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Die Welt · 1898-02-04 · 5 (4.2.1898) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
5 (4.2.1898)
Article
Ein jüdisches Proletarierdrama [Rezension]
Date
1898-02-04
Page
15 (sequence 1)
Language
German
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<ttt. 5 Jto$Wdtr Seite 15 Ein jüdisches Prolrtsrierdranrs. („Malka Schwcrrzei^opf" von Gabryela v. Zapolska.) Das jüdische Elend im dramatischen Gewand. Zum erstenmale -»rscheinen auf der polnischen Bühne jüdische Gestalten, nicht als Episodenfiguren, nicht blos um die Lachmuskeln zu reizen, nicht blos als Caricaturen, sondern inmitten des Milieus, dem sie entnommen sind, als Träger einer unbekannten Welt, in die einzudringen und die zu verstehen nur sehr wenig Aussenstehenden bisher vergönnt war. Was der O r z e s c k o im „Starken Simson" „Meier Esosowicz", und „Eli Makower", der K o n o p n i ck a in ihrem „Mendel Danziger" und Swietochowski in der „Chava Rubin" gelungen ist, das suchte Gabryela von Zapolska zum erstenmal aus der Bühne darzustellen: das Leben und Streben im abgeschlossenen Ghetto, seine Licht- und Schattenseiten, seine Sorgen und seine Ideale, seinen Kummer und seinen Zauber. Denn sie hat sie selbst beobachtet. Und was eine Außenstehende sehen kann, ist ihr nicht entgangen. Sie hat es nun aus der Bühne entrollt, objectiv, wahrheitstreu, nicht für und nicht gegen die Juden. Nicht wie bisher die Tendenz, sondern der Stoff und die Kunst sollten die Aufmerksamkeit des Publikums auf das Stück lenken. Zapolska's Verismus brauchte neuen Stoff. Ihre naturalistischen Romane, die ihr in der polnischen Literatur zum Prädicat „Zola im Unterrock" verhalsen, befriedigten sie nicht; das Ghettoleben, das sich vor ihren Augen alltäglich aus den Ralewki und in derMarszalkowska*) abspielte, mit seiner grauenhaften Roth und seiner eigenen Weltanschauung forderte die originelle Schriftstellerin heraus. Und was sie sah, beschrieb sie, so wie sie es sah; sie stellte das Judenelend in seiner nackten Gestalt aus die polnische Bühne. Zapolska nannte ihr Stück nach der Heldin „Malka Schwarzenkopf". Sie hat damit aus allen polnischen Bühnen einen Erfolg errungen. In Warschau wurde es binnen kurzer Zeit über hundertmal, in Krakau und Lemberg wird es bereits seit mehreren Monaten bei vollen Häusern aufgesührt. Woran liegt das? Man interessiert sich für alles jüdische mehr als früher. Ist es der Zapolska aber gelungen, den Schleier vom Ghetto zu lüsten und mehr zu sehen, als das bloße Aeußere — die Seele und nicht blos den Körper? Matka Schwarzenkopf ist die Tochter eines armen alten Zündhölzchenhausierers in der Marszalkowska. Eine reiche Glaubensgenossin hatte sich ihrer angenommen und sie in einem Breslauer Pensionat erziehen lassen. Doch als Matka nach Warschau zurückkehrt, stirbt gerade ihre Wohlthäterin. Sie hinterlässt kein Testament und ihr Vermögen fällt dem jungen leichtsinnigen Neffen Moriz Silberzweig zu. Silberzweig ist ein Typus. Er ist das Product der modernen jüdischen Erziehung in der „besseren" Gesellschaft. Ohne Herz und Gemüth empfindet er sein Judenthum als eine Last. Selbst der eigene Name ist ihm ein Gräuel. Er möchte lieber einen Schlachzizennamen tragen, zum Beispiel Srebrnowski. Dann könnte er auch in christliche Kreise kommen und „den großen Herren spielen". Wenn auch Silberzweig in der späteren Handlung zurücktritt, so bleibt doch die mit großem Sarkasmus bearbeitete Scene im ersten Act, wo Silberzweig dem Advokatursgehilfen Löwy seine Namensschmerzen vorträgt, eine der besten im ganzen Schauspiel. Es war nicht zu erwarten, dass dieser Mann die Ziehtochter seiner Tante selbstlos unterstützte. Sie weist seine Anträge zurück. Sie hat nun kein anderes Heim, als bei ihrem alten Vater, der selbst bei der Handelsschreierin Jenta Tischebuf als Aftermiether einquartiert ist. Seine „Wohnung" besteht hier aus einem „Winkel"; *) Judengassen in Warschau. die Tiszebuf mit ihren vier Kindern und ihrer gelähmten Mutter occupieren den Rest des kleinen Raumes — ein wahres Bild jüdischen Massenelendes. Für die Verfasserin der „Menschlichen Menagerie" lag hier die Versuchung nahe, das Jammerbild zu übertreiben und damit zu entstellen — Gabryela Zapolska verklärt es aber durch die zärtliche Mutter- und Kindesliebe der Tischebus, die dieser doppelten Pflicht mit der größten Fürsorge und mit dem ganzen Auswande ihres Tagesverdienstes von 27 Groschen nachkommt. In diesen engen Raum kommt jetzt noch ein Mensch. Der alte Schwarzenkopf muss seinen Winkel mit Malta theilen. Von dem geringen Erlös der Zündhölzchen müssen jetzt zwei Personen leben. Aber er wird mit jedem Tag geringer, denn Schwarzenkopf ist ein gebrechlicher Greis, und draußen ist es kalt. Auch drinn im Zimmer, weil es an Holz und Kohle mangelt. Malta kann für die Tauer ein solches Leben nicht ertragen. Sie ist anders erzogen und besser gewöhnt. Aber alle ihre Versuche, selbst etwas zu verdienen, scheitern, sie findet weder Lectionen noch sonstige Beschäftigung. Sie sieht ein, dass sie ihrem Vater zur Last wird. Was sie thun kann, ist, dass sie den Winkel ausräumt und rein hält. Einmal hat sie sogar der Jenta geholfen und das ganze Zimmer aufgeräumt. Doch der Alte verwies ihr das streng, denn er habe sich dazu nicht verpflichtet. Aber wenn der Greis spät abends von Kälte erstarrt nachhause kam, und sie konnte ihm nichts zum Wärmen reichen, nicht einmal einen Tops mit glühenden Kohlen, da erkannte sie, was ihr bisher unbekannt war, die wahre Armuth. "Nun blieb noch ein Ausweg. Es könnte dadurch nicht blos der Matka, sondern auch ihrem Vater geholfen werden. In der "Nähe wohnte ein Krämer, der alte Firulkes und sein Sohn, ein krummer, hässlicher, verblödeter Jüngling Jojne. Die alte Heirathsoermittlerin Pake Rosenthal fasst nun den Plan, diese „Partie" zwischen Jojne und Malta zustande zu bringen. Jojne besaß zwar kein empfehlendes Exterieur, auch keine geistigen Vorzüge, denn die "Natur hat ihn doppelt stiefmütterlich behandelt, aber er war ein Krämersohn, also wohlhabend: er war „eine gute Partie". Der Vater wollte ihm die Hälfte seines Geschäftes zur Mitgift geben und das will was heißen, das war verlockend. Der alte Schwarzenkopf war vom Antrag der Frau Rosenthal entzückt und er schwärmte schon davon, wie er beim warmen Ofen sitzen, und selbst an Wochentagen Barches essen werde. Der alte Firulkes versprach ihm außerdem einen neuen Seidenrock zur Hochzeit. "Nun galt es, noch Malta für die Partie zu gewinnen. Sonderbarerweise nahm sie den Antrag günstig aus. Sie entschloss sich sofort einen Mann zu heirathen, den sie nicht kannte, den sie nie gesehen hat: von dem ihr blos ihre Zimmerfrau erzählte, dass er ein geistiger Krüppel sei, den niemand wolle. Der Vater selbst schüttelte über ihre unerwartete Zustimmung den Kops. Was sei denn dem Mädchen geschehen, mit der er einen schweren Kamps aussechten zu müssen gefasst war? Sie war einfach um ihre letzte Hoffnung betrogen. Der Advocatursgehilse Löwy, für den sie eine tiefe Sympathie empfand, erklärte ihr, eine andere heiraten zu müssen, weil sie Geld habe und er arm sei und es seine Eltern so verlangen. Ta übermannte sie eine Verzweiflung und sie fügte sich dem Willen ihres Vaters. Sie resignierte und opferte sich. Malta heiratet also den Jojne und der ganze dritte Act enthält lediglich die Ceremonien bei jüdischen Hochzeiten, mit dem Glaszerbrechen, „Mizwetänzel" und dem obligaten Hanswurst, genannt „Marschelek" — ein entzückendes Schauspiel für das Galleriepublicum. Interessieren dürste, dass der dritte Act nicht die Frau von Zapolska, sondern eine andere Person, einen Komiker der Warschauer Bühne zum Verfasser hat, der

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