Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 10 (11.3.1898)
- Article
- Das neue Ghetto
- Date
- 1898-03-11
- Page
- 16 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315753-3357971--04818-3358046- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
J*&vwr Nr. 1» mm Schromm. Werde mich erkundigen. Charlotte. Sie begreifen: bei Kindern ist's wichtig. Man will ihnen doch eine feinere Erziehung geben. S ch r 0 m m. Das begreife ich . . . (Schlägt die Absätze aneinander, neigt den Kopf vor Charlotte, geht zur Thür rechts.) Rheinberg (ihm nach). Sie gehen wirklich schon, lieber Rittmeister? Schromm. Ja, mein Lieber. (Händedruck.) Es sind mir zu viele — Leute da. . . Wiedersehn! (Ab.) Wasserstein (der den beiden nachhorchte, zu Rheinberg). Er hat sagen wollen: zu viel Juden! Rheinberg (streng). Wasserstein, Sie sindein Esel! Uebrigens — wenn mein Sie sieht, kann man ein Antisemit werden. W a s s e r st e i n (gekränkt). Herr von Rheinberg! 8. Scene. Friedheimer. Frau Samuel , Hellmann, Samuel, die Vorigen ohne Schromm. Hell mann. Jacques! Der Rabbiner wünscht Dich zu sehen. Jacob (verlässt Franz, geht Friedheimer zwei Schritte entgegen). D r. Friedheimer (Frau Samuel am Arm führend, kommt von links hinten. Die Gäste bilden für ihn eine Gasse, Er nickt einigen würdevoll zu). W a s s e r stein (drängt sich vor). Ich habe die Ehre, Herr Rabbiner. Friedheimer (gibt Wasserstein im Borübergehen die Hand, schreitet würdig weiter bis in die Mitte vorir, wo Rheinberg steht, sagt laut). Herr Rheinberg, ich höre, die Börse ist flau. Rheinberg. Die Baisse wird nicht anhalten. Jacob (zu Friedheimer). Ich traue meinen Ohren nicht, Herr Doctor! Sie interessieren sich für die Börse? Friedheimer (gelassen). Glicht meinetwegen, mein junger Freund — sondern wegen unserer Armen. (Lässt Frau Samuel rechts vorn Platz nehmen, setzt sich dann neben sie. Die anderen schaaren sich allmählich um den Sprecher, aber nicht in weitem Bogen, sondern ganz dichtgedrängt. Einer guckt dem anderen über die Schulter, alle lauschen ehrfurchtsvoll. Sv ist rechts ein Knäuel. W affe rst e in ist der letzte der Mitte zu und macht die längsten Ohren. Links vorn stehen abgesondert Franz und B i ch l e r.) Jacob (steht vor Friedheimer). Friedheimer (ein bisschen salbungsvoll). Ja, wenn es der Börse gut geht, so habe auch ich Geld für meine Armen. Die Börse gibt. Wasserstein. Wenn sie hat. Rheinberg (unwillig mit halber Kopfweudnng). Pschtt! Friedheimer. Eben jetzt brauchen wir wieder viel für die russischen Auswanderer, die wir übers Meerschicken — die Aermsten! . . . Ja, meine Freunde, wir sind noch lange nicht so schlimm daran, wie jene Glaubensbrüder. Wir dürfen wenigstens in unserem Vaterlande bleiben. Jacob. Aber fragt mich nur nicht wie! Friedheimer. Wie immer! Wir genießen den Schutz der Gesetze. Es ist wahr, man sieht uns wieder scheel an — wie in der alten Zeit, als wir im Ghetto lebten. Aber die Mauern sind doch gefallen. Jacob. Die sichtbaren. Friedheimer. Die Bewegung hat auch ihr Gutes. Seit der Antisemitismus im Land ist, sehe ich wieder mehr Frömmigkeit. Der Antisemitismus ist eine Mahnung, dass wir treu zusammenstehen sollen, dass wir nicht dem Gott unserer Väter abtrünnig werden sollen — wie Mancher es that . . . (Beugt sich ein klein wenig vor und blickt nach Bichler hin.) B i ch l e r (zu Franz). Das geht auf mich. Mehrere (schielen verstohlen nach Bichler hin). Friedheimer. Unser Gott hat uns noch aus jedem Mizrajim h inaus - geführt. Und weil wir auf ihn vertrauten, haben wir uns erhalten, mit unseren alten Tugenden. Jacob. Und den alten Fehlern. Frau Samuel (zurechtweisend). Jacob. Friedheimer. Zugegeben . . . Das Ghetto war dumpf und unreinlich, aber es blühten darin die Tugenden der Familie. Der Vater war ein Patriarch. Die Mutter . . . (Legt die Hand leicht auf die Hand der Frau Samuel) lebte nur für ihre Kinder — diese hatten eine ehrfürchtige Liebe zu ihren Eltern. Schelten Sie mir die Judengasse nicht, mein Freund! Es ist unsere arme Heimat. sie nicht! Ich sage nur, wir i• i)kii' schelte I a cob. Ich müssen hinaus! Friedheimer (steht auf). Und ich antworte Ihnen: wir können nicht! Als das wirkliche Ghetto noch bestand, dursten wir es ohne Erlaubnis nicht verlassen — bei schwerer Leibesgesahr. Jetzt sind die Mauern und Schranken unsichtbar, wie Sie sagen. Aber auch dieses moralische Ghetto ist unser vorgeschriebener Aufenthaltsort. Wehe dem, der hinaus will! (Gehr.) Frau Samuel (legt die Hand auf's Herz). Gerechter Gott! Jacob (begleitet Friedheimer zur Thür. Tie Anderen bilden wieder achtungsvoll eine Gaffe). Herr Doctor, diese Schranken müssen wir nur anders brechen, als jene alten. Die äußeren Schranken mussten von außen hinweggeräumt werden — die inneren müssen wir abtragen. Wir selbst! Aus uns heraus! Friedheimer (zuckt die Achseln, schreitet nach dem Ansgang und nickt mehreren mit freundlicher Würde zu). Bichler (vorne zu Franz). Run, was sagen Sie, junger Freund? Franz (sinnend). Es ist eine andere Welt! . . . (Wendet sich mit Bichler nach hinten.) (Ter Vorhang fällt. Ende des ersten Actes.) _(Fortsetzung folgt.)_ Bürtzereinlauf. I. Baudoin de Courtenay: Jetten z objawöw mor;lnosci. Krakow 1898. Rabbiner I. Nobel: Die Orgelfrage. Mainz 1898 The Jewish Question by R. B. Raphael. Herausgeber: P. Nsfchauer. Berantw. Red.: Dr. &t£gm. Werner. Buchdruckerei „Industrie" (S. Bergmann), VIII., Schlosselg. 11.