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Die Welt · 1898-02-11 · 6 (11.2.1898) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
6 (11.2.1898)
Article
Der weiße Robbe
Date
1898-02-11
Page
15 (sequence 1)
Language
German
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Sk. 6 Seite. 15 Fknilletoll. Der writze Robbe. Eine Fabel. Von Rudyard Kipling. Alle diese Dinge sind vor mehreren Jahren in einem Orte auf der Insel St. Paul passiert, der Novastoschnah heißt, hoch oben in der Behring-See.- Limmerschin, der Winterzaunkönig, hat mir. die Geschichte erzählt, als er in das Takelwerk eines nach Japan gehenden Damp ers geweht wurde, und ich . ihn in meine Kajüte nahm und.zwei Tage mit warmer Milch fütterte, bis er wieder nach. St. Paul zurückfliegen konnte. Nach Novastoschnah kommt man nur, wenn man dort was zu suchen hat, und die einzigen Leute, die dort was zu suchen haben, sind die Robben. Sie kommen in den Sommermonaten zu Tausenden und Abertausenden aus der kalten, grauen See: denn die Küste von Novastoschnah bietet den Robben die beste Unterkunft von der Welt. Seesang wusste das und schwamm jeden Frühling — wo immer er auch sein mochte — wie ein Torpedoboot direct nach Novastoschnah und verbrachte dort einen Monat im Kampfe mit seinen Gefährten um einen guten Platz an den Felsen, so nahe als möglich beim Meer. Seesang war eine riesige graue Robbe; die Haare hiengen ihm fast wie eine Mähne von den Schultern herab und er hatte ein langes, böses Gebiss. Wenn er sich auf die Vorderflossen stellte, war er über vier Fuß hoch und sein Gewicht, wenn jemand so kühn wäre, ihn zu wiegen, betrug 700 Pfund. Er war über und über mit Schrammen, den Zeichen heftiger Kämpfe, bedeckt, aber er konnte nie genug haben. Seesang jagte eine gefangene Robbe nie, denn das war gegen die Küstengesetze. Er wollte nur Raum bei der See für seine Familie, aber da vierzig bis sünfzigtausend Robben jedes Jahr demselben Zwecke nachjagten, war das Pfeifen, Bellen, Brüllen und Schnaufen etwas Entsetzliches. Von einem kleinen Hügel konnte man ein Gebiet von 3V2 Meilen übersehen, das ganz mit kämpfenden Robben-bedeckt war: und die Köpfe der Robben, die zum Kampfe auf das Land zusteuerten, ragten wie zahllose Punkte aus der Brandung hervor. Sie kämpften in der Brandung, sie kämpften im Sand, und sie kämpften aus den glattgetretenen Basaltselsen, denn sie waren gerade so dumm und unverträglich wie die Menschen. Ihre Frauen kamen erst Ende Mai oder Anfang Juni, denn sie wollten nicht in Stücke gerissen werden, und die jungen, zwei-, drei- und vierjährigen Robben, die noch keinen Haushalt gegründet hatten, gingen durch die Reihen der Kämpfenden etwa eine halbe Meile landeinwärts und spielten in Herden aus den Sanddünen, und rieben alles Grün ab, das sich irgendwie aus der Insel vorfand. Man nannte sie die Holluschickie, — die Junggesellen — und in Novastoschnah allein waren etwa zwei- bis dreimalhunderttausend. Seesang hatte gerade seinen sünsundvierzigsten Kamps beendet als Matkah, sein feistes, sanftes Weib, aus der See kam, und er packte sie beim Kragen und warf sie aus seinen reservierten Platz nieder, während er rauh sagte: „Natürlich wieder zu spät! Wo bist du nur gewesen?" Seesang pflegte in den vier Monaten, in denen er an der Küste war, nichts zu essen, weshalb er gewöhnlich schlechter Laune war. Matkah war klug genug, nicht zu antworten. Sie sah sich um und girrte: „Du denkst aber auch an Alles. Du hast wiederden alten Platz eingenommen." „Das glaub ich," sagte Seesang, „sieh mich 'mal an." Er blutete aus zwanzig Wunden. Ein Auge war fast draußen, und die Haut hieng ihm in Fetzen vom Leibe. „Oh, ihr Männer, ihr Männer," sagte Matkah, sich mit der Hinterflosse fächelnd. „Könnt ihr nicht vernünftig sein und die Plätze ruhig unter euch vertheilen? Du siehst aus, wie wenn du mit dem Riesenwal gekämpft hättest." „Ich bin seit Mitte Mai nicht aus dem Kampfe herausgekommen, die Küste ist heuer furchtbar voll. Ich habe mindestens hundert Robben von der Luckanon getroffen, die aus der Wohnungssuche sind. Warum bleiben die Leute nicht dort, wo sie zuständig sind?" „Ich habe mir schon oft gedacht," sagte Matkah, „dass wir glücklicher wären, wenn wir aus die Otterinsel übersiedelten." „Bah, nur die Hollusschickie gehn zur Otterinsel. Wenn wir dort hingiengen, würde man sagen, dass wir uns fürchten. Wir müssen den Schein wahren, meine Liebe," Seesang steckte den Kops stolz zwischen seine fetten -schultern und that fünf Minuten lang, als ob er schliefe. In Wahrheit aber lugte er nur nach einem neuen Gegner aus. Jetzt, da alle Robben und ihre Weibchen am Land waren, übertönte ihr Geschrei selbst die lautesten Winde. Es waren mindestens eine Million Robben an der Küste — alte Robben, Mutter-Robben,, winzige Babys und Holluschickie — kämpfend, blöckend, kriechend und spielend. Sie giengen zur See hinunter und kamen in Truppen und Regimentern heraus, sie lagen aus jedem Fuß Boden soweit das Auge reichen konnte und streiften in Brigaden durch den dichten Nebel. Es ist in in Novastoschnah fast immer neblig, außer wenn die Sonne fünf Minuten herauskommt und alles in Regenbogenfarben taucht. Als Kotick, Matkah's Baby, in diesem Tumult zur Welt kam, war er nichts als Kops und Schulter und hatte wasserblaue Augen, wie junge Robben sie haben sollen, aber sein Rock sah so eigenthümlich aus, dass seine Aiutter ihn sehr genau betrachtete. „Seesang," sagte sie endlich, „unser Baby wird weiß sein." ,^Leere Austern und trockenes Seegras," schnarrte Seesang. „Seit die Welt steht, hat's noch keine weiße Robbe gegeben." „So wird es jetzt eine geben," sagte Matkah. Kotick plätscherte und krabbelte an der Seite seiner Mutter und lernte es, aus dem Weg zu gehen, wenn sein Vater mit einer anderen Robbe kämpfte und die zwei brüllend die glatten Felsen aus und nieder rollten. Matkah pflegt um eßbare Dinge zur See zu gehen, und das Baby wurde nur einmal in zwei Tagen gefüttert, aber dann aß es was es konnte und gedieh dabei. Das erste, was Kotick that, war, landeinwärts zu kriechen, und da traf er zehntausend Babys in seinem Alter und sie spielten zusammen wie junge Hunde, schliefen aus dem reinen Sand, und spielten wieder. Die alten Leute kümmerten sich nicht um sie, die Hollusschickie hatten ihre eigenen Plätze und die Babys hatten schöne Spielzeit. Wenn Matkah vom Fischen nach Hause kam, gieng sie direct zum Spielplatz, ries ihn wie ein Schaf ein Lamm ruft und wartete, bis sie Kotick blöcken hörte. Dann nahm sie die geradeste der geraden Richtungen aus den Punkt zu, von dem her seine Stimme kam. Kleine Robben können ebensowenig schwimmen wie kleine Kinder, aber sie sind unglücklich bis sie es lernen. Als Kotick sich zum ersten Male in die See hinauswagte, packte ihn eine Woge und trug ihn in die Tiefe hinaus. Er wäre unfehlbar ertrunken, wenn ihn nicht eine zweite Woge zurückgetragen hätte. Nach diesem Vorfall lernte es Kotick, in einer Untiefe zu liegen und sich von den Wogen emporheben zu lassen.

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