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Die Welt · 1898-02-25 · 8 (25.2.1898) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
8 (25.2.1898)
Article
Der Jude in der Genoveva
Date
1898-02-25
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Sk, 8 Teile 15 von Gestalten beginnen soll, die fortwährend den Gang der Hauptpersonen kreuzen und das Tempo der dramatischen Handlung unablässig stören. Es bedarf eines liebevollen Hineindenkens und sorgsamer, innerer Reproduction, bevor stch diese quälenden, beunruhigenden Räthsel glücklich lösen und dann sich als hohe Nothwendigkeit erweist, was ursprünglich als das müßige Spiel einer Dichterlaune erschien. Dieser Uebelstand wird besonders fühlbar in dem wundersamen Genoveva-Drama, welches in so verwegener Weise eine alte Legende mit modernem Geist und modernem Grübelsinn erfüllte, um dann, fünf Jahre fpäter, in einem schlichten, volksthümlichen Nachspiel ergreifend auszuklingen. In der Vorrede vom Jahre 1843 gesteht Hebbel selbst, dass die dramatische Handlung zwischen That und Begebenheit — er meint Drama und Episode — hin- und Herschwebe, sehr vieler Träger bedürfe, und dass die Nebencharaktere schärfer als üblich, entfaltet wären. Er betont aber, dass sich alle diese Dinge mit Nothwendigkeit aus der Grundidee des Stückes ergeben, und wer diese erfasst habe, der würde, hinsichtlich der Nebenpersonen, gar nicht mehr fragen: was soll der Jude? Was soll Fatime? oder gar:-Was soll der Tolle? Dieses Geständnis beweist doch klärlich, dass die dramatische Idee und die dramatische Handlung gar nicht zusammenfallen, und dass der Dichter diese Kluft durch Episodengeftalten zu überbrücken sucht. Weder der Jude, noch auch Fatime und ihr Ritter Tristan haben irgend etwas mit dem Schicksal der Genoveva zu schaffen, und auch der tolle Klaus greift nur am Schluss, dem Symbol zuliebe, entscheidend in die Handlung ein. Von allen diesen Gestalten die bedeutendste ist aber der alte Jude, der auch dem Dichter ganz besonders ans Herz gewachsen war, der jedoch fast immer bei den Aufführungen ohne Störung weggelassen wurde und in der Thal ganz überraschend, wie ein Blitz aus heilerem Himmel, in den Schluss des zweiten Actes hineinfällt. Aber dennoch gehört er in die Dichtung und steht zu der dramatischen Grundidee in einem sehr engen unverkennbaren Zusammenhang. Diese Grundidee spricht der Geist eines gemordeten Dieners gegenüber einer Hexe, welche das Princip des Bösen verkörpert, in folgenden Worten aus: Die Zeit ist um, wo der befleckte Ball Der Erde neu ent sündigt werden muss. Wenn nicht der Donner aus der Hand des Herrn, Die schon sich hob, zermalmend fallen soll. Er that im Anbeginn den Gnadenschwur, Dass er das arme, menschliche Geschlecht Nie tilgen will, wenn alle tausend Jahr Auch nur ein einziger vor ihm besteht. In diesen Versen kommt die uralte Heilandsidee zum Ausdruck, wonach ein Einzelner alle Leiden der Menschheit schuldlos auf sich nimmt und dadurch -die Welt vor Vernichtung bewahrt. Aber nicht nur auf diese Errettung und Entsündigung kommt es dem Dichter an, sondern diese gerettete Welt soll um eine Stufe emporgehoben werden und die Menschheit einen Schritt weiter auf ihrem Weg zur Vollkommenheit zurücklegen. Wenn, so verkündet der Geist, die schuldlose Genoveva sieben lange Jahre geduldet haben wird, wie nie ein Mensch zuvor, dann — Dann endlich ist die Zeit der Prüfung aus. Still geht sie ein zur ew'gen Herrlichkeit Und ein Gefühl erneuter Zuversicht Durchdringt belebend jede Menschenbrust. Dieses belebende Gefühl eines neuen Vertrauens auf die sittlichen Kräfte in der Menschenbrust ist der Grundpfeiler jedes Fortschrittes und jeder Veredlung, die beide nur aus Leiden entspringen können. Das Böse und der scheinbare Triumph der unteren Gewalten ist der Mutterboden, aus welchem schließlich auch das Schönste und Beste der vielgestaltigen Menschennatur emporsprießt, und jedem Aufschwung zu einer neuen Höhe geht scheinbar ein tiefer Sturz voraus. So müssen sich erst die Kreuzritter in fanatischer Blutgier auf das Morgenland gestürzt haben. bevor es dem Ritter Tristan begegnet, dass das heidnische Königskind Fatime ihn, der ihre Liebe verächtlich verschmäht, in heldenhafter Großmuth aus Schmach und Knechtschaft befreit. Der gerettete Ritter thut nun einen Schwur, nicht weiter zu kämpfen und in jedem Heiden nur noch F a t i m e n s Bruder zu erblicken. Aus dem Blutmeer des Fanatismus taucht so zum erstenmale die dunkle Ahnung einer Solidarität des Menschengeschlechtes und religiöser Duldung auf. Die lieblich fromme, unschuldige Genoveva findet es freilich entsetzlich, dass die Menschheit nur vorwärts kommt durch das Böse, und erst ein Uebermaß der Sünde, der Mord der Unschuld, den befleckten Erdball wieder reinigt und erneuert. Weh! Weh! die Seele kreuziget sich selbst. Wenn sie der Kreuzigung des Herrn gedenkt. Viel kann ich fassen, Ein's doch fass' ich nicht. Nicht fass' ich's, wie das menschliche Geschlecht Die Sündenschuld, die lastend es bedrückt. Durch aller Sünden ungeheuerste Hat tilgen können: durch den Mord an Gott. Diese bange Frage erschütterte wohl auch die Seele des Dichters, und jeder von uns mag manchmal nachgrübeln, warum alles Höchste, jede Veredlung so viel Blut und Thränen kostet. Aber ein echter Dramatiker, wie Friedrich Hebbel einer war, wird sich immer wieder in die starre Größe dieser harten Nothwendigkeit verlieben und aus ihr heraus seine besten Gestalten schaffen. Und so konnte eine Figur entstehen, wie jener alte Jude im Schluss des zweiten Actes. In einer Halle des gräflichen Schlosses steht Ritter Golo und starrt düsteren Blickes nach dem Hintergrund, welcher durch den schwachen Schein einer ewigen Lampe ein wenig erhellt wird. Denn der Eingang zur Burgkapelle steht weit offen, und in dieser Kapelle betet die fromme Herrin Genoveva. Sie betet für den fernen Gemahl, der in Palästina gegen die Ungläubigen kämpft und täglich und stündlich in Lebensgefahr schwebt. Sie beichtet wohl auch — um ein Nichts. Aber sie ahnt nicht, dass die Sünde am Werk ist, sie zu verderben: dass in der Schloßhalle ein Mann steht, der im Wahnsinn wollüstiger Leidenschaft auch vor dem Ungeheuersten nicht mehr zurückbebt. Und diesem Golo steht ein Schloßgesinde zur Verfügung, welches die Hände bis zum Ellenbogen in Blut getaucht hat und ebenso entsetzlich heuchlerisch, wie gewaltthätig ist. Von all' diesem ahnt Genoveva nichts, während Golo selbst in schwerem Seelenkampf das Verhängnis Heraufziehen fühlt und das radical Böse der Menschennatur mit dem Grauen der Verzweiflung empfindet. Da aber rüttelt ihn ein rasender Lärm vom Burghof her aus seinem Grübeln jäh empor. Ein alter Jude stürzt schwankend in die Halle und ihm an die Fersen^ heftet sich das fanatisierte, blutdürstige Schloßgesinde. Sogar in Golos Gegenwart zückt der Diener Hans das Messer gegen den Alten. Wohl wehrt Golo ihn ab. Doch das geschieht durchaus nicht aus Menschlichkeit. Auch er ja hält diesen Juden für ein verabscheuenswertes Wesen, welches zu vertilgen Verdienst vor Gott wäre. Aber er selbst hat soeben in seiner Brust so viel Abscheuliches entdeckt, dass er sich jedem Sünder verwandt fühlt und darum einen Sprößling der verachteten Rasse instinctiv beschützt. Er erkundigt sich zunächst, was der Jude gethan hat, ob er den Brunnen, aus dem er trank, vergiftete. Worauf ihm der dreifache Mörder Balthasar brutal erwidert: Das gilt gleich. Wer trinkt wohl noch Aus einem Brunnen, woraus der Jude trank. Und Golos Amme, die alte Katharina, die nachmals mit am Verderben der Genoveva arbeiten wird, ruft dem verschmachtenden, wankenden Juden höhnisch zu: Reifs Dir den Leib auf, wenn Tu durstig bist. Du Hund, und saug die eigne Galle aus. Der Jude aber, mitten in feinen Qualen, beginnt zu ahnen, dass er nicht umsonst gelebt und gelitten hat, dass dieses furchtbare Martyrium nicht blos der fanatischen

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