Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-03-11 · 10 (11.3.1898) · p. 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
10 (11.3.1898)
Article
Das neue Ghetto
Date
1898-03-11
Page
15 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315753-3357971--04817-3358045
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

6. Scene. Jacob, Franz. Jacob (blickt ihnen nach). Frau z.Du schaust den sonderbar an, nicht gar höflich! Jacob. Wenn Du wüsstest, wie es mich noch heute drückt — und ist doch füns Jahre her. Franz. Was war's denn? Kannst es sagen? Jacob. Dir Alles! . . . Du erinnerst Dich an die Krankheit meines Vaters, vor sünf Jahren. F r a n z. Freilich. Damals bist Du mir ja erst so lieb geworden, wie ich Deine Angst um den Vater g'seh'n Hab'. Und die Pflege Tag und Nacht. ME- Jacob. Richtig, das war's. Von den Nachtwachen war ich abgespannt, entnervt. Einmal drängt mich die Mutter, auszugeh'n. Ich lass mich sortschicken, geh' in die Stadt, in ein .Kaffeehaus. Ich setze mich an den Tisch eines Herrn, den ich weiter nicht beachte. Da liegt eine Zeitung. Ich nehme sie. Er muss sich über mich schon geärgert haben und sagt gereizt: „Das ist meine Zeitung!" ... Ich fixier' ihn und antwortete nervös: „Ach was, Ihre Zeitung! Jetzt ist sie meine". - „Liegen lassen!" sagt er mit grober Stimme. „Fällt mir nicht ein!" antworte ich ebenso. - Da ruft er mir drohend zu: „Sie wissen nicht, mit wem Sie reden!" — Ich erwidere höhnisch: „Sie erschrecken mich!" — „Wiederholen Sie das!" sagt er. - „So ost Sie wollen, lieber Herr!" antworte ich. - „Der Teufel ist Ihr lieber Herr!" braust er auf. — „Wissen Sie, wer ich bin? — „Na, na," sag' ich spöttisch, „Sie werden mir's schon sagen". „Da ist meine Karte!" sagte er. Wirft mir die Karte hin, ich geb' ihm meine itnt> geh' weg. Franz. So eine dumme Contrahage! Jacob. Auf der Karte steht: Ritter von Schromm, Rittmeister a. D." — Ich komme nachhaus'. Dem Vater geht es schlechter, die Mutter ist verzweifelt — und mir fällt es schwer aufs Herz. Jetzt soll ich mich schlagen. . . Viel wäre bei der Rauferei nicht herausgekommen. Vielleicht eins über die Finger oder auf den Arm — erstes Blut. Aber ich konnte nicht. . . Der Vater war zum Sterben. Und als am nächsten Tag Schromms Secundanten erschienen — da — habe ich mich entschuldigt. (Bedeckt sich die Augen mit der Hand.) Franz (warm.) Armer Kerl! Jacob. Ich Hab' Dir's damals nicht erzählt — aus Scham. Gibst mir noch die Hand? Franz (protestierend). Aber! . . . (Driickt ihm die Hand.) Wegen so was schlägt sich kein vernünftiger Mann. . . Das ganze war ja eine Dummheit. Das vergisst man. Jacob. Ich nicht. Ich. kann's nicht — weil' ich ein Jud bin. Ihr, Ihr könnt so etwas leichter nehmen. Wenn Du, Franz Wurzlechner, eine solche Geschichte gütlich beilegst, bist Du ein ruhiger, g'scheiter Mensch. Ich, Jacob Samuel, bin ein Feigling. Franz. Unsinn!... Der Rittmeister hat Dich wohl nach Deiner Entschuldigung keinen Feigling geheißen? Jacob i^wild auffahrend). Wenn er's nur gethan hätte'. . . . Nichts! . . . Für ihn war die Sache rit 1er-—lich erledigt. (Zähneknirschend.) Ist auch nicht viel Ehre, sich mit einem Juden zu schlagen. . . Ich traf ihn später manchmal aus der Gasse. Ich war für ihn Luft. Ah, wenn er eine Miene verzogen hätte, ich hält' ihn zerfleischt . . . Nichts. Er war correct! . . . Manchmal ver suchte ich sehr scharf an ihm vorüberzugehen . . . F r a n z. Pfui, anrempeln! Jacob. Er wich mir höflich aus ... Ich konnte ihn doch nicht anhallen, wie ein Irrsinniger. . . (Leise.) Schaust, Franzl, so gibt's einen Ehrenmann, der mich verachten darf. F r a n z. Geh', Du bist ein 'Narr! 7. Scene. Die Vorigen, Schromm mit Charlotte, hinterdrein Rhcinberg, Frau HeUmanu, Wasserstcin und mehrere Gäste, die in discreter Entfernung den Rittmeister scheu und mit unaufdringlicher Bewunderung betrachten. Später Bichlcr, Hermine. Schromm. Ich muss mich leider schon empfehlen. Gnädige . . . Meine Schwester erwartet mich. Charlotte (laut). Die Gräfin Wülckenau? Schromm. Ja. W a s s e r st e i n (zu einigen Gästen, bewundernd, aber leise). Eine Gräfin — psss! Diese G ä st e (wackeln in lautloser Bewunderung mit den Köpfen, das ist jedoch nicht possenhaft zu übertreiben). Charlotte. Ich möchte eigentlich die Gräfin etwas fragen lassen. Schromm (verdutzt). Sie möchten? . . . (Gleich darauf weltnlännifch verbindlich.) Verfügen Sie über mich! Charlotte. Ich soll eine Kinderfrau aufnehmen, die bis jetzt bei der Gräfin war. Ich nehme natürlich nur eine Person, die in guten Häusern diente. 9hm will ich wissen, ob sie verlässlich ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.