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Die Welt · 1898-03-11 · 10 (11.3.1898) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
10 (11.3.1898)
Article
Ein Judenort
Date
1898-03-11
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 10 J?K$WdC Sette 13 den zweihundert Dörfern feines Cornitates. Und doch war er fchon zu Anfang dieses Jahrhunderts in feinen baulichen Verhältnissen, in der numerischen Größe seiner Einwohner, wie in der Ausdehnung seines Handels und Verkehrs als Glied des ungarländischen Culturlebens weit bemerkenswerter als so manche königliche Freistadt. Und warum-wurde er so missachtet? Diese Frage war der Stachel meines Weltschmerzes schon als Knirps von sieben Jahren, als ich Geographie und Landkarte zur Hand bekam, und die erste Regung meines Ehrgeizes war, ein berühmter Geograph zu werden und den ersten Meridian von Ferro nach Lackenbach zu verlegen. Ich stellrediese Frage einmal an meinen Lehrer, und er antwortete mir in aller Gemüthsruhe, wie einer, der im Golus ergraut ist: „Weil Lackenbach ein Judenort ist. Der einzelne Jude hat keine Heimatsrechte, ist nur im Schutz, wie sollte seine Corporation als Theil des Landes betrachtet werden? Und wäre unser Lackenbach so schön wie Jerusalem in seiner Glorie, und die hiesige Synagoge so prachtvoll, wie der salomonische Tempel — so lange sich hier keine .Kirche befindet, ist Lackenbach kein Gegenstand der politischen Geographie." Deutlicher konnte man den Begriff „christlicher Staat" nicht destnieren. Das christliche Bekenntnis macht erst den Menschen, die Kirche nur den Ort, und Lackenbach hatte keine Kirche. Tie wenigen Christen, die da wohnten, eben den Sabbathgebrauch deckend, verrichteten ihren Gottesdienst in einer kleinen Capelle des alterthümlichen Schlosses, und ihr Kaplan pflegte scherzweise zu sagen, das Gebet seiner Psarrkinder sei innerliche r als anderswo. Lackenbach zählte .aber über fünfhundert jüdische Familien. Wie sich der einzelne Jude gegen die Unbill von außen in seinem Hause entschädigte. Und der Ausgestoßene der Gesellschaft innerhalb seiner vier Wände Intelligenz und Wohlhabenheit entfaltete, die in Palästen nicht zu finden war, dass oft fürstliche Personen incognito das Judenhaus besuchten, um da Geld und Geist zu entlehnen, so hat es auch diese Gemeinde im Ganzen gemacht. Für die Geringschätzung von außen hat sie sich desto behaglicher innerhalb ihres eigenen Weichbildes eingerichtet. Schon die Lage des Ortes abseits der Verkehrsstraßen eignete ihn besonders als ein Asyl für Verfolgte und Rechtlose. Und das sollte Lackenbach ursprünglich sein. Es war die jüngste in dem sogenannten Bunde der „Sieben Gemeinden" und aus einer Judengemeinde Oedenburgs entstanden, deren Untergang vor mehr als zweihundert Jahren an einem Versöhnungstage während des Synagogenbesuches von den Bürgern der Stadt beschlossen war, durch einen Esterhazy aber vereitelt wurde, der, wie die Sage erzählt, in einem Traum hiezu ausgesordert, mit seinem Regimente von Eisenstadt nach Oedenburg eilte, bie_ Juden in seinen Schutz nahm und ihnen dann Riederlassungen aus seinen Gütern gab. 'Rach Lackenbach, das damals nichts mehr als eine Prädie mit einem Waldschlosse war, welche erst jüngst Kaiser Leopold 1. vom Grasen Rudasdy, der aus dem Schaffet endete, consiscierte und dem Esterhazy als Lehen gab, giengen die Reicheren ins Exil, die sich den meisten Volkshass zugezogen und außerhalb jeder christlichen Umgebung am Geborgensten waren. Sie legten hier eine förmliche Judenstadt mit schönen Häusern, regelmäßigen Gassen und einem viereckigen Marktplatz an, und bald wurde Lackenbach der Mittelpunkt für den Produktenhandel der ganzen Gegend. Ter ärmere Theil seiner Bewohner sammelte während der Woche bienenartig in den umliegenden Ortschaften, führte es am Freitag nachhause und verkaufte es an die Reichen, die Handelsbeziehungen zum Auslande hatten. Ganze Dörfer fanden als Frächter reichliche Existenz. An Sonntagen, wo jeder Verkehr nach außen gehemmt war, wurde gewöhnlich ausgeladen, und da herrschte ein solch' reges Leben im Orte, wie auf einem bedeutenden Handelsplätze. Hochbepackte Wagen mit Schafwollballen, Rindshäuten, Schaffellen, Knoppern, gegerbtem Leder standen vor den Hausthoren, des Abganges gewärtig, und das Landvolk von den nahen Dörfern wogte wie aus einem Jahrmarkt in den Gassen aus und ab, um Geschäfte abzuschließen oder seine Einkäufe zu machen, denn es gab da Handlungen, wie in der Stadt. Mit dem materiellen Wohlstand dieser Judenstadt hielt das geistige Leben gleichen Schritt. Jede Familie hatte ihren Hauslehrer, welcher die Jugend weit über die damals gewöhnliche Bildungsstufe emporhob. Wenn man Freitag zum Bach gieng, wo die Mädchen die Sabbathlampen putzten, hörte man von ihnen Schillers Gedichte declamieren. Nicht wenige sprachen französisch, und während der französischen Invasion 1S‘<)9 musste ein Lackenbacher Mädchen den feindlichen Soldaten bei ihren Einkäufen behilflich sein, weil sonst Keiner im ganzen Comitate französisch verstand. Die Familie H. ragte an Reichthum und Bildung über alle hervor. Sie besaß in der schönen Hauptgasse das schönste Haus, fast ein Schloss, das seinen mit Ouadern gepflasterten Flur, seine breiten aristokratischen Treppen hatte. Sie fuhr in einer schönen Kalesche und hielt livrierte Bediente. Von ihren Mitbürgern wurde ihr mit einer gewissen ehrfurchtsvollen Scheu begegnet, wie sie unter Juden selten zutage tritt. Das Benehmen dieser Familie im Umgänge war aber auch so exclusiv vornehm, ganz im Style nichtjüdischer Großen, dass auch Christen sie wahrhaft achteten und die fürstlichen Beamten der Umgegend bei ihr nicht bloß in Geschüstsangelegenheilen sondern auch als Hausfreunde vorsuhren. Unter diesen war auch Herr Liszt, fürstlicher Rentmeister in Raiding, einem nur eine halbe Wegstunde von Lackenbach entfernten Dorfe, der mit seinem Wunderkinde Franz diese jüdische Familie öfter besuchte und einmal den Knaben wochenlange bei ihr ließ, weil ihr Clavier ein besseres Instrument war als das, welches er in Raiding hatte, und die Tochter des Hauses, eine gute Clavierspielerin, mehr Muße hatte, sich mit ihm abzugeben als sein Vater. Ob der Heros Franz Liszt, der spätere Abbö Liszt, sich an diese Episode seines Lebens in dem Judenhause zu Lackenbach erinnert hat, weiß ich nicht. Und doch war Lackenbach osficiell nicht einmal als Tors anerkannt! Außer diesem Stachel bekamen aber die Lackenbacher Kinder nichts vom Judenhass zu fühlen, wie die Kinder anderer Judengemeinden. Die wenigen christlichen Kinder, die da existierten, küssten sogar dem Rabbiner, wenn sie ihm in der Gaffe begegneten, die Hand, die jüdischen und christlichen Mädchen, die Burschen beider Religionen duzten sich untereinander. Seine Söhne, die Lackenbach in die Fremde schickte, hatten in der Thal nicht das scheue Wesen, das dem Ghettogebornen anhaftet. Mit demselben Stolze, wie der Römer sein „civis Homr.mis?uin", sagte ich: „Ich bin ein Lackenbacher!" Und so war mein Herz von Liebe zu Lackenbach erfüllt, dass ich diesen Namen in allen Schriftarten unzähligemale aus jedes Umschlagblatt der Folianten schrieb, die mir als Bachur in die Hand kamen. Ich glaubte, Lackenbach damit zu verewigen, die Kenntnis davon von Generation zu Generation der Pressburger Jeschibah zu überliefern: und nun soll Lackenbach einen ganz anderen Namen bekommen, dass schon das nächste Geschlecht nicht mehr wissen wird, dass ein Lackenbach existierte! Ich möchte mich mit diesem Schmerz noch versöhnen, wenn ich nur wüsste, dass dieser Judenort unter seinem neuen Flamen osficiell mehr gewürdigt würde, als unter seinem bisherigen '.Kamen Lackenbach und wenigsten einen Platz in der Geographie und aus der Landkarte fände.

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