Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 5 (4.2.1898)
- Article
- Für die Juden
- Date
- 1898-02-04
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Sette 6 J?lcOW<JC Nr. 5 Und heute noch kommt ihre thatsächliche Macht von Euch, die Ihr ihnen dieselbe zu Bewußtsein bringt, indem Ihr übertreibt. Man schafft eine Gefahr dadurch, dass man alle Morgen ausruft, sie sei vorhanden. Indem man dem Volke fortwährend ein Schreckbild zeigt, erzeugt man selbst das Ungeheuer. Sprechet nicht mehr von ihnen, und sie werden aufhörcn zu sein. An dem Tage, wo der Jude blos ein Mensch wie wir sein wird, da wird er unser Bruder sein. Die vollständig entgegengesetzte Taktik ist angezeigt. Die Arme weit geöffnet; die Gleichheit, durch das Gesetz anerkannt, sollet Ihr gesellschaftlich verwirklichen. Umfanget sie mit Liebe, um sie zu absorbiren und mit uns zu vermischen. Bereichern wir uns durch ihre guten Eigenschaften, deren sie wohl besitzen. Vertilget den Krieg mit der Rasse, indem Ihr Euch mit ihr vermenget. Fördert die Ehen mit ihnen und überlasset es den Kindern, die Väter miteinander auszusöhnen. Das allein ist das Werk der Bereinigung, das Werk der Menschlichkeit und der Befreiung. Der Antisemitismus ist in den Ländern, in welchen er zu Bedeutung gelangt, niemals etwas anderes, als die Waffe einer politischen Partei, oder das Resultat ernster ökonomischer Krisen; aber es ist nicht wahr, dass in Frankreich, wie man uns glauben machen will, die Juden die absoluten Herren der Macht und des Kapitals sind. Bei uns bleibt der Antisemitismus in der Luft, ohne Wurzel im Volke fassen zu können. Um selbst nur einen Schein von Bewegung, welche nichts Anderes ist, als leeres Gepolter, hervorzubringen, bedurfte es der Leidenschaft einiger Hitzköpfe, des Wortstreits, in welchem ein falscher Katholizismus durch Mißbrauch der Literatur beweisen will, dass Rothschild ein direkter Nachkomme von Judas ist, welcher den Herrn verrathen und ans Kreuz gebracht hat. Und ich möchte noch hinzufiigen, dass das Bedürfnis nach einem Tummelplatz, die Sucht von sich reden und lesen zu machen, eine dröhnende Notorietät zu erlangen, die Ursache davon waren, dass diese öffentlichen Scheiterhaufen errichtet und entzündet wurden, deren Flammen aber glücklicherweise nur Theaterdekvration sind. Welch kläglichen Mißerfolg haben sie aber auch zu verzeichnen! Seit langen Monaten werden so viel Beschimpfung, so viel Berrath geübt, werden täglich so viele Juden als Räuber und Diebe angesehen, werden selbst Christen zu Juden gemacht, wenn es sich darum handelt, sie anzufeinden. Alle Welt ist Jude, wird verfolgt, beschimpft, verurtheilt. Und eigentlich ist dies alles nichts als Geschrei, eine Entfaltung niedriger Leidenschaften, sind es bloß häßliche Worte; aber nicht eine einzige That, nicht die kleinste Emeute, nicht ein einziger gespaltener Schädel, nicht eine gebrochene Fensterscheibe! Unser französisches Volk muss doch ein gutmüthiges Völkchen sein, und klug und rechtschaffen, um bei diesen täglichen Aufreizungen zum Bürgerkriege seine Vernunft zu bewahren und bei den abscheulichen Aufwiegelungen ruhig zu bleiben. Dieser tägliche Durst nach Judenblut! Man verspeist im Morgenblatt zum Frühstück nicht mehr wie sonst einen Pfaffen, sondern einen Juden, den fettesten, den blühendsten, den man finden kann; ein Frühstück, welches mindestens ebenso unschmackhaft und albern ist, als das frühere. Bei all ihrer Arbeit, der tollsten, verdammenswerthesten, glücklicherweise auch unnützesten, die man verrichten kann, erreichen sie nichts, da nicht einmal die Passanten von der Straße den Kopf nach ihnen wenden; sie lassen die vom Teufel Besessenen um sich schlagen, wie Belzebub im Weihkessel. Das Außerordentliche an der Sache ist, dass sie thun, als ob sie von der Ueberzeugung durchdrungen wären, ein unerlässliches Werk zu vollführen. O, die armen Leute! wie ich sie beklage, wenn sie es ehrlich meinen! Welch' erbärmliche Urkunde für den Geschichtsforscher werden sie zurücklaffen: Anhäufung von Jrrthümern, Lügen, verzehrendem Neid, Wahnwitz! Wenn ein Kritiker dereinst in diesen Morast hinabsteigen sollte, wird er vor Abscheu zurücktveichen und feststellen, dass hier blos religiöse Leidenschaften, aus dem Gleichwicht gebrachte Intelligenzen im Spiele waren. Und man wird sie dann an den Schandpfahl der Geschichte nageln, wie die Uebelthäter der Geschichte alle, deren Verbrechen Dank der Verblendung, mit welcher sie verübt wurden, Frühgeburten waren. Denn das ist meine fortwährende Verblüffung, dass eine solche Rückkehr zum Fanatismus, ein solches Verlangen nach einem Religionskrieg in unserer Zeit entstehen kaim, in unserem großen Paris, inmitten unseres guten Volkes, und zwar im Zeitalter der Demokratie und der Duldung, - in welcher sich überall eine unermessliche Bewegung für Gleichheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit kundgibt. Wir sind daran, die Grenzen aufzuheben, die Gemeinsamkeit der Völker zu träumen, Religionskongresse, zu berufen, damit die Priester aller Kulte sich umarmen, uns als Brüder zu fühlen, einander zu befreien vom menschlichen Elend, indeni wir der Humanität einen Altar errichten! Und da kommt eine Handvoll Narren, Blödsinniger oder Schlauköpfe, welche uns jeden Morgen zurufen: „Tödten wir die Juden, metzeln wir sie nieder, rotten wir sie aus, vertilgen wir sie, kehren wir zum Scheiterhaufen, zur Zwangsbekehrung zurück." Das nenne ich doch den richtigen Moment erfaßen! Es gäbe nichts Dümmeres, wenn es nicht noch verabscheuungswürdiger als dumm wäre. Sei es auch, dass in den Händen einiger Juden eine bedauerliche Anhäufung von Reichthümern sich befindet, was auch tatsächlich der Fall ist. Aber dieselbe Anhäufung befindet sich bei Katholiken und Protestanten. Beutet nur die Revolten des Pöbels aus, indem Ihr ihn in den Dienst der religiösen Leidenschaften stellet. Werfet nur den Enterbten der Gesellschaft den Juden als Köder hin unter dem Vorwand, ihnen den Geldmenschen zu opfern. Das ist aber ein heuchlerischer und lügenhafter Sozialismus, der an den Pranger gehört, den man brandmarken muss. Wenn einst das Gesetz der Arbeit ausgeftaltct sein wird zum Nutz und Frommen der Wahrheit und des Menschenglückes, dann wird es die ganze Menschheit erneuen: und, dann wird es gleichgiltig sein, ob man Jude oder Christ ist; denn die Rechenschaftslegung wird die gleiche, die neuen Pflichten werden für alle gleich sein. O, diese menschliche Einheit, an die zu glauben wir Alle uns bemühen sollten, wenn wir deir Muth behalten wolle:: zu leben, wenn wir im Kampf ums Dasein die Hoffnung im Herzen behalten wollen! Der Ruf darnach ist jetzt noch verworrenes Geschrei, aber er wird sich entwirren, anschwellen und aufsteigen, ausgehend von allen Völkern, die nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden lechzen. Legen wir die Waffen des Hasses bei Seite, lieben wir einander in unserem Lande, über alle Grenzen hinaus, arbeiten wir daran, alle Rassen zu einer einzigen, endlich glücklichen Familie zu verschmelzen! Nehmen wir an, es würden Jahrhunderte dazu nöthig sein, aber lassen wir uns trotzdem den Glauben an die endliche Verwirklichung der allgemeinen Nächstenliebe nicht nehmen, damit wir wenigstens heute schon anfangen einander zu lieben, soviel es die Erbärmlichkeit der gegenwärtigen Zeit zuläßt. Ueberlaffen wir es den Thoren und den Bösen, in die Barbarei der Wildnis zurückzufallen, denjenigen, welche glauben, mit Dolchstichen Gerechtigkeit zu üben. Sagte doch Jesus seinen verzweifelten Getreuen, dass erden Juden verziehen hat, und dass sie Menschen sind.