Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 6 (11.2.1898)
- Article
- Der Platz des salomonischen Tempels
- Date
- 1898-02-11
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 6 umgeben. Der Felsen ist der heilige Kern des ganzen Gebäudes, als Schale für den öden Stein wurde der Prachtbau aufgesührt. Neben dem Felsendom trägt die Plattform des Haramesch-scherif noch eine Anzahl kleinerer Bauwerke, unter denen der „Gerichtsplatz des Propheten David" das merkwürdigste ist. Es ist ein offener, elfseitiger Pavillon mit sechs Säulen in seinem Innern, auf denen die sechseckige, eine Kuppel tragende Trommel ruht. Unter dieser Kuppel soll Davids Richterstuhl gestanden haben. Wie eine' Ehrengarde umgeben die kleinen Bauten den Platz, wo das Allerheiligste war. Weltchrmik. Personalnachrichten. Dem Secretär der Wiener israelitischen Cultusgemeinde, Herrn Tr. Theodor Lieben, wurden aus Anlass seines 25jährigen Tienftjubiläums sehr ehrenvolle Ovationen seitens des Cultusvorstandes und des Beamtencorps zutheil. Dem verdienten Beamten, der stets mit großem Eifer und Pflichttreue seinen Beruf erfüllt, find auch aus den Kreisen der jüdischen Bevölkerung Glückwünsche zu- - gekommen. „Echo" wird sich ein Montagsblatt betiteln, das in der nächsten Zeit in Wien zu erscheinen gedenkt, um das antisemitische Lesebedürfnis mit der entsprechenden Nahrung zu versorgen. Eine Interpellation. In der Sitzung des Wiener Gemeinderathes vom 4. Februar interpellierte der Schöncrianer Tr. Räder, ob die deutsche Bank in Berlin, in welcher bekanntlich die Wiener Gasanleihe abgeschlossen wurde, ein jüdisches Unternehmen, und ob der Tirector derselben, Tr. Georg Siemens, ein getaufter oder ein ungetaufier Jude sei. Bürgermeister Tr. Lueger erwiderte: „Mir ist bis jetzt keine Bank der Welt bekannt, welche getauft worden ist: so glaube ich, dass auch die deutsche Bank nicht getauft ist. Es dürften auch dort Juden dabei sein, denn Juden sind überall dabei, insbesondere aber dort, wo es Geld gibt. Ter Interpellant möge eine judenreine Bankgesellschaft nennen, dam: wird es mir recht sein. Was Tr. Siemens betrifft, so muss ich bemerken, dass es Leute gibt, welche glauben, gute 'Arier zu sein, und doch wie Juden aussehen. Aber ich kenne keinen Juden, der wie ein Arier ansfieht." (Gemeinderath Fochler: „O ja!") „O nein, das gibt es nicht. Ich habe Tr. Siemens nicht ersucht, mir den Taufschein vorzulegen. Nach seinem 'Aussehen kann ich nur sagen, er sicht wie ein behäbiger Deutscher ans, der nicht eine Spur von einem Juden hat. Uebrigeus ist die Familie Siemens eine christliche Familie." „Den Juden keine ÄVaffenehre." Auch in Brünn haben die jüdisch-nationalen Studenten gegenüber den deutschczechischeu Raufsceneu auf der Hochschule selbstverständlich eine neutrale, passive Haltung eingenommen. 'Nun sind die deutschen Studenten, die bis dato immer den Juden die Zugehörigkeit zum deutschen Volksrhum abgesprvchcn haben, auf den geradezu wahnwitzigen Einfall gekommen, die Juden wären verpflichtet, inc Phgmäeukampfe der deutschen und czechifcheu Jünglinge dem schwarz-rorh-goldenen Heerbanuer Folge zu leisten. Tie jüdischen Studenten, die ein gewisses Gedächtnis für erlittene Brüskierungen und Beschimpfungen haben, fanden natürlich keine Ursache, sich für germanische Flegeleien durch Stockhiebe auf czechische Rücken erkenntlich zu zeigen, und so wurden sie denn von den deutschen Hörern der technischen Hochschule für „sarisfactionsunfähig" erklärt. Unter dem Schlagworte : „Ten I üben keine Waffenehre" haben die antisemitischen Blätter diese Schreckensbotschaft pub--' liciert und zugleich erwähnt, dass auch die freisinnigen deutschen Studenten sich diesem zerschmetternden Bannspruche angeschlossen haben. Tie „Freisinnigen", das sind die Kohn's, die Lemi' rc., die hinter den teutonischen- Hepp-hepp-rufern - verlegen - -lächelnd einherhumpeln und das Hepp-Hepp durch wildes „Heil-Wolf! Heil Schönerer!" zu überfchreicn suchen. Nun. schreien die Kohn's und Löwi's, die für deutsche Eicheln eine so innige Liebe haben, auch noch: „Den Juden keine Waffenehre!" Wenn zwei sich streiten, so wird immer der Jude als stiller Compagnon an die geprügelte Partei angekoppelt. Sonntag, 6. Jänner, wurde in Wien eine Anzahl deutsch-! nationaler Protestversammlungen gegen irgendwelche czechische „Provocationen" abgehalten, und da hielt es selbstverständlich jeder Redner, der mit der Macht seines Wortes, in der Ber-' sammlung an den Czechen blutige Rache nahm, für.seine Ehrenpflicht, die Juden an die Czechen anzukoppeln. So. sprach, ein. mit dem urgermanischen Namen. Ed. v. Stransky ausgestatteter Deutschnationaler im Restaurant Kaiserhof viel von ' einem deutschen Michel, der lange geschlafen" habe "und nun - erwacht sei, dann erzählte er-von einem-Kampfbeil, -das-nicht-begraben werden solle, dann von der. Bekämpfung des Czechen- und Judenthums, dann vom - Pilsner Bier/das wegen seiner czechischen Abstammung nicht getrunken werden dürfe rc. In einer anderen Versammlung debattierte Schriftleiter Pacher gegen einen Aufsatz der ..Narodni Listy“, in welchem behauptet wird, es gebe in Wien gar keineschönen germanischen Typen, die hübschen Frauen in Wien seien Slavinnen und Jüdinnen Redner suchte die Versammlung vom Gegentheil zu überzeugen. (Ohne Demonstrierung lebender Objecte). Judenfeindliche Maskerade. In Czernowitz ist ein Comitö behufs Arrangierung eines .Maskenballes zu Gunsten des Theaterfondes zusammengetreten'undhat au die gesellschaftliche Creme der Bukowinaer-Metropole Einladungskarten verschickt. Einladungskarten erhielten .nicht!: Die-überwiegende Mehrzahl der jüdischen Magistratsbeamten, die . jüdischen Beamten im Baudepartement der Landesregierung, der jüdische Kaufmannsftand :c. und so bleibt. ihnen durch die Vergesslichkeit des Comitds der Zutritt, zu dem Mummenschanz versagt. Die Bewegung gegen den Hausierhandel W auch nach Croatien übergegriffen. Auf den Territorien der Städte Mitro vic za und Kmrlstadt, wurde die Ausübung des Hausierhandels verboten. Stöcker redivivus hateinen „judenreinen" Arbeiterverband ins . Leben gerufen. Aus deutschen Vertretungskörpern. In der Sitzung des badischen Landtages vom 4. Februar erklärte der 'Abgeordneter Pfisterer anläßlich der Debatte über' das Cultusetat, er könne die-Forderung für die Dotation des israelitischen Culws nur dann bewilligen, wenn die Summe zur Uebersetzung des Talmuds verwendet werde. In der Sitzung des deutschen Reichstages vom 4. Feber hat der Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg die Ansicht geäußert,man könnte am Sonntag, zur Erhaltung der Sonntagsruhe, den Juden ihre Postsachen durch jüdische Briefttäger zustellen lassen. Ter genannte Abgeordnete hat sich in dieser Sitzung auch sehr . darüber,aufgeregt,...dass...einige Postkarten,.mir.antisemitischen Inschriften von der Postbeförderung ausgeschlossen worden find. Das Einwanderungsverbot in den vereinigten Staaten. Ter Temps meldet aus Washington, dass nach einer kurzen Berathuug der Senat mit 48 gegen 25 Stimmen den Gesetzentwurf gegen die Einwanderung angenommen habe. Von Ahlwardt. Dem Rector aller Deutschen ist vor kurzem etwas Merkwürdiges passiert. Seine Agitationsreise im Wahlkreise Schwelm fiihrte ihn auch nach Langenfeld. Dort wollte er vor einer Versammlung seine bekannte Theorie auskramen. Die Versammlung machte sich nun den Scherz und wählte einen anwesenden Juden zum Vorsitzenden. Als nun Ahlwardt mit seinem im Vorhinein erkorenen Vorsitzenden erschien, war er über die sonderbare .Besetzung des Präsidiums sehr erstaunt, und konnte infolge dieses Zwischenfalles seinem Vorttage nicht jene ernste Würde verleihen, die dem Thema angemessen war. Schönerer zu Ehren hatsich auch in Norddeutschland eine- Secte von Gläubigen gebildet, die sich ..Norddeutscher Jügendbünd Schönerer" benamset? Sie hat vor' kurzem ihre" diesjährigesatzungs gemäße- Hauptversammlung abgehalten.