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Die Welt · 1898-02-25 · 8 (25.2.1898) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
8 (25.2.1898)
Article
Proceß Zola
Date
1898-02-25
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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J*2$w<nr Nr. 8 Sic sehen, aber mit diesem vergifteten Brot nährt die Schandpresse unser armes Volk seit Monaten, und wir dürfen uns nicht wundern, wenn eine unheilvolle Krisis ausbricht, denn wenn in dieser Weise Dummheit und Lüge gesäet werden, so erntet man nothwendig Tollheit. Sicherlich, meine Herren, ich will sie nicht durch die Annahme beleidigen, dass Sie dieses Ammenmärchen bisher für wahr hielten. Ich kenne Sie, ich weiß, wer Sie sind. Sie sind das Herz und die Bernunst von Paris, von meinem großen Paris, wo ich geboren bin, das ich mit unendlicher Zärtlichkeit liebe, das ich seit bald dreißig Jahren studiere und schildere. Ich weiß ebenso wohl, was Sie in dieser Stunde denken, denn ehe ich als Angeklagter hieherkam, habe ich dort gesessen, wo Sie heute sitzen. Sie repräsentieren die Durchschnittsmeinung. Sie werden versuchen, die Weisheit und Gerechtigkeit ,elbst zu sein. Bald werde ich in Gedanken mit Ihnen in Ihrem Berathungszimmer weilen, und ich bin überzeugt, Ihre Anstrengungen werden daraus gerichtet sein, unsere bürgerlichen Interessen zu wahren, welche die Interessen der ganzen Nation sind. Sie können irren, aber Sie werden sich nur täuschen, wenn Sie glauben, dadurch Ihr Wohlergehen, das Wohlergehen Aller zu sicherer. Ich sehe Sie des Abends beim Schein der Lampe im Kreise Ihrer Familie. Ich höre Sie mit Ihren Freunden plaudern, begleite Sie in Ihre Werkstätten, in Ihre Läden. Sie sind alle Arbeiter, die einen Kausleute, die anderen Industrielle, einige Bertreter von liberalen Prosessionen, und Ihre berechtigte Besorgnis liegt in dem bedauerlichen Zustande, in den die Geschäfte verfallen sind. U eberall droht die g eg en wärtig e Kri se zur Katastrophe zu werden. Tie Einnahmen gehen zurück, die Geschäfte werden immer schwieriger. Ter Gedanke, mit dem Sie hiehergekommen sind, der Gedanke, den ich in Ihren Mienen lese, ist: Genug jetzt, das muss endlich aushören. Sie sagen nicht, wie sv Biele sagen: Was liegt daran, ob ein Unschuldiger aus der Teuselsiusel leidet? Wiegt das Interesse eines Einzelnen so schwer, um dafür ein ganzes Land in Verwirrung zu stürzen? Sie sagen sich gleichwohl, dass unsere Agitation, die wir im Verlangen nach Wahrheit und Gerechtigkeit entfesseln, sehr theuer durch all' das Uebel bezahlt ist, welches anzurichten man uns beschuldigt. Wenn Sie mich vernrtheilen, meine Herren, so geschieht es nur in dem Wunsche, die Ihrigen zu beruhigen. Die Sorge, dass die Geschäfte wieder in Fluss kommen, und der Glaube, mich zu treffen und damit für die Gerechtigkeit eine Campagne zu beenden, welche den Interessen Frankreichs schädlich ist, wird Sie dann beeinflusst haben. Nun gut, meine Herren, Sie täuschen sich gründlich. Erweisen Sie mir die Ehre, zu glauben, dass i ch h i e r u i ch t m e i n e F r e i h e i t vertheidige. Vernrtheilen Sie mich und Sie machen mich zu einem große:: Alaun. Nur ein Alaun, der für Gerechtigkeit und Wahrheit leidet, wird groß und geheiligt. Sehen Sie mich an, s e h e ich aus w ie e i n V erkau f ter, ein Lügner, ein Verräther? Warum Handelteich? Weder politischer Ehrgeiz, noch L e i d e n s ch a s t des Vl ä r t y r e r s haben m i ch dazu getrieben. Ich bin ein freier Schriftsteller, der sein Leben der Arbeit gewidmet, der morgen in die Reihen zurücktreten und seine unterbrochene Thätigkeit wieder aufnehmen wird. Wie thöricht, mich „den Italiener" zu nennen, mich, der ich von einer französischen Mutter geboren bin, mich, dessen Großeltern Bauen: dieser kräftigen Erde waren, mich, der den Vater verlor, als ich erst sieben Jahre alt war, mich, der ich erst in meinem 45. Lebensjahre nach Italien gegangen bin, um Tocumente für ein Buch zu sammeln. Das verhindert mich aber nicht, sehr stolz daraus zu sein, dass mein Vater aus Venedig stammte, der glanzvollen Stadt, deren alter Ruhn: in Aller Erinnerungen lebt, und selbst wenn ich nicht Franzose wäre, so ivürden die vierzig Bände, die ich in der ganzen Welt verbreitet habe, genügen, aus nur einen Franzosen zu machen, der dem Ruhme Frankreichs dient. Also ich vertheidige mich nicht, aber welchen Jrrthum würden Sie begehen, wenn Sie wähnten, mich zu treffen und damit die Ordnung in unserem unglücklichen Baierlande wieder herzustellen. Begreifen Sie denn nicht, dass diese Nation an der Finsternis stirbt, in welcher man sie hartrräckig belassen will, und an der Zweideutigkeit, in welcher sie dahinsiecht! Die Fehler der Regierenden thürmen sich aus, eine Lüge zieht eine andere nach sich, bis die Verwirrung ins Erschreckende wächst. Ein Justiz- Jrrthum ist begangen, und seither hat man, um ihn zu verbergen, täglich ein neues Attentat gegenBernunft und Billigkeit begehenmüssen. Tie Berurtheilung eines Unschuldigen hat die Freisprechung eines Schuldigen nach sich gezogen, und heute fordert man von Ihnen, mich zu verurtbeilen, weil ich meine Herzensangst hinausgeschrien, als ich das Vaterland aus diesem schrecklichen Wege sah. Verurtheilen Sie mich nur! Ein neuer Fehler wird sich an die anderen reihen, ein Fehler, dessen Last Sie später vor der Geschichte zu tragen haben werden. Meine Berurtheilung wird, anstatt den Frieden herbeizusühren, den Sie, den wir Alle ersehnen, nur auf's Nene Leidenschaft und Unruhe erwecken. Das Maß ist voll. Ich sage Ihnen, bringen Sie es nicht zum Ueberlaufen. Machen S:e sich denn nicht eine klare Vorstellung von der furchtbaren Krise, welche das Land durchlebt? Man sagt, wir seien die Urheber des Scandals, wir, die Freunde der Wahrheit und Gerechtigkeit, seien es, welche die Nation zugrunde richten, zum Ausstande treiben. Wahrhaftig, das heißt doch sich über die Menschheit lustig machen. Ist General Billot — ich uenne nur ihn — nicht seit achtzehn Monaten benachrichtigt? Hat Oberstlicutenant Piquart nicht in ihn gedrungen, dass er die Revision in die Hand nehme, wenn er nicht wolle, dass das Ungewitter losbreche und alles niederschmettere? Hat ihn Scheurer-Kestner nicht unter Thränen gebeten, an Frankreich zu denken und dem Lande eine solche Katastrophe zu ersparen? Nein! Nein! Unser Wunsch rvar, alles zu erleichterir, und wenn das Land leides so liegt der Fehler an der Regierung, die, um die Schuldigen zu decken und aus politischem Interesse alles in der Hoffnung abgelehnt hat, selbst stark genug zu sein, um zu verhindern, dass Licht werde. Seit diesem Tage hat sie nur in der Finsternis manövriert, und sie allein ist an der namenlosen Verwirrung schuld, worin die Geister sich befinden. Die Affaire Dreysus, :neine Herren, ist heute bereits in den Hintergrund getreten vor den furchtbaren Fragen, die sie herbeigesührt hat. Wir wollen wissen, ob Frankreich noch das Frankreich der M e n scheu rechte, jenesFrankreich ist, welches der Welt die Freiheit gegeben und ihm die Gerechtigkeit geben soll. Sind wir noch das edelste, brüderlichste, hochherzigste Volk? Werden wir in Europa unseren Ruf als ''Nation der Billigkeit und Humanität bewahren? Sind nicht alle unsere Errungenschaften in Frage gestellt? Oeffnen Sie die klugen und erkennen Sie, dass von solch einer (Gefahr die Seele Frankreichs bis in ihre tiefsten Tiefen bewegt sein muss. Ein Volk kann nicht derart aufgewühlt werden, ohne dass sein moralisches Dasein selbst in Gefahr gerät!:. Tie Stunde ist von äußerstem Ernst, es handelt sich um das Heil der Nation, und wenn Sie das erfasst haben werden, meine Herren, daun werden Sie fühlen, dass es nur ein Heilmittel gibt: die Wahrheit zu sagen, Gerechtigkeit zu üben. Alles, was das Licht aushält, was Finsternis zu Finsternis fügt, wird die Krise nur verlängern und verschärfen. Die Rolle der guten Bürger, derjenigen, welche das zwingende Bedürfnis fühlen, mit allein dem ein Ende zu machen, ist es, volles Tageslicht zu fordern. Unserer Biele denken schon so, die Männer des Schriftthums, der Philosophie und der Wiffenschast erheben sich allerorten in: Nanren der Intelligenz und der Vernunft. Ich spreche nicht vom Auslande, von dem Fieber, das ganz Europa ergriffen, nicht von Völkern, die morgen unsere Gegner sein können. Aber das große Russland, unser Verbündeter, das kleine und hochherzige Holland, all die sympathischen Völker des Nordens, die Länder französischer Zunge, wie die Schweiz und Belgien. Warum wünschen Sie denn ein Frankreich, das isoliert in der Welt wäre? Wollen Sie, wenn Sie die Grenze überschreiten, dass man Ihrem legendären Ruf von Gerechtigkeii und Humanität nicht mehr huldige? Ach, meine Herren, wie so viele Andere errvarten Sie vielleicht den Blitzschlag, den

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