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Die Welt · 1898-02-04 · 5 (4.2.1898) · p. 16

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
5 (4.2.1898)
Article
Ein jüdisches Proletarierdrama [Rezension]
Date
1898-02-04
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 5 JHu&rtWC sich wieder seinen ganzen Schatz an Jargonphrasen durch einen längeren Verkehr mit einem leibhaften „Marschelek" aneignete. Die allen Gesetzen der Natur und der menschlichen Vernunft hohnsprechende Ehe zwischen Malta und Jojne. erscheint dem Außenstehenden im rosigen Lichte. Dem dummen Jojne, der seine Frau mit der ganzen Kraft seiner Sinnlichkeit liebt, hätschelt und anbetet, wie ein Kind seine Puppe, fehlt nichts mehr zu seinem Glück. Er betheuert es mit den Worten: „Ich habe ein Weib, einen Kramladen und einen Schlafrock." Auch Matka scheint sich in die Situation gefunden und mit der Vergangenheit abgeschlossen zu haben. Sie setzt ja nur alles daran, ihren Mann zu veredeln und zu sich emporzuheben. Und doch bleibt diese Ehe ein Monstrum. In der Ghettoehe blickt das Weib zum Manne empor, ja sie vergöttert ihn, er ist ihr Herr, Malta kann ihren Mann kaum achten; im Ghetto ist die Ehe für den Mann ein heiliges Band, eine göttliche Institution, Jojne hat eine niedrigere Auffassung. Und da bäumt sich in Malta oft ihre ganze weibliche Würde auf, sie möchte die Ketten sprengen, die sie sich selbst anlegen ließ. Doch es fehlt ihr an Thatkraft. Da erscheint ihr ein Erlöser. Der junge Advocat, der früher ihre Liebe verschmäht hat, entsagt seiner Braut und wirbt jetzt um ihre Hand. Ohne Zaudern stimmt sie zu. Ihr Verhältnis zu Jojne war nur Schein und Trug. Ihr früherer Entschluss war nur momentaner Verzweiflung und Rathlofigkeit, aber nicht der Resignation entsprungen. Malka Schwarzenkopf will keine Märtyrerin werden. Sie wählt lieber den Scheidebrief. Aber der eigene Vater stellt sich in den Weg. Da schleudert die Tochter dem alten Vater, der bei ihr das Gnadenbrod ißt, den Vorwurf entgegen, dass er das ganze Jahre beim warmen Ofen gesessen und sich gemästet habe, während sie leiden musste. ... Er aber bleibt unerschüttert. Warum statt des Jojne ein anderer, wenn ihm Jojne lieber war? Malta geht freiwillig in den Tod, indem sie sich vergiftet. Gabryela von Zapolska wollte in diesem Stücke den Consiict zwischen der alten und jungen Generation schildern. Malka ist die Repräsentantin eines neuen Geistes im Ghetto. Und siehe! sie versteht ihr Volk nicht mehr; ja sie hat sich ihrem eigenen Vater entfremdet und damit außerhalb des Rahmens des verklärten jüdischen Familienlebens gestellt. Darum ist Matka weder das, noch überhaupt ein jüdisches Weib. Die Eigenschaften des jüdischen Ghettoweibes, die aufopferungsvolle Gatten- und Kindesliebe, die Ausdauer und jenen sonderbaren wirtschaftlichen Heroismus, der oft den Mann beschämt, besitzt sie nicht. Welche Eigenschaften der Seele statt dessen das Pensionat in ihr erzogen, und was sie dort als inneren Halt mit auf den Lebensweg bekommen hat, geht aus dem ganzen Wesen der Heldin nicht hervor. Zapolska stellt dem Weib des Ghetto diese passive und sentimentale Erziehungsfrucht der modernen Pensionate entgegen. Wir sehen ja, wie sich Jenta Tiszebuf für ihre vier Kinder, mit denen sie in einem Bett schläft, und für ihre alte gelähmte Mutter den ganzen Tag abrackert: wir sehen, wie sie, Nachts abgehetzt, erschöpft, durchfroren nachhause kommend, beim Anblick der Kinder alles vergisst, wenn sie sie zärtlich streichelt und ihnen zum Nachtmahl eine Bretzel reicht. Und neben ihr Malta mit ihren sentimentalen Seufzern! Darum bringt ihr Name in die Galerie markanter jüdischer Gestalten in der polnischen Literatur wie Maier Efofowicz, Mendel Danziger. Srnl aus Lubartow, der starke Simfon, Chava Rubin u. s. w., keinen neuen Typus. Malka Schwarzenkopf ist keine Heldengestalt, sie ist auch nicht das moderne jüdische Weib, sie ist nur eine fremde Frucht, die Zapolska in das Ghetto verpflanzen wollte, obwohl außer dem Namen nichts ihren jüdischen Ursprung verräth. Ist es der Zapolska gelungen, das ganze Ghetto zu schildern, nicht blos das äußere Leben, sondern auch seinen Geist? In das wirkliche Ghetto, das sich seine eigene Welt schafft und das alle die Kräfte aufgespeichert hat, denen das Judenthum feine Existenz zu verdanken hat, vermochte sie nicht einzudringen. Aber selbst das Bild, das sie auf der Bühne aufrollt, gewährt den meisten Zuschauern einen Blick in ein Meer von Leiden, die ihnen bisher unbekannt waren und die doch unter ihren Augen einen ganzen Kreis von Menschen Niederdrücken. Und wenn taufende von Menschen, die für diese Leiden stets nur Spott und Hohn fühlten, auch einmal dadurch gerührt werden und darüber nachzudenken anfangen, so ist das ein Verdienst der Frau von Zapolska. Das sei hier anerkannt. Dr. 8. R. Landau. Bücherwelk. „Der Talmud und die Römer." kulturhistorische Studie von Dr. Heinrich L. Reich, l'.l. Austuge. Jrn Anhänge: „Der Zionismus" (Bortrag, gehalten im Vereine „Zion". Wien, am 1. Juni 1897), Wien: Braumüüer 1898. Es ist wohl eines der interessantesten Eapitel aus der jüdischen Eultur- und Geistesgeschichte, in das uns der Verfasser mit einem großen Aufwande von kritischem Sinn und origineller Eiuellenbeurtheilung einführt. Es ist dies die Entstehung der ralmudischen Literatur und ihrer ersten Anfänge in der Schule zu Jabneh oder Jamnia, wo die von Rom scheinbar getretene und vernichtete Nation von Neuem zu leben beginnen sollte. Der Einfluß Roms auf den Gang der Entwickelung dieser Schule und ihrer Lehren war, wie der Verfasser auf Grund eingehender Kritik nachzuweisen versucht, ein maßgebender. Die römischen Sieger mußten im' Glauben gelassen werden, die jüdische Nation vernichtet und das besiegte Judenthum in ein engeres blos religiöses Gebiet eingezwängt zu haben. Aber in der Thal war es anders. Jene zelotischen Verordnungen, die den Abschluß des Judenthums von der heidnischen Welt herbeiführten, die übrigens religiöser Natur sind aber dennoch auch rein nationalen Zwecken dienten, jene „18 Bestimmungen", die nach der Tradition im Hause des Zelotenführers Eleazar entstanden, verlegt Reich in die Schule zu Jabneh, die Rabbi Jochannan ben Sakai. der einstige scheinbare Römerfreund, sich von Vespasian erbeten hatte. Auch die letzten Eapitel der „Sprüche Salomo's sollen dort entstanden sein, die, wie der Verfasser der vorliegenden Arbeit nachweist, gegen den Verräther seines Volkes und Ueberläufer Josephus Flavius gerichtet sind und sein unwürdiges heuchlerisches Benehmen aufs Schärfste geißeln. Im Anhänge spricht der Verfasser als Theologe vom „Zionismus", der entgegen seinen „protestirenden" Eollegen im Amte, nach seiner Ansicht, unanfechtbar ist" „Die zionistische Bewegung" schließt jede Illoyalität aus, sie steht auch durchaus nicht im Widersvruch mit der religiösen traditionellen Anschauung, ja noch mehr, man könnte sagen, sie sei sogar durchdieselbe bedingt und vom strengglä-ubigen religiösen Standpunkte nur freudig zu begrüßen . . . „Unsere Gebete bilden von der ersten bis zur letzten Seite eine fortlaufende, glühende Propaganda des Zionismus." „Die Argumente, die aus der Schatzkammer der Gottesgelehrtheit geholt werden zur Bekämpfung des Zionismus vom Standpunkte der religiösen Tradition, sind vorerst nicht am Platze, denn es liegt im Interesse des religiösen Geistes, denselben wach zu erhalten, zu fördern: sie sind aber auch nicht zweifellos begründet." Eine interessante, nicht allgemein bekannte Stelle aus dom Jalkut zu Jesaias (Hosea?) wie Dr. Reich anführt, sei hier wiedergegeben: Der Genius des jüdischen Volkes trat vor Gottes Thron und fragte: „O Herr, wann wirst endlich du uns erlösen?" Da sprach der Herr: „Ich erlöse euch nur dann, wenn Ihr aufs Tiefste gesunken seid, denn so verkündete ich durch des Propheten Mund: „Es werden sich die Kinder Jehudas und Israels einmüthig versammeln, werden sich einen gemeinsamen Führer wählen und hinausziehen aus dem Erile" . . . Gottlob, dass es auch noch andere Theologen gibt, als die Protestler. M. B. Büchrreinlauf. ...,»r lia’inaarahi“ (The Western light) Hebräische Monatsschrift. 2. JaHrg.. L, 2., .1. Heft. Herausg. S. B. Schwarzberg- New-Aork. „Ha^at“ und Sammelschriften, als Beilagen zum ..ttnmeliz-, herausgegeben von dessen Redacteur L. Rabbinowitz, St. Petersburg 1898. 9t; ft- 82 und 95 ftr>t;. „Dibre J’ine Ha’simim.4* Allgemeine Weltgeschichte in hebräischer Sprache. 1. Theil: Alterth'um, von Israel B elkind. Verlag „Hazewi“. Jerusalem 1897. „Abne Nrhoham4*. Sammlung zionistischer Lieder, hebräisch und jüdisch-deutsch von M. Birnbaum. Krakau 1893. Herausgeber: P. Aaschauer. Verantw. Red.: Dr. Siegln. Werner. Buchdruckerei Industrie (S. Bergmann), VIII, Schlößelg. 11.

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