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Die Welt · 1898-02-25 · 8 (25.2.1898) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
8 (25.2.1898)
Article
Die französische Civilisation
Date
1898-02-25
Page
4 (sequence 1)
Language
German
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jto^wde Nr. 8 Seite 4 Die französische Civtlisakimr. Von Tr. TicgmunÄ Werner. Die Decadence! Die Decadence des Rechtsgefühls, der Freiheit und der Unabhängigkeit — der Civilisation. Das ist das Schauspiel, das Frankreich setzt den Völkern bietet. Es ist vielleicht gut so. Wir haben bereits angefangen, uns aus unseren Fortschritt und die kommenden „freien und menschlich schönen" Zustände des nächsten Jahrhunderts etwas einzubilden. Wir waren sogar eitel genug zu glauben, dass die moralischen und geistigen Erfolge unseres Jahrhunderts in einem engen Connex ständen mit seinen unleugbaren technischen Fortschritten. Da kamen zuerst die verschiedenen Mahnungen, die uns ein wenig vorsichtiger machten. Der andauernde Völkerhass, der bewaffnete Friede, das Unverständnis und die absichtliche Negierung der Roth der Massen und hundert andere ähnliche Kleinigkeiten. Und jetzt bemüht sich Frankreich uns den Beweis ad liominem zu liefern, dass wir eigentlich mit unserer ganzen schönen Civilisation geflunkert haben. Alles äußerlich! Nichts ins Wesen der Menschen gedrungen. Nicht einmal die Classen, die dank ihrer socialen Stellung die Früchte der Civilisation genießen können, sind wirklich besser geworden. Irgend ein mehr oder minder großer Anlass, und das ganze schöne Bild, Civilisation genannt, verliert seine leuchtenden Farben, und die Schmutzflecke werden immer deutlicher, immer umfangreicher. Der Process Zola bietet dem Beobachterviel Interestantes dieserArt. Es tritt der Unglückliche auf der Teufelsinsel weit zurück in dem culturhistorischen Schauspiele, das jetzt in Frankreich dargeboten wird. Ein Einzelschicksal, das sich von dem Hintergründe des Niederganges eines Volkes stärker abhebt. Ein Einzelschicksal, auch wenn es mit Dreysus seine Volksgenossen betrifft. Dass es gerade diesen und diese traf, auch das ist eines der interessanten Merkmale des Niederganges, von denen wir gesprochen. An einzelnen Fakten wollen wir das erörtern. Ueber das militärische Strafverfahren überhaupt soll hier nichts gesagt werden. Die Revolutionen und Revolutiönchen, unsere Constitutionen, unsere fortgeschrittenen Ansichten über Rechtspflege und Verwerflichkeit jeder Classenjustiz haben daran nichts ändern können. Ein Rudiment aus früheren Entwicklungsstadien, aber ein fest verwachsenes, wie es scheint, ein nicht so bald ablegbares. Die Franzosen, oder besser gesagt, ihre Führer, freuen sich dieses Ueberbleibsels aus der Zeit der Herren, die sie mit soviel Elan guillotiniert haben. Der Jahrestag der Erstürmung der Bastille ist ein Festtag. Dass aber ein Angeklagter, ein aus Tod und Leben Angeklagter, wochenlang im Gefängnisse gehalten wird, ohne das ihm zur Last gelegte Verbrechen zu erfahren, das wird als selbstverständlich hingenommen. Sein Peiniger wird vom Volke ehrfurchtsvoll begrüßt. Und ein Festtag wird es für dieses Volk sein, wenn der Verurtheiltesür immer entehrt wird undseineVertheidiger, mit Schande bedeckt, sich zurückziehen müssen. Die ganze barbarische Wildheit, die unter dem dünnen Anstrich der „Civilisation" verborgen liegt, ist entfesselt und wächst ins Riesengroße, da man sie nicht mehr schamvoll zu verhüllen braucht. Damit im Einklang steht auch das Auftreten der militärischen Zeugen. Ohne alle Beschönigung — wenn man nicht die paar Phrasen über die Achtung, die sie der Justiz zu zollen vorgeben, hieher rechnen will — etablieren sie das Gesetz von der Unfehlbarkeit militärischer Entscheidungen. Von dem Madagassen M e r c i e r angesangen, der seine Misserfolge durch die Entdeckung des Verräthers Dreysus wettzumachen suchte, bis zu Esterhazy, dem nichts aus seinem abenteuerlichen Leben schaden kann, fühlen sie sich erhaben über das, was man in civilen Kreisen über sie denkt. Wenn aber doch die Ungeheuerlichkeiten ihres Vorgehens den Unwillen des Volkes, das sie beherrschen, hervorzurusen drohen, dann wersen sie sich in Positur und erklären unter ihrem Ehrenwort, dass der Berurtheilte schuldig sei; einen Jrrthum lässt ja ein Ehrenwort nicht zu. Und wenn auch das noch nicht nützt, dann wird eine „Eröffnung" gemacht — natürlich wieder unter Ehrenwort — und nun muss das Pack sich zufrieden geben. Dazu wirst man ihnen noch so en passant hin, dass das Document sage: ..Ne dites jamaix les relations, que nous avons eues avec ce juif!*‘, und nun ist die Sache entschieden. Ja, der Jude, das ist das eigentlich Beweisende an der Sache. Auch in Frankreich. Solche Beweise sind ebenso einfach als probat. Irgend eine Lumperei wird mit dem Namen eines Juden in Verbindung gebracht, und dann klappt die ganze Geschichte. Das wäre erstaunlich, wenn unsere Civilisation wirklich das wäre, als was wir sie so gerne ausgeben möchten. Es wirft ein Helles Licht auf unsere Entwicklung, wenn das ausschlaggebend ist. Und es ist ausschlaggebend. Ohne Scheu und' gewiss mit vollem Rechte darf ein Esterhazy sagen, wenn Dreysus je den Boden Frankreichs betritt, dann werden fünftausend jüdische Leichen beweisen, wie das Volk über die Sache urtheilt. Vielleicht ist das nicht wörtlich zu nehmen. Der Sinn ist klar. Nicht der eine Jude Dreysus, alle Juden Frankreichs sind verurtheilt. Es sind nur die jeweiligen Verhältnisse, welche die Vollstreckung des Urtheiles bestimmen werden. Die „heilige" Armee und der verbrecherische Jude, darin begrenzt sich das französische Urtheil. Diese Endpunkte umspannt heute der geistige Horizont der „großen Nation". Der General P e l l i e u x, der redegewandte Vertheidiger des Generalstabes, wird als der Anwalt der Armee bezeichnet, welä)e die wahre Jncarnation der Nation und die alleinigese st eStütze bildet, aus welcher die Sicherheit der Nation beruh t." Und wenn Zola ihm in stolzer Größe sagt: „Die Nachwelt wird richten, wer dem Vaterlande mehr zum Ruhme gereicht, Zola oder Pellieux", so erweckt das die Entrüstung der Ofsiciere nicht nur, sondern aller „wahren Franzosen." So behauptet nämlich der größte Theil der Presse, welche es ja wissen muss. Die französische Presse. Auch ein Stück unserer Civilisation. Aber jenes Stück, das ihre ganze Hohlheit, ihre jämmerliche Corruption am besten bezeigt. Vom Rückzug des „Figaro" an bis zu den triumphierenden Artikeln, welche die Generalslabsblätter bringen, nachdem Pellieux und Boisdeffre von den „späteren" Beweisen gesprochen haben, eine Kette von unsagbarer Sensationshascherei. Ein Wettkriechen vor den Generalen, den Herren Frankreichs und vor dem „Patriotismus" der Schreier. Was haben die wenigen Ausnahmen dagegen zu sagen. Auch sie stehen übrigens nicht auf der Höhe der Sache, die sie vertreten. Nicht um die Beschimpfungen und Verdächtigungen der Gegner handelt es sich. An die böse, eiternde Wunde des Niederganges der öffentlichen Moral, der in Scene gesetzten Scheinfreiheit, des unnatürlichen Chauvinismus wagen sie nicht zu rühren. Vielleicht dürfen sie nicht, vielleicht handelt es sich wirklich um eine Existenzfrage, auch für sie. Aber characteristisch bleibt dieses Verhalten der Presse, und dem Unbefangenen wird auch diese Errungenschaft der Freiheit nur mäßig imponieren. Das kläglichste Schauspiel bieten die Blätter, die unparteiisch bleiben wollten und sich jetzt durch die Ausbrüche der gut präparierten Patrioten zur Parteinahme für das Kriegsgericht gedrängt sehen. Francis Charmes hat der ^Üovuo dos doux ulondosmit seiner Besprechung im Hefte vom 31. Jänner a. c. vielleicht einen guten Dienst geleistet, dem Beobachter der französischen Zustände hat er gezeigt, dass der Chauvinismus auch für ihn als respectabel, als unantastbar gilt. Da ist er eines Sinnes mit Drumont und Rochesort. Und diese beiden Männer bilden ein weiteres Document, für das, was in einem so „civilisierten" Lande auch heute noch möglich ist. Sie bilden heute mit ihrem Anhang eine Macht, welcher die Behörden, denen sie soviel angethan

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