Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 6 (11.2.1898)
- Article
- Der Platz des salomonischen Tempels
- Date
- 1898-02-11
- Page
- 5 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 6 Seite 5 Der Platz des salomonischen Tempels. Im Südosten von Jerusalem liegt der Haram-esclischerif, die Stätte des Berges Moria. Salomo hat mit ungeheurem Kostenauswand den Gipfel des Berges ebnen und den Prachtbau des Tempels hier aufführen lassen. Heute trägt der Haram-esch-scherif den berühmten Felsendom, die „Moschee Omars." Rings ist der Platz von Mauern und Bauwerken eingehegt, die stückweise aneinandergereiht, in ihrem regellosen, bunten Stil die schaffende und zerstörende Thätigkeit der verschiedensten Völker und Generationen erkennen lassen. Am Fuße der Mauer riesige Steine, Ueberreste der Wälle Salomos, über diesen Trümmer von den Festungen des Herodes, Reste von römischen und sarazenischen Bauten. Die Einhegung hat einen Umsang verschiedenartig gesärbtem Glas von harmonischer, geschmackvoller Zusammenstellung. Der Unterbau ist mit Platten von verschiedenartigem Marmor bekleidet. Von einer mit Blei eingedeckten Kuppel wird der Felsendom abgeschlossen. Im Innern des Gebäudes herrscht ein geheimnisvolles Halbdunkel: die farbigen Scheiben, deren Schönheit im ganzen Oriente berühmt ist, lassen nur ein gedämpftes Licht durch. Man hat die Täuschung, als käme es aus hohl gefassten Edelsteinen. Der achteckige Bau ist innen von zwei Säulenreihen getragen. Jede dieser Prachtsäulen ist ein Kunstwerk von seltenem Werte. Die Wände der Moschee sind mit einer wunderbaren Mosaikoerkleidung überzogen. Es sind Myriaden bunter Marmorstückchen, von über 1600 Meter. Innerhalb des Mauerwerkes, auf der weiten Ebene eine großartige.^ernste Einsamkeit; zwischen den Steinplatten, die den Boden bedecken, wächst das Gras wie auf einer Wiese, hie und da eine uralte Cypreffe. In der Mitte der Ebene, erhebt sich eine Plattform. Sie ist ungefähr 5 Meter höher als der übrige ULram-eselischerif. Von allen Seiten führen breite Treppen zu ihr empor, die mit steinernen, von Säulen getragenen Bogen geziert sind. Die Plattform ist mit buntem Marmor gepflastert und wird im Westen und Südwesten an einigen Stellen von Gewölben getragen. Sie ist der Unterbau für den Felsendom. Der Felsendom ist ein achteckiges Gebäude und besteht zunächst aus einem Ö Meter hohen Unterbau, der durch 4 Thüren zugänglich ist. Der Unterbau dient einem zweiten Stockwerk zur Stütze, das auf jeder seiner acht Seiten mit sieben Rundbogen geschmückt ist. Achtundreißig von diesen wölben sich über wirkliche Fenster, die übrigen achtzehn sind verblendet. Die Scheiben der Fenster bestehen aus schillernde Perlmutter- und Goldsplitter.^Zu abenteuerlichen Blumengewinden sind sie aneinandergereiht und im farbigen scheine der Fenster machen die glitzernden, blitzenden Wände einen feenhaften Eindruck. In der Mitte der Moschee unter der Kuppel ragt aus dem Marmorboden ein roher, unförmlicher Fels empor. Wie ein schwarzer Lavaklumpen, der plötzlich die kunstvollen Platten durchbrochen hat und erstarrt ist. Es ist die äußerste Spitze des Berges Moria, ein Heiligthum aller Bekenntnisse. Es ist der Stein auf dem Jakob schlief, als die Engel vom Himmel zu ihm niederstiegen, er war die Tenne Arnans, des Jebusiters, wo dem König David der rächende Engel erschien. Und David errichtete dort den Altar zum Brandopfer und Salomon baute den Tempel an dieser Stelle. Unter dem Allerheiligsten soll der Fels gelegen sein. Am Fuße des Felsens befindet sich eine kleine Höhle, zu der eine steinerne Treppe hinunterführt. Ein Damastbaldachin überdeckt den Felsen, rings ist er von einem reichverzierten Gitterwerk und einem Säulenkranz