönen. Ich eile hinaus. Da lausen einige Frauen in die große Synagoge, um vor dem geöffneten „oren kodesch" *** bte Gesundheit ihres schwerkranken Vaters und Mannes von Gott zu erflehen. Die Synagoge, die vor mehr als hundert Jahren der Wojwode Gras Bra nicki „seinen" Juden erbaute, ist ein großer Raum mit einer Gallerie für Frauen, aber ohne monumentalen Zierath und innere Ausschmückung. * * Pelzmütze. * * * Thoralade. Nur die Holzschnitzereien an der Thoralade sind herrlich, und ich sah noch nirgends ihres Gleichen. Draußen vor dem Bethaus steht ein Weib mit ihrem Kram. Er enthält Gebetbücher, Gebetfäden, daneben auch Erzählungen im Jargon. Die modernen Jargon-Dichter sind jedoch hier nur spärlich vertreten. Im großen Hausen von Heftchen über Wunderrabbis, verhexte" Prinzessinnen finden sich kaum zwei Erzählungen von Perez und Spektor aus dem jüdischen Volksleben. Beide kosten 8 Kopeken. Sonst hat sie nichts Neueres. Sie müsste erst zu Hause nachsuchen. Es war 11 Uhr Vormittags. Die Frau hatte noch nichts verdient. Sonst beziffert sich ihre Tageseinnahme aus 15 bis 20 Kopeken. Nur vor den Feiertagen und am Freitag verdient sie etwas mehr. Im Allgemeinen sind hier die Frauen sehr stark geschäftlich thätig. In einem großen Hofe, wo Fische — zumeist todte — verkauft werden, stehen die Frauen bei den mit Eis bedeckten Bottichen; auch sie bieten auf dem großen Marktplatz in Holzzelten Geschirr und Lebensmittel seil oder stehen in den engen Gässchen, trotz der strengen Kälte mit ihrem Kram, der höchstens drei Rubel wert ist, und von dessen Erträgnis eine ganze Familie leben soll. Wir sehen da Mädchen, Frauen und auch Greisinnen. Kann eine nicht mehr unter freiem Himmel sitzen, so miethet sie sich in irgend einer Baracke ein. Das kostet, wie mir eine alte Cigaretten-Verkäuserin erzählt — 40 Rubel jährlich, und da sie noch für das Patent das Gleiche zahlen muss, was bleibt dann für sie? Fürwahr, solch' einen wirtschaftlichen Heroismus finden wir nur beim jüdischen Ghettoweib! Und noch besser als der Pole Okonski in seiner Novelle „Chava Rubin" hat uns Ben Avigdor in seiner hebräischen Erzählung „Lea, die Fischhänolerin" diese Rolle des jüdischen Weibes im Kampfe ums Dasein geschildert. An einer Brandstätte vorbei, wo unlängst das Feuer um Mitternacht vierundzwanzig Familien aus einigen baufälligen Holzhütten verscheucht hat, dass sie obdachlos blieben, gelangen wir aus dem Centrum des regsten Geschäftsverkehres in die schmale und steile „Handelsgasse", in der wohl nur hie und da einige Leute Zusammenkommen, um von Geschäften zu sprechen. Hier wohnt Rabbiner M o h i l e w e r. Wohl selten genießt ein Rabbiner so sehr die unbestrittene allgemeine Achtung und Verehrung wie dieser greise Mann. Nicht blos wegen seiner zionistischen Gesinnung, der großen Opfer, die er für die Bolkssache gebracht hat und des unermüdlichen Eifers, mit dem er noch immer alle Details der Bewegung verfolgt, sondern noch mehr wegen seiner Selbstlosigkeit, seiner Wohlthätigkeit und der strengen Auffassung seiner Amtspflichten. Als Rabbiner Mohilewer im Jahre 1883 aus Radom nach Bialystok kam, da brachte er ein Vermögen von 40.000 Rs. mit; heute hat er es nicht mehr. Er lebt lediglich von seinem Gehalt, und die Einkünfte aus Eheschließungen, Ehescheidungen u. dgl. überläßt er den Rabbinats-Assessoren. Handelt es sich um eine wohlthätige Sammlung, so ist er an der Spitze. In dem mit bürgerlichem Comfort eingerichteten Empfangszimmer einer bescheidenen Wohnung hatte ich die Ehre, von Mohilewer empfangen zu werden. Es war gerade zwei Uhr Nachmittags, und er nahm erst das Frühstück ein. Während ich wartete, hatte ich Zeit, mich im Zimmer umzusehen. Zur Linken ist das Schlaf-, zur Rechten das Conferenz-Zimmer, wo sich gerade die Rabbinats- Assessoren, zwei wohl gepflegte, ganz nüchtern aussehende Männer mit einigen Leuten lebhaft unterhielten. An den Wänden des Salons hängen das Porträt Montefiores, das Bild der zweiten Conferenz der „Chovevi Zion" in Odessa und das eigene Porträt Mohilewers, ein Stahlstich. Ein runder Tisch, ein Teppich, einige Fauteuils und ein Bücherschrank vervollständigen die Einrichtung. Doch bald öffnet sich links die Thüre, und ein gebückter Greis mit langem weißen Bart, in einen langen

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