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Die Welt · 1898-03-04 · 9 (4.3.1898) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
9 (4.3.1898)
Article
Georg Hirschfeld
Date
1898-03-04
Page
5 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9 jPK^war Seite 5 Eben so viel wie durch seine Werke aber bedeutet dieser junge Dichter durch seine einzige edle Persönlichkeit: und eben so viel wie sein Werden und Sein schon sein Erscheinen. Georg Hirschfeld, sagte mir jüngst ein Berliner Kritiker, Hab? allein durch seine Existenz den Antisemitismus entwaffnet, durch den tiefen Ernst feines Strebens, durch seine schöne sanfte Gläubigkeit: und so habe er dem Judenthum unendlich viel Achtung zurückgewonnen. Das mag ja nun in der rauhen und rohen Welt unserer Wirklichkeit selber ein idealer Glaube sein, für den der Betreffende selig zu preisen wäre: aber gar wohl könnte es so sein. Der junge Dichter brauchte sich defs gewisslich nicht bewusst zu sein. Er spricht kaum jemals vom Judenhass: nur einmal, am Schluffe der „Agnes Jordan", wo sein Lyrismus allen organischen Bau des Dramas überflutet, bricht es vielleicht hervor: „.Das ist die lebendige Berührung der Natur — das Unzerstörbare, das uns alle gleich macht vor dem Schöpfer." Undeutlich: wie doch wohl auch seine allgemeine Melancholie aus dem Ahasvergefühl aufgestiegen sein mag. Er ist als Dichter kein Politiker und auch kein Zionist: aber ein Zionist mag vor dieser seltenen Erscheinung wohl an die ergreifend schönen Weisheitsworte denken: „Wer über den Untergang Jerusalems trauert, wird es erleben, seine Wiederherstellung zu sehen." -4L Pariser Briefe, i. Wie Herr B e r n h e i m den Polizeipräfecten bewogen har, der Demolierung, welche sein Haus bedrohte, vorzubeugen, dürfte Ihren Lesern bekannt sein. Er schrieb ganz einfach an den Präfecten: „Wenn die Manifestationen vor meinem Hause nicht aufhören, so werde ich die zweitausend ftanzösischen Arbeiter, die in meinem Hüttenwerke beschäftigt sind, entlassen müssen: sie mögen dann in den Straßen von Paris feiern." Das wirkte. Zweitausend Arbeiter, welche durch die Lässigkeit der Behörden das Brot verlieren, plötzlich auf das Pflaster geworfen zu sehen, das wollte der Präfect nicht auf sich nehmen. Die Manifestationen hörten auf. Man hat übrigens jetzt anderes vor, als diese im Grunde genommen nicht so erfolgreichen Manifestationen. Die antisemitischen Blätter haben eine neue Taktik angenommen. In kluger Boraussicht einer zweiten Bartholomäusnacht, die eventuell rascher kommen könnte als heute angenommen wird, bezeichnen sie ihren Lesern die großen Gebäude der jüdischen Banken oder solcher, welche sie dafür halten oder zu halten vorgeben. Bei dieser Gelegenheit muss ich bemerken, dass diese Häuser auch bereits durch Kreidestriche bezeichnet waren, was entschieden noch gefährlicher ist, als der Hinweis der Blätter. Unter den angegebenen Häusern befand sich auch das eines holländischen Juden, namens Z a d o ck s. Ter Chef des Hauses beeilte sich an die Journale einen Protest einzusenden, in welchem er erklärte, dass an dem Bestände seines Hauses mehrere hohe Persönlichkeiten, Ritter der Ehrenlegion, ganz waschechte Franzosen, interessiert seien; „daher", fügte er bei, „werdet ihr ein Präjudiz gegen diese Leute schaffen, wenn ihr mein Haus ruiniert." Wenn sich Bernheim hinter seinen 2000 ftanzösischen Arbeitern versteckte, warum sollte Zadvcks nicht die ehrenwerten Ritter der Ehrenlegion als Deckung benützen? So schauen unsere Waffen und unsere Wehr am Ende des XIX. Jahrhunderts aus. — Welch' ein wohlthuender Contrast zum Mittelalter! Damals zwang man uns, an unseren Kleidern ein Stück gelben Stoffes zu tragen, in Form einer Scheibe oder eines Rädchens, um uns dadurch zu erniedrigen und gleichzeitig kenntlich zu machen, dass die Massen uns leicht finden könnten. Jetzt existiert der gelbe Fleck nicht mehr . . . doch nein, das ist ein Jrrthum. Da muss man das lesen, was zwei ftanzösische Juden im „Univers i$rae!ite~ schreiben. Ein Leser beklagt sich bitterlich in dieser Zeitschrift, dass die Namen der ftanzösischen Juden so sehr dazu geschaffen seien, sie im Privatleben zu genieren. Und in der That, hört man denn nicht wirklich oft die Namen, Lövy, Cahen, Bloch, Dreyfus rc. Für diesen Leser sind schon die viamen dieser Art „allein ein Unglück für ihre Träger." Er spricht den Wunsch ans, dass das Centralconsistorium beim Justizminister die Erlaubnis erwirken möge, dass man diese Namen in andere nmändern dürfe. Diese Idee hat einem der Hauptmitarbeiter des ,,Univers israelite“, — der Mann unterzeichnet seine Artikel mit R. T. — außerordentlich gefallen. In einem großen Artikel unterstützt er diesen Vorschlag auf's Wärmste. Er stellt sich aus den Nützlichkeitsstandpunkt und meint ganz naiv, es sei doch vernünftiger, den Beleidigungen aus dem Wege zu gehen, die man provociert, wenn man diese unglückseligen Viamen Levy, Cahen :c. führe. Er fügt hinzu, dass es ihm widerstrebe, einen Namen zu tragen, der ihn ebenso von den anderen unterscheide, wie dies einst durch den gelben Fleck geschehen sei. Dieser Fleck lebt nach seiner Ansicht in den jüdisch klingenden Namen eigentlich ewig fort. Es ist eigenthümlich, dass wir Zionisten, die wir angeblich mit der Religion unserer Väter auf so schlechtem Fuße stehen, den Herrn R. T., der im „Univers israelite“ die Fahne de» Judenthums hoch hält, erst daran erinnern müssen, dass es gerade die Namen Kohn und Löwy sind, welche von den Juden mit Vorliebe angenommen wurden. Erinnerten sie doch an zwei fundamentale Institutionen der heiligen Schrift. Wie kann man das Schändlichen, das uns die Völker aufgezwungen haben, auch nur in einem Athem nennen mit diesen Namen, welche die Juden als heilige Erinnerungszeichen selber gewählt haben — in der Hoffnung ihrer stets würdig zu bleiben, sie zu verdienen? Aber solche Bedenken kommen natürlich bei solchen Leuten nicht in Betracht. Für die Juden vom Schlage des Herrn R. T. kommt es nur darauf an, möglichst wenig zu leiden für ihre Abstammung, oder, wie diese Leute consequent sagen, für ihren „Glauben." Wir meinen, dass der gläubige Jude, der, für den der „Glaube" keine leere Phrase ist, nie so empfindlich war und ist gegen diese kleinlichen Leiden; im Gegentheil, die haben ihn in seinem Glauben nur gestärkt. Freilich, die gläubigen Juden von heute und von früher! Es wäre leider noch manches Aehnliche zu berichten. Doch das im nächsten Brief. Znm Theil wenigstens: denn sein Hauptinhalt wird der Bericht über den Ausgang des Zvlaprocefses fein. II. So ist also znm zweitenmale der Vorhang über die Scene gefallen, welche uns das erschütternde Trauerspiel „Tie Dreyfus.- asiaire" vorgeführt hat. Viel hat sich in der Zeit zwischen dem Process Esterhazy und dem Procefs Zola geändert. Mancher Lichtstrahl fiel in diese dunkle Angelegenheit. Wohl ist die Lösung des Treyfusrärhsels noch in weiter Ferne; aber wir Inden können doch schon aus dem, was bis jetzt geschehen ist, unsere Schlüsse ziehen. Tie letzten vier Monate waren fiir jeden Beobachter sehr lehrreich. Am allermeisten in die Augen fallend ist der plötzliche vlusbrnch des vlntisemitismus. Damit soll nicht gesagt sein, dass bis dahin die Judophobie in Frankreich nicht existierte. Was aber da zum Vorschein kam, diese heftige und gefährliche Form, die har man noch selten zu beobachten Gelegenheit gehabr, nicht nur im Lande der Revolution, sondern auch in jenen Ländern, die man sonst hochmüthig als „barbarisch" bezeichnet. Tie Juden geben sich in ihrem Spporrnnismus gewöhnlich nicht die Mühe, den vielfachen Verwicklungen des jüdischen Lebens uachzngehen, und deshalb wird es gewiss auch unter ihnen Leute geben, welche die Assaire Dreyfus, wie sv viele andere Geschehnisse, vorher als eine vorübergehende Wolke an dem sonst ungetrübten Himmel des jüdischen Lebens betrachten werden. Anderer Anschauung müssen die Inden sein, welche sich bemühen, der Causalität der Geschehnisse nachzusorschen. Dieses Bestreben ist es ja vornehmlich, das die Zionisten leitet. Das ist's auch, was die zionistische Bewegung zu einer für das jüdische Volk so wichtigen macht und das sie von vornherein davor schützt, gleich anderen Bewegungen im Judenthume nur ein ephemeres Dasein zu führen. Deshalb haben besonders die Zionisten die letzten Vorgänge in Frankreich jmit dem größten Interesse verfolgt. Sie haben

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