Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 8 (25.2.1898)
- Article
- Der Jude in der Genoveva
- Date
- 1898-02-25
- Page
- 16 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 8 Laune des Zufalls entsprungen ist. Und so fallen von seinen verwelkten Lippen die bebenden, grimmigen Worte: Wenn ein Greis Halb blind, elendiglich, in Fiebers Gluth, Aus einem Brunnen trinkt, wo er vorher — Sonst hätt' er's nicht gewagt — den grindigsten Der Hunde trinken sah, und man den Greis, Blos weil er trinkt, zu Tode steiniget: Dann ist das Maß der Zeit erfüllt, dann dreht Der Herr die Welt, dass unten oben wird, D ann thut er unsere Sünden ans, und spricht: Sie sind bezahlt. In diesen Worten offenbart sich der innige Zusammenhang des Juden mit der dramatischen Grundidee. Auch der Jude also weiss, dass jede Höherentwicklung nur aus unendlichen Schmerzen quillt, und dass erst nach einem furchtbaren Gewitter ein heiterer Himmel emporzieht und blinkende Sterne auftauchen — jene Sterne, denen in banger, unerfüllbarer Sehnsucht das Menschenherz entgegenschlägt. Die fromme, heilige Genofeva leidet, weil dieses zarte Gebilde viel zu früh in eine rauhe Zeit kam. Indem sie aber ungebeugt, edel und siegreich bleibt, bereitet sie einen neuen Menschheitstypus vor. Ihr männliches Gegenstück ist dieser alte Jude, der mit seiner Denkkrast ahnt und fühlt, dass auch er nicht ohne Sinn und Zweck gepeinigt wird. Und weil er dies fühlt, so geht er seinen Leiden manchmal nicht aus dem Wege, sondern sucht sie mit Brunst und Inbrunst: Ich bin schon reich. Siehst Du die Narbe von dem Pfeilschuss hier? Ein Ritter schoss den Bolzen mir durch's Haupt, Weil just kein Thier daherkam, sein Geschoss Zu prüfen, das er niemals noch versucht. Ich jauchzt', ich ächzte auch, doch flucht' ich nicht! Siehst Du, dass links das Ohr mir fehlt? Ein Knapp' Hieb mir's herunter, bloß zum Zeitvertreib, Weil ich gerad' am Wege saß und aß. Als nach 'dem blut'gen Häpplein Fleisch sein Hund Verhungert sprang, da trat er's mit dem Fuß, Sprach: pfui! Hei, dies Pfui hör ich noch! Ich jauchzt', ich ächzte auch, doch flucht' ich nicht. Also er fluchte nicht, der misshandelte Jude! Und warum nicht? Weil er die zwar grausame, aber auch große Gesetzmäßigkeit seines Daseins erkannt hat, und weil er fühlt, dass er damit im letzten Grunde der Menschheit und der Entwicklung dient. Der Menschheit? Aber das wäre ja wieder nur die reine Abstraktion, wäre wieder ein Hinübergleiten in die Philosophie und das Reich der dünnen Begriffe — der Fortschritt über Schiller wäre in keiner Weise bemerkbar, Nein, Friedrich Hebbel ist kein Sohn des aufgeklärten achtzehnten, sondern des sehr positiven neunzehnten Jahrhunderts, und er ist sich zu jeder Zeit seines Lebens bewusst gewesen, dass ein Dichter unendliche Gedanken nur durch concrete und zeitlich begrenzte Gestalten auszusprechen vermag. Somit hält er sich von der Geschmacklosigkeit frei, diesem alten Juden Menschheitsprophezeihungen in den Mund zu legen. Rein, er weiss, dass dieser Sterbende die allgemein menschliche Sehnsucht nach Glück und Veredlung nur unter dem Gesichtswinkel seines Volsthums zu begreifen vermag, dass er nicht von einer fernen Menschengemeinschaft, sondern von Zion träumt, von der Wiederbesitznahme des hochgelobten, heiligen Landes. Um dieses Ziel der Sehnsuchr zu erreichen, bedarf es des furchtbarsten Martyriums, welches der alte Jude darum fast freiwillig auf sich nimmt. All' diese Leiden, diese Schmach, Schimpf und Qual, werden nun für ihn zu einem Schatz. Sie sind mein Schatz, mein einz'ger letzter Schatz, Sind meines Volkes Schatz, wodurch es einst Zurück erkauft, was es an Rom verlor: Die heil'ge Stadt, das hochgelobte Land. Für jeden Stein in Zion will der Herr Ein Herz, das brach, und eine Wunde, die Nicht'heilt und nicht verharrscht. So wird also hier die Idee einer Höherentwicklung der Menschheit und einer Entsündigung der Welt, welche dem Genoveva-Drama zugrunde liegt, nicht mehr blos als abstracter Gedanke dargestellt, sondern als eine allmälige Herausgeber: P. Nafchauer. Verantw. Red.: Dr. Siegm.Wer stufenweise Entwicklung, an welchem jeder Stand, jedes Volksthum, jeder Einzelmensch in seiner Weise theilnimmt. Nicht nur ein Jude, der zu Nathan dem Weisen geworden ist, sondern auch der zähe Durchschnittsjude, in welchem das Stammgefühl noch ungebrochen lebt, hat seinen Theil an dieser Entwicklung und vielleicht sogar den größeren Theil. Denn unter uns gesagt, Nathan der Weise ist zu allen Zeiten eine große Ausnahme gewesen, sowohl unter Juden, wie unter Christen. Nicht von oben her, sondern von unten kommt Leben und Entwicklung, und heute wissen wir wohl alle, dass die wahre Revolution nur Evolution ist, und nicht zerstört, sondern umbildet. Nicht, indem man die Nationen zu einem wüsten Brei durcheinander knetet, kommen wir dem fernen Ideal der Menschheitverbrüderung einen Schritt näher, sondern indem das Nationalgefühl sich umbildet, sich modernisiert, versittlicht und verfeinert. Das hat Friedrich Hebbel gewusst, wie wenige seiner Zeitgenossen, die allesammt unter dem Banne Nicolais oder der Romantik standen. Er fühlte dunkel voraus, dass in der künftigen Menschheitsgeschichte ein nationales, ein zionistisches Judenthum noch eine Rolle spielen würde. Seinen alten Juden wollen wir auf den Schild heben gegen Nathan den Weisen, deffen legitimer Sprößling er ist, wie das neunzehnte Jahrhundert trotz alledem und alledem das Erbe der Aufklärungszeit übernommen hat. Doch wenn der alte Jude in dieser Weise für uns und für den Dichter zu einem machtvollen Symbol geworden ist, so bleibt er zugleich auch ein echter lebenathmender Mensch mit allem Hass, mit aller Furcht und Rachsucht, die im Herzen einer durch Jahrtausende unterdrückten Rasse nun einmal lebendig ist. Wohl ist der Jude in der Genoveva sich des höheren Sinnes seiner Leiden voll bewusst, und es giebt Momente, wo er jauchzt und sich reich dünkt ob seiner unendlichen Qualen. Aber häufiger noch regt sich die Furcht in ihm. Statt sich am Brunnen den Leuten, die ihn steinigen wollen, entgegenzustellen und sich zerschmettern zu lassen, — stürzt er in wilder Flucht von dannen, während zugleich das Verlangen nach Rache in seinem Herzen schwärt. Wohl weiß er, dass seine Peiniger nur Werkzeuge des Schicksals sind, und darum brachte er es lange Zeit über sich, ihnen nicht zu fluchen. Aber in der Sterbestunde überwältigt ihn doch die namenlose Rachsucht und Wuth, und er entladet sich in einem furchtbaren Fluch, der sogar das harte Schloßgesinde des Ritters Golo zum Erzittern bringt. Ja, noch mehr, der alte schwache Mann fällt über den Kriegsknecht Balthasar her, weil er noch sterbend einen würgen will. Wie ihn freilich der Kriegsknecht zurückstößt, da vergißt der Alte, dass er nur noch Secunden zu leben hat, und wieder kommt jenes entsetzliche Furchtgefühl über ihn, welches ein Product zugleich der Knechtschaft und der unverwüstlichen Lebenszähigkeit der jüdischen Rasse ist. Der Alte flieht also, um gleich darauf entseelt zu Boden zu stürzen. Aber, noch einmal, er lebte nicht umsonst. Die Welt wird entsündigt werden, die Menschheit kommt langsam weiter und mit ihr jener kleine Bruchtheil der Menschheit, welcher als jüdisches Volk durch die Geschichte wandelt. Bncherrinlauf. Dr. Theodor Herzt. Eine Biographie aus dem Hebräischen des R. Brainin ins Russische übertragen von Ing. M. Usischkin, Jekaterinoslarv. Im Selbstverläge des Uebersetzers. Im Anhänge die Rede des Dr. Herzl auf dem I. Baseler Congress. Ja nächster Nummer beginne» wir die Publikation des Schauspiels „Das neue Ghetto" von Theodor Herzt. Die Redactiou. er. Buchdruckerei „Industrie" (S. Bergmann)» VIII., Cchlössetg. 11.