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Die Welt · 1898-02-11 · 6 (11.2.1898) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
6 (11.2.1898)
Article
Der weiße Robbe
Date
1898-02-11
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Seite 16 Nr. 5 während er plätscherte; aber er paßte immer auf, damit er nicht von den großen Wogen fortgetragen würde. Ende October begannen die Robben St. Paul zu verlassen, und es wurde nicht mehr gekämpft, und die Hollusschickie spielten, wo sie wollten. „Nächstes Jahr", sagte Matkah zu Kotick, „wirst du ein Hollusschickie sein, aber heuer musst du noch Fische sangen lernen." Keine Wiege ist so bequem wie der einwiegende Wellenschlag des stillen Oceans. Wenn es Kotick über und über kitzelte, sagte ihm Matkah, dass er „das Wasser fühle", und das pricklige, kitzlige Gefühl bedeutet, dass schlechtes Wetter kommt. „Bald", sagte sie, „wirst du wissen, wohin du zu schwimmen hast. Aber jetzt wollen wir Seeschwein folgen, denn er ist sehr weise." Ein Trupp Meerschweine schwamm vor ihnen her und klein Kotick folgte ihnen so schnell er konnte. „Woher wißt ihr, wohin ihr zu schwimmen habt?" keuchte er. Der Führer rollte sein weißes Auge, tauchte unter und sprach: „Mein Schwanz prickelt, Söhnchen! Das bedeuret, dass hinter uns ein Sturm kommt. Nur schnell! Wenn man sich aber südlich vom klebrigen Wasser befindet (er meinte den Aequgtor) und der Schwanz prickelt, so hat man den Sturm vor sich zu erwarten, und man muss nach Norden. Vorwärts? Die See gefällt mir hier gar nicht." Das war eines der vielen Dinge, die Kotick lernte, und er lernte immer. Nach sechs Monaten wußte Kotick alles Wissenswerte über den Seesischsang und während dieser ganzen Zeit war er noch nicht aus dem Trockenen gewesen. Aber eines Tages, als er in der Nähe von Juan Fernandes halb schlafend im warmen Wasser lag, fühlte er sich faul und schwach, wie die Menschen, wenn sie den Frühling in den Beinen spüren, und er erinnerte sich an die schöne, tausende von Meilen entfernte Küste von Novastoschnah, an die Jugendspiele mit den Kameraden, an den Geruch des Seegrases, an das Brüllen und Kämpfen. Und augenblicklich schwamm er nach Norden, und unterwegs traf er viele Kameraden, die alle dasselbe Ziel im Auge hatten und sie sagten: „Grüß Gott, Kotick! Heuer sind wir alle Hollusschickie. Wir können den Feuertanz tanzen und im frischen Gras spielen. Aber woher hast du den Rock?" Kotick's Pelz war fast schneeweiß, aber trotzdem er sehr stolz aus ihn war, sagte er nur: „Schwimmt schnell! Ich sehne mich nach festem Land." Und so kamen sie alle zu den Gestaden, wo sie geboren wurden, und wo sie die alten Robben, ihre Väter, kämpfen gesehen hatten. Diese "Nacht tanzte Kotick den Feuertanz mit den anderen kleinen Robben. Die See ist in Sommernächten von Novastoschnah bis Bukannon hinunter voll Feuer, und jede Robbe hinterläßt auf ihrem Wege einen feurigen Streifen. Dann gingen sie landeinwärts zu den Plätzen der Hollusschickie, wälzten sich im wilden Weizen herum und erzählten einander ihre Erlebnisse in der See. „Heda, Grünschnabel", redete plötzlich ein großer Hollusschickie Kotick an. „Wo hast du dir den weißen Rock angeschafft?" „Ich Hab' ihn mir nicht angeschafft", sagte Kotick. „Er ist mir gewachsen." Und als er gerade im Begriffe war, den Spötter niederzuwerfen, kamen ein paar schwarzhaarige Männer mit glatten rothen Gesichtern hinter einer Sanddüne hervor. Kotick, der noch nie einen Menschen gesehen hatte, hustete und senkte den Kops. Die Hollusschickie watschelten ein paar Schritte weiter und glotzten. Die Männer waren Kerick Booterin, der erste Robbenfänger der Insel, und Patalamon, sein Sohn. Sie kamen aus einem kleinen Dorse, das kaum eine halbe Meile von den Spielplätzen entfernt war und sie suchten sich eben jene Robben heraus, die sie zu den Schlachtplätzen treiben — denn die Robben werden wie Schafe getrieben — und dann in Sealsskinjacken verwandeln wollten. „Hollah!" sagte Patalamon. „Da schau her! Eine weiße Robbe!" Kerick Booterin wurde unter all seinem Ruß und Oel blaß, denn er war ein Aleute, und die Aleuten sind keine besonders reinlichen Leute. Dann begann er zu beten. „Patalamon, rühr' ihn nicht an: seit — seit ich aus der Welt bin, hat es noch keine weiße Robbe gegeben. Vielleicht ist es Zaharoff's Geist. Er ist in dem letzten großen Sturm verschollen." „Ich komm' ihm nicht in die Nähe", sagte Patalamon. „Er bringt Unglück." „Schau ihn nicht an", sagte Kerick. „Treib' die dort fort. Die Männer sollten eigentlich zweihundert abhäuten, aber die Saison sängt erst an und sie kennen die Arbeit noch nicht. Hundert werden genug sein. Schnell!" Patalamon schüttelte ein paar Robbenknochen vor einer Herde Hollusschickie und sie regten sich nicht. Dann ging er näher und sie begannen sich zu bewegen und Kerick trieb sie landeinwärts und ne versuchten gar nicht, zu ihren Gefährten zurückzukehren. Tausend und abertausend Robben sahen dem zu, aber sie spielten weiter. Kotick war der einzige, der fragte, aber man konnte ihm keine andere Auskunft geben, als dass man die Robben jedes Jahr sechs Wochen oder zwei Monate lang jagte. „Ich gehe nach", sagte er. Und die Augen traten ihm fast aus dem Kopse, als er der Heerde folgte. „Die weiße Robbe kommt hinter uns her", schrie Patalamon. „Das ist das erste Mal, dass eine Robbe allein zu den ^chlachtplätzen kommt." „Pst! Schau dich nicht um. Es muss Zaharoff's Geist sein. Ich werde mit dem Priester darüber sprechen." Kotick folgte keuchend und neugierig. Er glaubte sich an dem Ende der Welt, aber das Gebrüll der Robben klang noch so laut wie ein Zug in einem Tunnel. Dann setzte Kerick sich nieder und zog eine schwere, zinnerne Uhr hervor und liess dem Trupp dreißig Minuten Zeit, um sich abzukühlen. Kotick hörte das Wasser von seiner Kappe herabtröpfeln. Dann kamen zehn oder zwölf Männer, jeder mit einer eisenbeschlagenen, meterlangen Keule bewaffnet, und Kerick sagte: „Los!" und die Männer schlugen die Robben, so schnell sie konnten, auf die Köpfe. Zehn Minuten später erkannte klein Kotick seine Freunde nicht mehr, denn ihre Pelze waren von der Nase bis zu den Hinterflossen abgezogen und bildeten große Hausen auf dem Boden. (Schluss folgt.) Bücherwelt. — Der Roman aus dem jüdischen Leben von Eliza O r- 5 e § 5 f o „Meier Gzofowicz" erscheint demnächst in Amerika in englischer Uebersetzung von Jza Ioung. Bücherrinlauf. Dr. E. Kali scher: Predigten. Berlin 1898, Verlag von Albert Katz. S. 122. Dr. I. G ü n z i g : Zum Gedächtnis des hebräischen Dichters Mordechai Zwie Manne. Krakau 1898. Verlag von S. L. Deutscher. Bernard Lazare: Komment en condamne un innooent? Paris 1898. V. Stock, editeur. Jacques Bahar: Esterhazy contre lui-meme Paris 1897. — Le Premier Uhlan de France. Paris 1898. — Etrennes ä Dreyfus. Paris 1897. (Alle im Verlage Peiit Benefice ) Anfangs März beginnen wir die Pnblication des Schauspiels „Das neue Ghetto" von Theodor Herzl. Die Redaction. Buchdruckerei Industrie (S. Bergmann), VIII, Schlosselg. 11, Herausgeber: P. Naschauer. Verantw. Red.: Dr. Siegm. Werner.

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