Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 11 (18.3.1898)
- Article
- Eine Vorrede
- Date
- 1898-03-18
- Page
- 13 (sequence 1)
- Language
- German
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Skr. 11 J*£Wdr Seite 13 fenil Eine Vorrede. ) Von Bc» Ami. Vorliegende Erzählungen sind den jüdischen Lesern mehr oder weniger bekannt, selbstverständlich denjenigen, welche dem Leben ihres Volkes Interesse zuwenden. In diesen Erzählungen bemühte ich mich, das Leben unserer Volksmasse oder richtiger gesagt, diejenigen Seiten dieses Lebens, die mir mehr bekannt sind, nach besten Kräften und bestem Wissen zu schildern. Ich schildere sie so, wie ich sie kenne, nicht als indifferenter, fremder Beobachter, sondern als Leidensgefährte, welcher gleich den anderen Alles gelitten und erduldet. Es will damit jedoch keineswegs gesagt sein, dass der Verfasser thalsächlich überall handelnde Person gewesen: die Erzählung spricht größtentheils in erster Person aus dem Grunde, weil mir diese Form als die allereinfachste und natürlichste erscheint. Ich sagte oben, dass ich das Leben unserer Voltsmasse schildere. Dieser Ausdruck ist jedoch nicht präcise zu nehmen. So ein Leben führt nämlich die überwiegende Majorität des Iudenthums, das in dieser Hinsicht keine Standesuntersch rede kennt. Traurig und jammervoll ist dieses Leben, eine Kette von Kummer und Entbehrungen. Ter harte Kamps ums tägliche Brot, der von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde immer erbitterter wird, hat jedoch die Volksseele nicht getödtet. Sie lebt noch und ist für alles Edle und Erhabene empfänglich. Im tiefen Innern dieser Seele glimmen noch die alten Volksideale, leben noch fort die alten Hoffnungen und Erwartungen — das erhabene Erbe der großen Leidträger unseres Voltes — der Propheten. Dieses ist auch die einzige, erfreuliche Erscheinung geistiger und idealer Art, die wir im Leben des Judenthums wahrnehmen. Das ist ein bodenloser dunkler Abgrund von Leiden, über dem am Horizonte in unabsehbarer Höhe hie und da zwischen den dicken schwarzen Wolken helle Sternchen schimmern. Sowohl einzelne Personen, als auch ganze Menschengruppen sind zur allermöglichsten „Accomodation" bereit—im Glauben, eine Erleichterung des Lebens dadurch zu erzielen. Zu diesem Zwecke treten sie bald als feurige Deutsche, Polen, bald als eifrige Magyaren, Czechen —; mit einem Wort in allen möglichen Gestalten auf, je nachdem es erforderlich ist. Das Volk hingegen fährt fort, sein eigenes Leben zu führen. Es denkt nicht daran und macht sich keine Sorge darüber, ob sein Dafein irgend Jemandem erwünscht ist. Es besitzt im Gegentheil das Bewusstsein, dass sein Dasein viel weniger als erwünscht ist. Und dieses Bewusstsein dient ihm eben als mächtiger Impuls, sein Dasein umso höher zu schätzen. Der Volksinstinct ist im Allgemeinen edler als vorsätzliches Philosophieren jeder Art, weil er eben Instinct ist, d. h., eine natürliche mitgeborene Erscheinung, nicht aber etwas Erkünsteltes, für den Nothfall Erdachtes. Der Schriftsteller-Jude, der seine literarische Tätigkeit seinem Volke widmet, spielt meistentheils die Nolle eines „Vertheidigers" der Juden. Welches literarische Gebiet er auch betrete, er führt stets „die Vertheidigung" im Schilde. Selbst wenn er sich ausschließlich an Juden wendet, in einer der nichtjüdifchen Welt vollständig unzugänglichen Sprache sie anredet, z. B. in der hebräischen, auch dann schaut sein geistiges Auge auf „sie", die sichtbaren und unsichtbaren Feinde Israels. Das deutliche Streben „sie" zu überzeugen, „ihnen" zu beweisen, sich vor *) Erscheint als Einleitung im ersten Bande der gesammelten Werke des in Russland sehr bekannten Erzählers Ben Ami. lelon. „ihnen" zu rechtfertigen, bei „ihnen" Mitleid zu eregen u. s. w. bekundet sich in jeder Zeile. Ich gestehe offen, dass diese verschiedenen Methoden von „Vertheidigung", dieses Streben zu überzeugen rc. stets sehr unangenehme und niederdrückende Empfindungen in mir wachriefen. Es gibt wohl nichts Beleidigenderes und Erniedrigenderes für die Würde eines Menschen, als wenn Jedermann es für nöthig erachtet, ihn zu rechtfertigen und zu vertheidigen, ja um Verzeihung zu bitten für die unverzeihliche Anmaßung, dass er sein Dasein fristen will. Der Gedanke als „Vertheidiger" aufzutreten, ist mir also nicht nur fern, sondern geradezu widerlich. Am allerwenigsten liegt es in meiner Absicht zu „überzeugen" oder zu „beweisen". Ich glaube entschieden nicht, dass wir uns Jemandem gegenüber schuldig zu fühlen haben: andererseits ist es mir absolut gleichgiltig, was man über uns denkt. Die geltende Meinung über uns hängt ja nicht von uns ab, viel weniger von unseren Handlungen und am allerwenigsten von unseren zudringlichen Auseinandersetzungen und Erläuterungen. Wenn ich bestrebt war, irgend Jemandem Sympathien einzuflößen für unsere tiefunglücklichen Massen — welche die niederdrückende Last des jüdischen Kummers und der Nolh zu ertragen hat — so ist es nur den Juden selbst und zwar denjenigen zahlreichen „Culturjuden", die auf einmal zu Beschützern fremder Weinberge wurden und ihre eigenen der Willkür des Schicksals überließen. Ich spreche nicht von den Reptilien aus unserem goldschimmernden Gesindel, die aus elender, verabscheuungswürdiger Ruhmsucht, auf eine „herrschaftliche Gnade" oder gar ein „herrschaftliches Lächeln" hoffend, sich denjenigen als Wohlthäter aufdrängen, die ihrer am wenigsten bedürfen. Diese Elenden vergeuden Zehntausende zur Herausgabe von Werken, die ihnen unverständlich sind, Hunderrtausende zur Errichtung von Schulen, Asylen, Anst-üKa re., welche vorzüglich ohne Hilfe dieser jüdischen P'anderer eingerichtet werden könnten. — Vergebens. S'e blenden Niemanden, leiten Allemanden irre durch diese großen Spenden. Die Letzteren gehören in die Reihen derjenigen, die in den Tempel nicht aufg now.-wn wurden... Es bleibt wohl für Niemanden ein Geheimnis, dass der Impuls jener Handlungen nicht Seelengröße, sondern Niederträchtigkeit ist. Der Edle bringt seine Gaben dem Schwächeren dar, nicht aber dem Stärkeren. Glicht von jenen Abtrünnigen will ich sprechen, welche sowohl von Denjenigen, die sie verlassen, als auch von Denjenigen, denen sie sich aufdrängen, verachtet werden. — Ich behalte diejenigen Juden im Auge, die sich fremden Weinbergen aus dem Grunde widmen, weil sie vom Dasein der eigenen nichts ahnen oder ihren traurigen Zustand nicht kennen. — Ja, wenn die Juden selbst von wahrer Liebe zu ihrem Volke und dem Judenthum durchdrungen wären — wäre uns schon geholfen. Wir müssen unsere Rettung nicht von Anderen erwarten. Dieses ewige Warten auf fremde Gnaden, dieses ewige Betteln um Gnadenbrod am herrschaftlichen Tische lähmt unsere moralischen Kräfte, entartet unseren Charakter, verleitet uns zu vielen unwürdigen, niedrigen Zügen. — Unsere Hilfe, unsere Rettung ist in uns selbst zu finden. Nur die Hilfe, die wir uns einzig und allein selbst schaffen, kann uns geistig und moralisch stärken, uns in eigenen und fremden Augen erheben und uns allen anderen Völkern gleichstellen. — Wertvoll und giltig sind nur solche Rechte, welche einem Volke die Möglichkeit bieten, frei und felbsrständig seinen Geist zu entwickeln und die ihrer Eigenart wegen nicht als Geschenk eingeräumt werden können.