Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 9 (4.3.1898)
- Article
- Georg Hirschfeld
- Date
- 1898-03-04
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. S panieren, wie es dem Berthold Auerbach Treitschke vorwirft. Auf diesen vorbereiteten Boden, nach dem der Geist der Zeit hinwehte, tritt ein junger, ungewöhnlich talentierter Berliner Dichter, Georg Hirschfeld, als erster von allen jüdischen Dichtern; und das gibt ihm neben seiner literarischen Bedeutung, eine, ich möchte sagen culturhistorische Stellung. In ihm findet zum erstenmal das moderne Judenthum einen dichterischen Ausdruck. Fünf Werke kommen bislang für seine Charakteristik in Betracht, und von diesen stellen drei („Zu Hause", „Die Mütter", „Agnes Jordan") das Menschliche, Allzumenschliche der jüdischen Existenz dar: zwei („Steinträger Louise", „Der Bergsee") die erhabene Idee des Judenthums, die man die christliche Idee gewöhnlich nennt. Dort, wo der Dichter das Alltagsleben des Judenthums schildert, zeichnet er das Milieu des Berliner jüdischen Mittelstandes. Kaufleute sind es zumeist, selbständige Geschäftsinhaber und kleine Agenten; und die Aerzte und Rechtsanwälte bilden die Aristokratie dieser kleinen Welt. Da spielt der Hausdiener des Geschäftes eine geradezu familiäre Rolle; mit allen Familienereignissen ist das Geschäft verknüpft. Wenn sich die Töchter des Hauses verheiraten, dann muss das Geld für die Mitgift aus dem Geschäft „herausgezogen" werden; und mannigfache geschäftliche Actionen knüpfen sich an das Herzensereignis. Und später in der Ehe, im Verhältnis der Kinder und der Eltern, der Schwiegereltern, ist das Familienleben das halbe Geschäftsleben; ein Bankerott stellt hier das antike Fatum dar. Enge Wände und Schranken steigen vor dem Geiste des Lesers aus den Blättern dieser Milieudramen auf; aber wundersame, sanfte, goldene Linien zugleich, die eine edle vornehme Künstlerhand geführt hat. Was diese Linien golden macht, ist da nicht einmal Lebensfreude, sondern eine beinahe wehe Lebensinnigkeit. So gelingen ihm Gestalten wie der alte Sommer in „Agnes Jordan", Rolf Munk in den „Müttern", und der alte Dörgens und Ludwig in „Zu Hause." Wenn der alte Dörgens dem kranken Trudchen gute Nacht sagt, dann spricht er „mit übersprudelnder Zärtlichkeit: „Na, Gutenachtchen, mein Herzchen . . . schlaf wohl... so .. . ich wer' dir die Hand über die Decke ziehen — so, mein Liebchen . . . schlaf wohl." Und das kranke Kind nennt dann auch der Student „unser junges Huhn, unser Goldchen." In den. „Müttern" fragt Robert, der verlorene Sohn, seinen Freund Rolf, der ihn in's Elternhaus zurückgesührt hat, ob er einmal geliebt habe, und erfährt so von der Herzensneigung zwischen seinem Freunde und feiner Schwester. Robert: „Hast Du geliebt"? Rolf: „Run fragst Du doch"? . . . Robert: (leise) „Hete"? Rolf: (leis humoristisch) „Sie hat mich auch gerührt . . . Das muss wohl Liebe sein". Robert: (sieht ihn starr und lange an — Thränen steigen ihm in die Augen) „Das ist schön — Das ist wunderschön" — Solch' unsagbare Zartheit und Zärtlichkeit der Empfindung, die diese doch eigentlich sitteudramatischen Darstellungen in das Gebiet der Poesie hinaufhebt, ist bisher die ausgeprägteste Eigenart des jungen Dichters. Er ist der geborene Idylliker. Von den Empfindungen allen, die aus dem Haffe aussteigen, vom Großen, von den Convulsionen, die die jüdische Seele durchmachen muss, von leidenschaftlichem Assimilationsstreben und leidenschaftlicher Enttäuschung und Demüthigung, von alledem wusste der junge Dichter noch nichts zu offenbaren; aber was eben infolge jener bitteren Kämpfe der jüdischen Seele in wundersamer Neinbeit und Helle crstrablt, der Port des Familienlebens, musste in ihm den congenialsten Poeten finden. Wie viel mehr muss es seine jungen Juden beglücken, wenn sie in dem Umkreis ihrer heimatlichen Cultur bleiben, als wenn sie mit einer fremden Classe milfühlen und mitleben wollten. Daraus könnte immer doch nur ein beinahe gewaltsamer, krampfhafter Aufschwung sich erheben, nimmer könnte ihn eine tiefe, innige Daseinsfreude durchdringen. 9hm steht Georg Hirschfeld so zu seinem Milieu, und das lässt um seine Darstellungen etwas wie einen heiteren hellen Schleier wehen. 9hm ist doch aber auch bei der Forderung strengster Wahrhaftigkeit der jüdische Dichter durchaus nicht auf die naturalistische Darstellung seines besonderen Milieus verpflichtet und beschränkt, sondern, sobald er sich in die anmuthigen Gefilde der Gefühlsdichtung begibt oder in die erhabenen der Gedankendichtung, verlöschen alle localen und ethnographischen Besonderheiten und das allgemein Menschliche regiert allein. Dort allein entstehen die Werke, die jeder nationalen Literatur die höchste Weihe geben und zugleich der ganzen Welt angehören; sie können jetzt noch das nationale Colorit tragen wie der Faust, oder der Werther, aber sie können ihren Stofs auch aus einerganz fremden Geschichte oder Ueberlieferung nehmen, wie Iphigenie, Tasso. -Nathan der Weise. Doch immer, in diesen hohen Gefilden a u ch, sind die Dichtungen jetzt nur durch die allerfeinsten Fäden mit der Rationaliät des Dichters verknüpft. So führt uns auch ein wunderliches, symbolistisches Buch des jungen Dichters, der „Bergsee", das den Kampf zwischen Christenthum und Thiermenschlichkeit darstellt. dorthin, wohin uns seines Darstellungen des jüdischen Alltagslebens führten. Es ist ein unorganisches Werk und die kostbaren feinen Fäden bilden ein recht verworrenes Gewebe; aber da sie allefammt vom tiefsten Kerne seiner Persönlichkeit auslaufen, so leiten sie doch ebendorthin zurück. Zu einer gleichsam überirdischen rührenden Mitleidsliebe' für Alles, was klein und zart und gebrechlich ist. Wenn dort der junge Faber von seiner Braut daheim in Deutschland schwärmt, ihr Gang wäre das Bezaubernde, dann muss er hinzusügen: „Selbst so sicher schön und doch empfindungsvoll — und so rein menschlich, ohne Vorwurf für alles'Plumpe und Gebrechliche, das ihr begegnet. Auf einer Brücke; . . wie sie-mal einem Bettler, der mit Krücken' daläg,' was in den Hut. warf und dann weitergieng. Das'war so rein! Zum Weinen . . ." Und lieblich erzählt der alte Wal and von dem lahmen Mädchen „aus feinem Hause": „Es fiel mir auf, dass sie lahm gieng. Sie hinkte auf einem kurzen Fuße. Aber auch der kranke Fuß war reizend in dem .feinen Lederstiefel, und dann so rührend hilfl o s." Das ist so echt aus der jüdischen''Seele herausgeboren, wie die wehe Lebensinnigkeit der Milieudramen. Hier aber (übrigens auch in „Steinträger Louise") tritt es als Chriftenthum hervor, als das Urchristenthum; und der jüdische Dichter fühlt es. dass er mehr von christlicher Gesinnung in sich trage, als die Christen, „die die Gewohnheit in die Kirche bringe". Der junge Maler Faber, der dem Dichter wohl nicht allzufern stehen mag, fragt da: „Anerzogen ist der Glaube immer, aber bei wem ist er ein Resultat?" So leitet die christliche Gesinnung offen und demlich zu dem wahrhaft. ernsten jüdischen Fühlen zurück; und so mag der „Bergsee" durchaus den Milieudramen zugehören. Er ist künstlerisch nicht so vollendet, wie jene. 9t o ch vielleicht, weil die festen Eisenbänder einer schlichten, naturalistisch übersehbaren Handlung fehlen an denen die lieblichen Blumen des Gedankens und Herzensich ausreihen könnten. Aber einmal mag von diesem selb samen Werke aus der Weg den ungewöhnlich junger Poeten aufwärts führen; und wenn ein Zweifler mit den alten Waland fragen wird: „Ist der junge Herr, aucl gut zu Fuß für den Königspass?" dann mag die Antwor wohl wie dort lauten: „O gewiss! Er ist ja ein tüchtige Kerl und ausgerüstet ist er auch."